„Ich hab‘ Rücken – gehabt!“

Interview mit Wolfgang Ries, Geschäftsführer und Gründer der joimax® GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Ries, welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf Ihr Unternehmen? Wie wirkt sich der Krieg aus?

Wolfgang Ries: Wir hatten Ende 2019 gerade unsere Akademie eröffnet, um Ärzte auf unsere Operationsmethoden zu trainieren, als dann Anfang 2020 die Pandemie begann. Im September 2020 wurde unsere Akademie vom Royal College of Surgeons in Edinburgh akkreditiert. Durch die Abnahme unseres Curriculums gelten unsere Kurse als postgraduelle Fortbildung. Wir sind dann auf virtuelle Trainings umgestiegen, was bei den Ärzten gut angekommen ist. Unsere Teilnehmerschaft war dadurch sehr international. Wir konnten sogar neue Länder erschließen. Aktuell sind wir unmittelbar von den Preissteigerungen und der mangelhaften Beschaffungssituation betroffen. Wir benötigen viel Edelstahl, Kunststoff und Elektronik-Chips.

Wirtschaftsforum: Ist es Ihnen gelungen, trotzdem Neuentwicklungen am Markt zu platzieren?

Wolfgang Ries: Wir haben kurz vor der Pandemie unser Navigationssystem auf den Markt gebracht, dann in 2021 unseren neuen Geräteturm Navento®, die 4. Generation, der alle Geräte vernetzt. Dieser hat sich trotz Pandemie sehr erfolgreich bewährt. Darüber hinaus haben wir unser System TESSYS® für die endoskopische Wirtbelsäulenchirurgie weiterentwickelt. Mit TESSYS® TransSAP können jetzt degenerative Erkrankungen und Verschleißerkrankungen geheilt werden. Die Menschen werden immer älter und ihre Wirbelsäule verknöchert im Laufe der Zeit, sodass die Nerven immer stärker eingeengt werden. Mit unserer Lösung kann man schnell und schonend eine Verknöcherung behandeln, zum Beispiel im Rückenmarkskanal, oder ein Nervenaustrittsloch erweitern, sodass der Nerv oder das Rückenmark Platz haben. Auch einen Korridor kann man mit dem System schaffen, um Patienten durch die Implantation eines Bandscheibenersatzes zu stabilisieren. Das System ist auch patentiert und somit, wie die meisten Produkte bei joimax, einzigartig am Markt.

Wirtschaftsforum: Gibt es weitere Innovationen von joimax®, mit denen Sie First-Mover am Markt waren oder sind?

Wolfgang Ries: Wir haben 2014 einen Bandscheibenersatz entwickelt, unsere sogenannten Cages, also Körbchen. Diese kann man zwischen die Wirbelkörper setzen, um Platz zu schaffen. Die Cages werden per 3-D-Druck aus Titan hergestellt, mit einer Diamant-Zellstruktur. Außerdem waren wir einer der ersten Anbieter weltweit, die 3-D-gedruckte Implantate herausgebracht haben. Zunächst waren dies statische Implantate. Vor Kurzem haben wir expandierbare 3-D-gedruckte Cages entwickelt. Mit einem speziellen Schraubenteilmechanismus können wir diese im Körper dehnen und Platz schaffen.

Wirtschaftsforum: Wie sichern Sie Ihre Innovationsstärke?

Wolfgang Ries: Wir haben hoch qualifizierte und sehr motivierte Mitarbeiter und arbeiten eng mit Chirurgen zusammen. Unsere Leute im Forschungs- und Entwicklungsbereich haben alle einen universitären Abschluss, oft sogar einen Doktortitel, und verfügen über mehrjährige Berufserfahrung, zum Beispiel in der Biomechanik oder der Medizintechnik. Wir haben immer Studenten von unterschiedlichen Universitäten bei uns im Unternehmen, um so auch neue Mitarbeiter:innen heranzubilden.

Wirtschaftsforum: Was sind aktuelle Herausforderungen in Ihrem Markt?

Wolfgang Ries: Was uns hemmt und schadet, ist die neue MDR – Medical Device Regulation. Hier geht es um eine verschärfte Sicherheitsnorm für Medizinprodukte. Damit ist ein Bürokratiemonster geschaffen worden, das kaum bezahl- und leistbar ist. Wir überlegen deshalb, unsere Produktion in andere Länder zu verlagern. Aus diesem Grund werden wir unsere Cages jetzt zunächst in den USA zulassen.

Wirtschaftsforum: Welche Projekte verfolgen Sie für 2023?

Wolfgang Ries: Wir haben vor kurzem joimax® UK gegründet. Nicht zuletzt durch den Brexit ist das Gesundheitssystem dort in Schwierigkeiten. Unsere Technologie ist prädestiniert für die Situation, nicht zuletzt, um dem auch dort vorherrschenden Fachkräftemangel zu begegnen. Wir verzeichnen bereits eine sehr gute Nachfrage. Außerdem werden wir unsere Marktpräsenz in China ausbauen, wahrscheinlich eine eigene Niederlassung vor Ort gründen und auch eine lokale Produktion aufbauen. Darüber hinaus ist die Verlagerung von Teilen unserer Produktion in die USA, vor dem Hintergrund der neuen Norm, ein Thema. Wir werden uns allerdings nach der neuen Norm vollumfänglich zertifizieren. Die erste Stufe haben wir bereits erledigt. Aber mit einem Produktsortiment von rund 1.500 Produkten ist der Aufwand für uns immens. Hier in Deutschland steht zudem das Thema Management- und Führungskräfteaufbau auf unserer Agenda. Mein Sohn hat unsere US-Niederlassung über sechs Jahre geleitet. Er kommt jetzt zurück nach Deutschland. Gemeinsam werden wir uns des Themas annehmen.

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