Schwäbische Präzision rettet weltweit Leben

Interview mit Florian Tyrs, Vice President Global Operations & General Manager der JOTEC GmbH

„Als kleiner Konkurrent ganz großer Konzerne spielt für uns die Qualität eine ganz wichtige Rolle“, erklärt Florian Tyrs, Vice President Global Operations & General Manager der zur Muttergesellschaft Artivion gehörenden JOTEC GmbH. „Wir fertigen unsere Produkte hier am Standort Hechingen und haben uns als One-Stop-Shop etabliert.“ Die Spezialisierung ist auch der große Vorteil von JOTEC. Sind Produkte für die Aortenchirurgie für die großen Medizintechnikkonzerne nur ein Segment unter vielen anderen, so konzentrieren sich die Schwaben ganz auf innovative Lösungen in diesem Bereich.

Minimalinvasive Lösungen

„Wir sind ein Unternehmen der Medizintechnik und stellen konventionelle Polyesterprothesen für offene chirurgische Eingriffe her“, beschreibt Florian Tyrs ein Anwendungsgebiet der Produkte. „Diese Prothesen kommen zum Einsatz bei Aneurysmen, also krankhaften Aussackungen der Aorta. Während der Operation wird dieses Aneurysma ausgeschnitten und durch unsere Textilprothese ersetzt.“

Ein weiteres Medizinprodukt von JOTEC sind PTFE-Prothesen, die verkalkte Teile von Gefäßen an Armen und Beinen ersetzen. Darüber hinaus ist JOTEC seit 2003 im Bereich der minimalinvasiven Chirurgie tätig. Hier werden Implantate mittels kleiner Schnitte – zum Beispiel in der Leiste – und unter Zuhilfenahme von Einführungssystemen über die erkrankte Stelle an der Aorta gelegt. Da sie den Druck vom erkrankten Gefäß nehmen, verhindern sie das mögliche Platzen der Aorta und damit den Tod des Patienten.

Volumen versechsfacht

Gegründet wurde die JOTEC GmbH im Jahr 2000 und 2017/2018 von der US-amerikanischen CryoLife-Gruppe aufgekauft, die heute unter dem Namen Artivion firmiert. „Ich bin seit 18 Jahren bei JOTEC und habe die Ur-Produkte für die endovaskuläre Chirurgie mit entwickelt“, beschreibt Florian Tyrs. „2011 habe ich die Produktionsleitung übernommen und konnte die Mitarbeiterzahl und das Fertigungsvolumen versechsfachen. 2020 habe ich mit einem Kollegen die Geschäftsführung übernommen und bin seit 2023 allein verantwortlich. Darüber hinaus bin ich seit Juni 2023 auch für die Global Operations innerhalb unseres Mutterkonzerns Artivion zuständig.“

Von den rund 350 Millionen EUR Umsatz des Artivion-Konzerns entfällt rund ein Drittel auf JOTEC. Insgesamt beschäftigt Artivion mehr als 1.500 Mitarbeiter, darunter 680 bei JOTEC.

Kompetenter Außendienst

„Abnehmer unserer Produkte sind Kliniken mit gefäßchirurgischen und kardiologischen Abteilungen“, sagt der General Manager. „Weltweit sind unsere Aortaprothesen in über 100 Ländern zugelassen. In Deutschland, den Beneluxländern, Italien, Griechenland, Polen, der Schweiz, Brasilien und Singapur beliefern wir unsere Kunden direkt, in allen anderen Ländern arbeiten wir mit Händlern zusammen. Betreut werden unsere Kunden von unseren Außendienstlern. Das sind oft medizinische Implantationsspezialisten, die in Kliniken gearbeitet haben.“

Beim Marketing setzt JOTEC auf die Teilnahme an Konferenzen, zum Beispiel der European Association For Cardio-Thoracic Surgery (EACTS), sowie an Ausstellungen mit medizintechnischen Produkten. Außerdem bietet das Unternehmen eigene Workshops an, um Anwender mit den Aortaprothesen vertraut zu machen.

Viel Handarbeit

„Da wir uns als Manufaktur mit viel Handarbeit sehen, spielt die Digitalisierung in der Fertigung nicht so eine große Rolle“, verdeutlicht Florian Tyrs. „Bei unseren organisatorischen Abläufen hingegen sind wir digital gut aufgestellt.“ Bezüglich der Nachhaltigkeit erfüllt JOTEC natürlich die in Ausschreibungen gewünschten Standards.

Obwohl JOTEC mittlerweile seit vielen Jahren am Markt ist, nimmt der General Manager im Unternehmen bis heute eine Start-up-Mentalität wahr: „Wir sind hier am Standort von 1 auf 680 Mitarbeiter gewachsen. Bei uns gibt es keine großen Hierarchieebenen. Wir pflegen ein offenes Miteinander und eine Duz-Kultur. Und unsere Mitarbeiter leben das Motto ‘Deine Stärke ist unsere Stärke’.“

Aorten-Komplettlösungen

Die in den vergangenen Jahren erreichten zweistelligen Wachstumsraten möchte Florian Tyrs auch in der Zukunft erreichen. Mit der Pazifikregion und Südamerika sieht er auch weitere Absatzgebiete, die dieses Wachstum befördern sollen. „Da wir die Herausforderungen der Patienten und Kliniken kennen, wollen wir zusammen mit den Ärzten und Kliniken weiter innovative Produkte auf den Markt bringen und uns als Anbieter für Aorten-Komplettlösungen etablieren.“ Darüber hinaus treibt den Manager auch ein ganz persönlicher Impuls an: „Ich stehe jeden Tag auf und helfe Menschenleben zu retten.“

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema Gesundheit, Medizin & Pharma

Die Zukunft der Rehabilitation ­beginnt früher

Interview mit Dr. Thomas Wolfram, Geschäftsführender Direktor der Freiberger Holding SE & Co. KG

Die Zukunft der Rehabilitation ­beginnt früher

Die Gesundheitsbranche steht unter spürbarem Veränderungsdruck: steigende Kosten, neue Versorgungsmodelle und ein wachsender Anspruch an Qualität und Service verlangen nach klaren strategischen Antworten. Klassische Strukturen reichen vielerorts nicht mehr aus…

„Unser Ziel ist, Mobilität und Lebensqualität langfristig zu erhalten“

Interview mit Meike Buchholz, Geschäftsführerin der PKB Praxis-Klinik Bergedorf GmbH

„Unser Ziel ist, Mobilität und Lebensqualität langfristig zu erhalten“

Rückenschmerzen, Gelenkverschleiß und Bewegungseinschränkungen gehören zu den häufigsten gesundheitlichen Herausforderungen unserer Gesellschaft. Gefragt sind Versorgungskonzepte, die Prävention, Therapie, Operation und Rehabilitation verbinden. Die PKB Praxis-Klinik Bergedorf in Hamburg verfolgt diesen…

Evidenzbasierte Lösungen gegen Allergien

Interview mit Mag. Heidelinde Schopper, Geschäftsführerin der ALK-Abelló Allergie-Service GmbH

Evidenzbasierte Lösungen gegen Allergien

Die kausale Behandlung von Allergien hat in den letzten Jahren vielfältige Fortschritte erfahren – unter anderem getrieben durch die zahlreichen Forschungs- und Entwicklungsarbeiten des Unternehmens ALK-Abelló, das sich seit einem…

Spannendes aus der Region Zollernalbkreis

Im Griff der Zeit

Interview mit William Owusu, Geschäftsführer der Forkardt Deutschland GmbH

Im Griff der Zeit

Der Maschinenbau in Deutschland hat turbulente Jahre hinter sich – und die nächsten werden nicht ruhiger. Seit über 100 Jahren ist der Name Forkardt ein Qualitätsbegriff in der Werkstückspanntechnik. Ein…

Kompetent. Persönlich. Premium.

Interview mit Daniel Köstlin, Geschäftsführer der WR-Haustechnik GmbH & Co. KG

Kompetent. Persönlich. Premium.

Sanitärprodukte haben sich in den vergangenen Jahren zu modernen Higtech-Lösungen entwickelt. Sensorsteuerungen, digitale Temperaturregelung, wassersparende Technologien und smarte Vernetzung sorgen für mehr Komfort, Effizienz und Hygiene im Alltag. Gleichzeitig steigen…

Flexibilität schlägt Standardisierung

Interview mit Thomas Kern, Prokurist der Automatic-Systeme Dreher GmbH

Flexibilität schlägt Standardisierung

Von der Stahlrolle zum Hitzeschutzschild oder Karosserieteilen bis hin zu Fensterbeschlägen: Überall wo Blech gebogen wird, kommen Lösungen der Automatic-Systeme Dreher GmbH zum Einsatz. Das 1968 gegründete Unternehmen hat sich…

Das könnte Sie auch interessieren

„Wir sorgen für Versorgungssicherheit!“

Interview mit Helmut Krebber, Geschäftsführer und David Horchler, Prokurist der megro GmbH & Co. KG

„Wir sorgen für Versorgungssicherheit!“

Die richtigen Medizinprodukte zur richtigen Zeit in der richtigen Qualität an den richtigen Ort liefern: So beschreiben Helmut Krebber und David Horchler die zentrale Mission der megro GmbH & Co.…

Form folgt Funktion. Und Menschen.

Interview mit Francesca Russo, CCO der MED-Systeme GmbH

Form folgt Funktion. Und Menschen.

Krankenhausmöbel spielen eine zentrale Rolle im modernen Gesundheitswesen. Sie unterstützen nicht nur das medizinische und pflegerische Personal bei effizienten, sicheren Arbeitsabläufen, sondern tragen auch zum Wohlbefinden der Patienten bei. Dieser…

Die Kunst der feinen Drähte

Interview mit Sebastian Ablas, Geschäftsführer der Heinrich Stamm GmbH

Die Kunst der feinen Drähte

Präzision im Mikrometerbereich, jahrhundertealte Erfahrung und ein klarer Fokus auf Innovation: Die Heinrich Stamm GmbH aus Iserlohn zählt zu den Spezialisten der internationalen Drahtindustrie. Das traditionsreiche Unternehmen entwickelt und produziert…

TOP