„Wir wollten uns der massiven KI-Disruption stellen!“

Interview mit Marcel Dütscher, Head of Innovation der JAM Software GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dütscher, mit über 25 Jahren Erfahrung als Entwickler von Standardsoftware möchte JAM Software sein Angebot nun mit der Bereitstellung kundenindividueller KI-Lösungen ergänzen. Welche konkreten Maßnahmen haben Sie im Rahmen dieser Transformation als Erstes ergriffen?

Marcel Dütscher: Zunächst haben wir beschlossen, 20% unserer Personalressourcen allein für eine ergebnisoffene Forschungs- und Entwicklungsarbeit einzusetzen und hierfür ein eigenes Innovationsteam gegründet. Damit wollten wir einen Raum schaffen, in dem Ideen entstehen können, die auch weitab der ausgetretenen Pfade liegen. An einem Tag pro Woche – unserem sogenannten Experimentiertag – sollten unsere Mitarbeiter dabei dezidiert an Ideen arbeiten, die nichts mit unseren aktuellen konkreten Projekten zu tun hatten. Natürlich lag in diesem Ansatz ein Wagnis – dieses hat jedoch sehr schnell konkrete Ergebnisse zutage gefördert. Inzwischen haben wir Innovation als eigenständige Key Objective in allen Teams bei JAM Software etabliert.

Wirtschaftsforum: Wie hat das Team auf diese Freiheiten reagiert?

Marcel Dütscher: Am Anfang war es durchaus eine Herausforderung, im Team den Mut zu wecken, sich völlig ergebnisoffen mit einer neuen Problemstellung zu beschäftigen – das erfordert schließlich durchaus ein anderes Skillset, als dies von IT-Experten in der klassischen architektonischen Sichtweise gelebt wird: Denn während ein Softwarearchitekt ein spezifisches Produkt über viele Jahre begleitet und weiterentwickelt und dabei stets darauf achten muss, dass es auch bei den aktuellsten Neuerungen weiterhin in seiner Gesamtheit stabil läuft, sind beim Rapid Prototyping oft ganz andere Kompetenzen gefragt – vereinfacht gesprochen lautet die Marschroute da: „Mir egal, ob du dich per Copy-Paste an einer Open-Source-Lösung bedienst oder es mir aus Panzertape baust – Hauptsache, es funktioniert erst einmal. Und morgen ist es vielleicht schon wieder Geschichte!“

Wirtschaftsforum: Wie verändert sich dabei im Allgemeinen das Konzeptspektrum, das ein erfolgreicher Softwareentwickler in Zukunft mitbringen muss?

Marcel Dütscher: Bisher sollte ein Softwareentwickler vor allem möglichst exakt arbeiten. Wenn man nun jedoch mit sprachfähigen Maschinen interagieren kann, kommt es stärker darauf an, präzise das gegenständliche Metaproblem zu erkennen und es geschickt zu artikulieren. Gleichzeitig ist jedoch weiterhin ein breites Fachwissen gefordert, um punktgenau bewerten zu können, was die Maschine im Hintergrund genau tut. Auch die Art und Weise der Kompetenzaneignung wird sich deutlich verändern: Denn wer sich das Programmieren bisher von der Pike auf beigebracht hat, lernte dabei aus den eigenen Fehlern oft am meisten. Wer sich aber beim Programmieren einer KI-Unterstützung bedienen kann, macht viele dieser Fehler nicht mehr, kommt aber sehr schnell zu deutlich besseren Ergebnissen als das früher möglich war. Deshalb benötigen wir auch im (Aus-)Bildungsbereich eine nicht minder große Revolution!

Wirtschaftsforum: Welche Effekte hat das neue Geschäftsfeld auf Ihr Kerngeschäft und welchen konkreten Nutzen generiert es für Ihre Kunden?

Marcel Dütscher: Die KI hält Möglichkeiten bereit, die wir uns bisher allenfalls im Kontext von Science-Fiction vorstellen konnten. 2023 haben wir uns im Steuerkreis von JAM Software intensiv mit der Frage befasst, welche Bedeutung diese Revolution nicht nur für unser bisheriges unternehmerisches Steckenpferd – Standardsoftwarelösungen –, sondern auch für die Computernutzung im Allgemeinen bereithalten wird. Uns war klar, dass wir uns dieser disruptiven Wirkung stellen mussten. Sicherlich werden wir mit unseren etablierten Standardlösungen TreeSize, UltraSearch und SpaceObServer noch viele weitere Jahre lang auf ein attraktives Geschäftsmodell bauen können, das wir auch in Zukunft weiterentwickeln wollen und werden. Aber unser Inhaber Joachim Marder verfolgt die klare Vision, dass dieses Unternehmen ihn einmal überdauern soll. Allein mit dem, was bisher gut funktioniert hat, wäre das aber nicht gewährleistet. Denn wir sind überzeugt, dass es nicht mehr lange dauert, bis automatische Systeme in der Lage sein werden, für sämtliche Anwender konkrete Softwareprobleme zu lösen, wobei es in den einzelnen Branchen durchaus unterschiedliche Revolutionen geben wird. Deswegen konzentrieren wir uns mit unseren KI-Lösungen auch stark auf ein individualisiertes B2B-Geschäft. Im Zuge dessen sondieren wir mit unseren Kunden, welche Pain Points sie konkret beschäftigen, um auf dieser Basis schnell erste Prototypen zu erstellen, die dann rasch zu umsetzbaren Lösungen weiterentwickelt werden. Dabei sind wir immer für neue Kundenprojekte offen – Interessenten können sich gern bei uns melden.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

Fashion-Vertrieb mit Gespür für Märkte

Interview mit Vieri Da Fano, Geschäftsführer der Zucchero e Scimmie Srl

Fashion-Vertrieb mit Gespür für Märkte

Fashion ist ein Geschäft mit Emotionen, aber auch mit Präzision, Timing und internationaler Marktkenntnis. Die Zucchero e Scimmie Srl aus Bagno a Ripoli bei Florenz hat sich seit 2007 als…

Textile Verlässlichkeit, die ­Generationen verbindet

Interview mit Jochen Geiger, Geschäftsführer der Geiger Textil GmbH

Textile Verlässlichkeit, die ­Generationen verbindet

Steigende Qualitätsanforderungen, Fachkräftemangel und der Ruf nach mehr Nachhaltigkeit verändern die textile Dienstleistungsbranche. Gerade Unternehmen aus Industrie und Gesundheitswesen benötigen Partner, auf die sie sich jederzeit verlassen können. Die Geiger…

„Viele Organisationen wissen gar nicht, wie sie im Detail arbeiten!“

Interview mit Dr. Andreas Löhr, Geschäftsführer der Linova Software GmbH

„Viele Organisationen wissen gar nicht, wie sie im Detail arbeiten!“

Digitalisierungsprojekte liegen auf der Straße, nicht nur in der Industrie, sondern auch in stark regulierten Branchen wie der Pharmaindustrie sowie der Luft- und Raumfahrttechnik. Die Linova Software GmbH…

Spannendes aus der Region Trier

Fenster und Türen made in Germany

Interview mit Sylvia Meeth-Kainz, Geschäftsführerin der Josef Meeth Fensterfabrik GmbH & Co. KG

Fenster und Türen made in Germany

Fenster und Türen sind mehr als bloße Öffnungen in unseren Häusern – sie sind die Schnittstelle zwischen Innen und Außen, verbinden Räume mit der Welt da draußen und beeinflussen maßgeblich…

Strategien im E-Commerce

Interview mit Waldemar Derksen, Geschäftsführer der Albatros International GmbH

Strategien im E-Commerce

Der E-Commerce ist von permanentem Wandel geprägt: Plattformen verändern ihre Bedeutung, Konsumverhalten schwankt, technologische Entwicklungen beschleunigen Prozesse. Die Albatros International GmbH ist ein eigenmarkengetriebenes E-Commerce-Unternehmen, das sich seit über 20…

IT-Sicherheit ist ein ­kontinuierlicher Prozess

Interview mit Marco Becker, Geschäftsführer der save IT first GmbH

IT-Sicherheit ist ein ­kontinuierlicher Prozess

Die Digitalisierung ist in vollem Gange, doch mit ihr steigen auch die Herausforderungen für Unternehmen, ihre sensiblen Daten zu schützen. Hier kommt die save IT first GmbH ins Spiel. Im…

Das könnte Sie auch interessieren

Klinische Forschung neu gedacht

Interview mit Dr. Dominique Manu, Geschäftsführer und Group CEO der EvidentIQ Group GmbH

Klinische Forschung neu gedacht

Klinische Studien erzeugen enorme Datenmengen. Ihre Erfassung muss präzise, sicher und regulatorisch einwandfrei erfolgen. Die EvidentIQ Group GmbH entwickelt spezialisierte Softwarelösungen, mit denen Pharmaunternehmen, Forschungsorganisationen und Medizintechnikhersteller ihre Studien effizient…

„Wir sollten wieder zu Denkern, Lenkern und Machern werden“

Interview mit Christopher Richter, Geschäftsführer der BERICON GmbH

„Wir sollten wieder zu Denkern, Lenkern und Machern werden“

Seit 15 Jahren unterstützt Christopher Richter mit der BERICON GmbH Unternehmen aus verschiedensten Branchen auf dem Weg zum idealen Kundendialog der Zukunft: mit internationalen Rufnummern-/Routinglösungen und inzwischen mehr und mehr…

Digitalisierung mit Augenmaß

Interview mit Falk Tengler, Geschäftsführer der dvhaus Software & Solutions GmbH

Digitalisierung mit Augenmaß

Die Digitalisierung der öffentlichen Verwaltung zählt zu den anspruchsvollsten Transformationsprojekten unserer Zeit. Besonders in der Justiz treffen komplexe Abläufe, hohe Sicherheitsanforderungen und föderale Strukturen aufeinander. Die dvhaus Software & Solutions…

TOP