Was eine Klinik einzigartig macht

Interview mit Holger Stürmann, Geschäftsführer der Klinikum Wahrendorff GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Stürmann, Ihre Einrichtung wurde vor 160 Jahren als ‘Asyl für psychisch Kranke’ gegründet. Wie stellt sich die Klinikum Wahrendorff GmbH heute dar?

Holger Stürmann: Dr. Ferdinand Wahrendorff wollte 1862 psychisch Erkrankten einen Raum geben. Damals waren psychisch kranke Menschen ausgegrenzt, am Rand der Gesellschaft. Dr. Matthias Wilkening, Anästhesist und Nervenarzt, hat die Einrichtung vor 29 Jahren übernommen und das heutige Klinikum geformt. Unter der Dachmarke Wahrendorff gibt es heute drei Säulen: das Klinikum, den Bereich Wohnen und das Tagwerk. Im Klinikum gibt es die Fachabteilungen Allgemeinpsychiatrie, Suchtmedizin, Gerontopsychiatrie sowie Psychosomatische Medizin mit dem Schwerpunkt Trauma- und Psychotherapie und spezielle Angebote für junge Erwachsene sowie Menschen mit Migrationshintergrund. Der Bereich Wohnen bietet Menschen mit seelischen und geistigen Beeinträchtigungen vielfältige Wohn- und Betreuungsmöglichkeiten an. Das Spektrum reicht hier von geschützten Wohnangeboten über offene Wohnangebote bis zu Außenwohngemeinschaften. Und das Tagwerk gibt dem Tag Struktur für Menschen mit geistigen Behinderungen oder psychischen Erkrankungen, mit sinnvollen und bereichernden Gestaltungsmöglichkeiten. Die gesamte Einrichtung ist unfassbar gewachsen über die Jahrzehnte. Aktuell haben wir über 1.600 Mitarbeitende. Trotzdem sind wir nach wie vor ein Familienunternehmen mit großem Zusammengehörigkeitsgefühl.

Wirtschaftsforum: Dieses breite Angebot mit den drei Säulen ist einzigartig in Deutschland, oder?

Holger Stürmann: Wir sind so einzigartig wie die Menschen, die bei uns behandelt werden, wohnen und leben. Im Rahmen der psychiatrischen und psychosomatischen Versorgung sind wir extrem breit aufgestellt, von ambulant über stationär und in Tageskliniken bis hin zum Betreuten Wohnen. Dieses ganzheitliche Konzept ist unsere Stärke, dafür sind wir bekannt.

Wirtschaftsforum: Bei Ihrer Größe haben Sie sicher auch mit den steigenden Energiekosten zu kämpfen?

Holger Stürmann: Die Energie-kosten verzehnfachen sich gerade. Viele Krankenhäuser schreiben rote Zahlen. Wir haben gerade eine Petition unterschrieben: Alarmstufe ROT: Krankenhäuser in Gefahr.

Wirtschaftsforum: Wie macht sich die derzeitige Krise ansonsten in Ihrem Haus bemerkbar? Es gibt ja auch noch die Coronapandemie.

Holger Stürmann: Krisen lösen Ängste bei den Menschen aus. Das macht sich natürlich besonders in der Sparte Klinikum bemerkbar. Als psychiatrisches und psychotherapeutisches Fachkrankenhaus übernehmen wir keine Covid-Notfallversorgung, wohl aber Covid-infizierte Patientinnen und Patienten in akuten psychischen Krisen. Durch die Reglementierung seitens der Regierung war uns das Normalgeschäft zeitweise untersagt. Wir mussten über Monate unsere Kapazitäten reduzieren und konnten weniger Patientinnen und Patienten aufnehmen. Auf einer Station haben wir gerade einen Corona-Ausbruch. Das ist eine echte Krisensituation, aber wir beherrschen das. Derzeit kommen viele junge Menschen zu uns, leider gibt es lange Wartezeiten. Viele haben während der Pandemie ‘einfach funktioniert’ und sind jetzt durch die Öffnungen überfordert. Wir werden noch jahrelang mit Long Covid zu tun haben. Obendrauf kommt jetzt der Ukraine-Krieg, das verursacht noch mehr Ängste. Der Politik ist nicht klar, wie schlimm die Situation ist, was die Gesundheit der Menschen angeht, deren psychische Situation und die Lage der Krankenhäuser. Wir haben auch Patientinnen und Patienten bei uns, die aus der Ukraine geflohen sind.

Wirtschaftsforum: Wie viele Plätze bieten Sie in Ihrer Klinik an?

Holger Stürmann: Wir haben zwei Krankenhäuser, eines in Sehnde im Ortsteil Ilten, südöstlich von Hannover, und eines in Celle. Zusammen bieten beide 717 vollstationäre Betten und teilstationäre Plätze. Eine Besonderheit ist, dass wir mehr teilstationäre als vollstationäre Plätze haben. Die Politik möchte mehr niederschwellige und wohnortnahe Angebote, dieser Vision kommen wir schon sehr nahe.

Wirtschaftsforum: Wie viele Menschen profitieren von Ihren Angeboten im Bereich Wohnen?

Holger Stürmann: Derzeit 1.100 Menschen mit einer seelischen oder geistigen Beeinträchtigung, davon rund 300 in geschützten Wohnbereichen für Bewohnerinnen und Bewohner mit schwerem Krankheitsverlauf, die einen hohen Unterstützungsbedarf haben. Wir erhalten pro Monat über 70 Anfragen, die Bewohnerinnen und Bewohner werden immer jünger.

Wirtschaftsforum: Worauf legen Sie den Fokus in der nächsten Zeit?

Holger Stürmann: Wir werden weiter an unserem Kosten- und Energiemanagement arbeiten, wir können in einer Klinik nicht einfach um 19 Uhr das Licht ausmachen. Und wir brauchen dringend Personal, deshalb wollen wir unsere Marke Wahrendorff noch bekannter und präsenter machen. Wir sind ein attraktiver Arbeitgeber, mit Team- und Familienspirit, hier unterscheiden wir uns von vielen anderen.

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