„Wer nach EtherCAT sucht, findet uns“

Interview mit Thomas Waggershauser, Geschäftsführer der acontis technologies GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Waggershauser, grundsätzlich tritt die acontis technologies GmbH in zwei Produktsegmenten auf: mit einem Echtzeit-Hypervisor und EtherCAT – wo liegt dabei der Schwerpunkt?

Thomas Waggershauser: Mit dem Echtzeit-Hypervisor, über den auf einem Rechner mehrere Betriebssysteme parallel ausgeführt werden können, haben wir vor 25 Jahren begonnen. Interessanterweise setzen alle unsere Kunden, die wir für diese Lösung gewinnen konnten, inzwischen aber auch unsere EtherCAT-Software ein. Unser diesbezügliches Engagement entstand damals durch einen weltweit führenden Robotikhersteller als Initialkunden, der EtherCAT auch in diesem Steuerungskontext verwenden wollte. Zusammen mit ihm haben wir unseren EtherCAT-Masterstack entwickelt, den wir von Anfang an so ausgelegt haben, dass er mit nahezu jedem Betriebssystem und unabhängig von der verbauten CPU ausgeführt

werden kann: von ganz kleinen Single-Core-Systemen, die beispielsweise im Automotive-Segment einzig den Antrieb einer Schraubvorrichtung an- und abstellen und dort das Drehmoment auslesen, bis hin zur Startrampe der Ariane 6, wo zwei PCs komplett redundant mehr als 2.500 einzelne Geräte ansteuern.

Wirtschaftsforum: Wie breit fallen die Anwendungsfelder für Ihre Lösung im gelebten Alltag aus – und wie global sind die Aktivitäten Ihres Unternehmens?

Thomas Waggershauser: Soweit uns bekannt ist, wird unsere Software in mindestens zwei Millionen Geräten auf der ganzen Welt betrieben – wir sind also ein echter Hidden Champion, den gleichzeitig aber niemand kennt, der sich nicht im EtherCAT-Bereich bewegt. Wer aber eine Steuerungslösung mit EtherCAT bauen möchte, findet uns. Etwa ein Drittel unseres Umsatzes erzielen wir in Nord- und Südamerika, ein weiteres Drittel in Europa und das letzte Drittel schließlich in Asien: Dort ist EtherCAT in China zum nationalen Standard avanciert. Unser frühes Engagement in Japan zahlt sich für acontis technologies bis heute aus: nicht nur aufgrund unserer engen gewachsenen Kundenbeziehungen, sondern auch weil wir damit schon früh in unserer Unternehmensgeschichte von den immensen Qualitätsansprüchen der dortigen Industrie profitieren konnten, die wir uns nachhaltig zu eigen gemacht haben. Heute kaufen Neukunden – auch in Japan – teils ohne Prüfung unsere Lösungen ein, weil sie wissen, dass ihre Wettbewerber uns dasselbe Vertrauen entgegenbringen – einen besseren Beweis für unser gelebtes Qualitätsversprechen könnten wir kaum geben.

Wirtschaftsforum: Gleiches dürfte für Ihre Innovationsbereitschaft gelten.

Thomas Waggershauser: Das stimmt – und gleichzeitig sind wir fast langweilig beständig: Denn die aktuelle EtherCAT-Spezifikation ist immer noch die Version 1.0 – und auch unser EtherCAT-Stack ist enorm ver­sionsstabil. Diesen Umstand haben wir aber auch ein paar glücklichen Zufällen zu verdanken, gerade im Kontext der funktionellen und Cybersicherheit. Natürlich mussten auch wir uns im Zuge des Cyber Resilience Acts der Europäischen Union mit noch tiefgreifenderen Risikoanalysen beschäftigen. Gleichzeitig haben wir ein hohes Sicherheitsniveau schon immer als essenziell für unsere Kunden und ihre Anwendungen betrachtet – so ist es etwa gut möglich, dass SPS-Systeme, in denen auch unsere Software integriert ist, in der Energieversorgung zum Einsatz kommen oder anderswo die ordnungsgemäße Funktion kritischer Infrastruktur sicherstellen. Dieser Verantwortung sind wir uns voll und ganz bewusst.

Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie für die Zukunft das größte Wachstumspotenzial für acontis technologies?

Thomas Waggershauser: Unsere Lösungen kommen in den unterschiedlichsten Industriezweigen zum Einsatz: vom Maschinenbau oder der Halbleiterherstellung bis zum Automotive-Segment, der Medizintechnik oder eben auch bei Raketenstarts. Gern engagieren wir uns auch für Kunden, in deren Umgebungen wir mit ihnen teilweise an die Grenzen des physikalisch Möglichen gehen müssen – wie etwa jüngst für ein Unternehmen aus der Energiewirtschaft. So erschließen wir uns über neue Projekte bisweilen auch neue Anwendungsfelder. Besonders interessantes Zukunftspotenzial sehen wir dabei im Bereich Robotik, unter anderem auch bei humanoiden Maschinen – ein Betriebsumfeld, das für uns gleichzeitig mit neuen Herausforderungen einhergeht: Denn bei herkömmlichen Anlagen lässt sich ein sicherer Zustand im Fall eines Ausfalls dadurch erreichen, dass keinerlei Bewegung mehr stattfindet – bei einem humanoiden Roboter, der in diesem Moment vielleicht einen schweren Gegenstand anhebt, muss die entsprechende Bewegung jedoch möglichst fließend weiterlaufen. Das lässt sich nur durch klare System- und Softwarearchitektur und innovative Funktionen für höchste Verfügbarkeit und Sicherheit sicherstellen – das beinhaltet beispielsweise auch Geräte- und Kabelredundanz. Gleichzeitig wollen wir einen Beitrag zu einer noch höheren Energieeffizienz in der Industrie leisten, etwa indem wir für noch schnellere Steuerungen sorgen, wodurch im Antriebsbereich die Beschleunigungs- und Bremsvorgänge so eng geregelt werden, dass die Genauigkeit steigt, aber gleichzeitig der Energieverbrauch drastisch reduziert wird – idealerweise in Kombination mit aktuellsten Programmiermethoden, die die Entwicklungszeit bei unseren Kunden erheblich reduzieren. An solchen Lösungen arbeiten unsere Entwickler weiterhin intensiv – in Kooperation mit Marktführern wie NVIDIA oder Intel, aber auch mit Hochschulen aus unserer Region und darüber hinaus.

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