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Die ganze Automobilindustrie muss komplett umdenken

Interview mit Henrik Samuelsson, hsd GmbH

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Wirtschaftsforum: Herr Samuelsson, Ihre Arbeitsfelder liegen sowohl in der Technischen Produktentwicklung als auch im Mechanical Design, Sie sind also gleichzeitig Konstrukteur und Designer. Eine perfekte Kombination, weil beide Bereiche Einfluss aufeinander haben – vor allem in technischen Branchen wie im Automobilsektor, für den Sie hauptsächlich arbeiten. Andererseits ist es ungewöhnlich, dass jemand wirklich beides kann und auch macht. Wie sind Sie darauf gekommen, das eine mit dem anderen zu verbinden, und welche Leistungen bieten Sie Ihren Kunden im Detail?

Henrik Samulesson: Technik ist eine Sache die mich, wie wahrscheinlich jeden Jungen, immer interessiert hat und auch heute noch sehr am Herzen liegt. Diese Neugier zu verstehen wie etwas funktioniert und die Kenntnis zu besitzen warum es auch so funktioniert, um es weiter in anderen Fällen einsetzen zu können, darin liegt eine große Freude. Das Designinteresse kommt höchstwahrscheinlich daher, in einer kunstinteressierten und in der Kunst tätigen Familie großgeworden zu sein und es ist mir immer natürlich gewesen, Sachen aus ihrer visuellen Perspektive zu betrachten.

Wirtschaftsforum: Sie haben hsd im Jahr 2010 gegründet, damals noch unter dem Namen hsd studios. In der Selbstständigkeit sind nicht einmal acht Jahre eine verhältnismäßig kurze Zeit, um sich fest in den Sattel zu setzen – und Sie betreuen bereits Projekte für Weltmarken wie Audi und Porsche. Noch dazu als One-Man-Show, denn Sie arbeiten allein. Wie erklären Sie sich Ihren Erfolg?

Henrik Samulesson: Es heißt ja so schön, dass selbstständig mit „selbst und ständig“ gleich zu stellen ist. Dies mag in mancher Hinsicht richtig sein, aber wenn es um Kunden und Endkunden geht ist es eine andere Sache. Ich als „One-man-show“ kann nie direkt mit den Endkunden arbeiten, sondern bin auf Dienstleisterfirmen angewiesen, durch die ich als Sub-Contractor gehe. Hier ist ein großes Vertrauensverhältnis zu erarbeiten und man muss beweisen das man tatsächlich das kann, was man angibt. Also hier ein Lob an die Firmen, die mir vertraut haben und mein Erfolg ist zum großen Teil deren Offenheit zu verdanken.

Wirtschaftsforum: Als für die Automobilbranche arbeitender Konstrukteur und Designer liegt die Vermutung nahe, dass Sie ein Autonarr sind – ohne Liebe zur Sache kann ja niemand in seinem Bereich gute Arbeit leisten. Was macht für Sie unter technischen und Designgesichtspunkten ein wirklich gelungenes Auto aus, das Sie selbst gern fahren würden?

Henrik Samulesson: Ich glaube, dass ich etwas anders bin als die große Menge, insofern dass ich etwas Ungewöhnliches fahren möchte, etwas das von der Menge heraussticht. Besonders gut gefallen mir kleine Fahrzeuge, weil diese sehr praktisch zu fahren sind und ich sowieso sehr häufig allein unterwegs bin. Dank des niedrigen Gewichts ist auch mit niedriger Motorisierung ein sportliches Fahren angesagt und dies liegt mir besonders gut. Die Frage muss ich in zwei Teile aufteilen, weil ich einen Unterschied mache was für mich ein gutes Auto ist und was ich gerne fahren möchte.

Aus technischer Sicht ist für mich der vollständige Wagen noch nicht da, ich denke nämlich an elektroangetriebene Autos. Die sind heute noch nicht so weit, dass ich eins kaufen möchte. Es gibt welche die richtig gut sind, wie zum Beispiel Tesla, aber die sind in einer zu hohen Preiskategorie für jedermann. Ein Elektromotor als Antriebsquelle ist aus heutiger Sicht unschlagbar, aber die Batterie ist vielleicht nicht die richtige Lösung um Strom zu erzeugen. Es gibt ja heute schon Alternativen, obwohl diese noch nicht wirtschaftlich umsetzbar sind. Aus Sicht des Designs ist es etwas anderes. Hier gibt es mehre Fahrzeuge, die ich als sehr gelungen und nahezu perfekt ansehe. Ein ganz wichtiger Punkt für mich ist die Zweckmäßigkeit des Designs. Das Design muss etwas über das Auto sagen.

Ein Stadtauto soll nicht so aussehen als würde es super mit 250 km/h fahren, dann ist das Ziel in meinen Augen verpasst. Nimm den Smart als Beispiel; es ist den Designer gelungen ein richtig hübsches Auto mit sehr hohem praktischem Wert zu entwickeln, die haben fast ein Lifestyleprodukt geschaffen. Aus einer anderen Sicht sind bei mir die Aston Martins ganz oben. Es gibt wenig Fahrzeuge die mit so wenig Linien einen so großen Eindruck hinterlassen. Die strahlen Sportlichkeit, Schönheit und Luxus in einer Art und Weise aus, die keinem anderen Hersteller bis heute gelungen ist. Um die Frage letztendlich zu beantworten, entscheide ich mich für zwei Fahrzeuge unterschiedlicher Kategorien; Aston Martin DB11 und Lotus Exige.

Wirtschaftsforum: Vom Standpunkt des Ingenieurs betrachtet: Wie stehen Sie zum Thema autonomes Fahren? Die jüngsten Vorfälle werfen die Frage auf, wie sicher es tatsächlich schon ist. Woran muss Ihrer Meinung nach noch gearbeitet werden?

Henrik Samulesson: Das Thema Autonomes Fahren ist bei mir Schritt für Schritt gewachsen. Es ist eine sehr positive Sache, wenn es, meiner Meinung nach, richtig eingesetzt wird. Ich sehe es als Kompliment zu normalem manuellen Fahren in gewissen Situationen wie zum Beispiel Stau, der „langweilige“ Weg zur Arbeit und ähnlichen Situationen. Ein komplett autonomes Fahrzeug ohne Lenkrad kann ich mir nicht vorstellen, einerseits weil wir Gewohnheitstiere sind und es würde mindestens eine Generation dauern um es zu akzeptieren.

Zweitens glaube ich, dass wir das Fahren vermissen würden. Wenn man in einem Stau unterwegs zur Arbeit steht, wird man es wahrscheinlich nie vermissen, aber auf einer wunderschönen Landstraße unter der Sonne würde das Lenkrad doch sehr fehlen. Meines Wissens nach, stehen die Unfälle mit autonomen Fahrzeugen in einem relativ guten Verhältnis zu Unfällen durch menschliches Versagen. Dies ist doch kein 1:1 Vergleich, weil wir es gewohnt sind, dass die „Roboter“ keine Fehler machen. Ethik und Moral sind hier die größeren Hindernisse im Vergleich zu der Technik, obwohl auch hier noch viel zu tun ist.

Wirtschaftsforum: Die Skizze des flotten Sportwagens, der unser Titelbild ziert, stammt aus Ihrer Feder. Was ihn auf Touren bringt, muss heute nicht mehr unbedingt ein Verbrennungsmotor sein. Für die Automobilbranche ist neben dem autonomen Fahren E-Mobility das andere große Thema, nicht nur angesichts des Dieselskandals. Haben Sie schon einmal an einem E-Auto mitgearbeitet?

Henrik Samulesson: Ich habe die Möglichkeit gehabt ein E-Auto mit zu entwickeln, obwohl nicht im Antriebsbereich, sondern im Bereich der Interior- Exterieur Trim. Obwohl es jetzt ein paar Jahre her ist, ist mir eine Sache besonders in Erinnerung geblieben. Die ganze Automobilindustrie muss komplett umdenken und mit einem blanken Blatt Papier anfangen, wenn Sie ein E-Auto entwickeln will. So viele von den möglichen Vorteilen mit einem E-Antrieb sind mit konventionellen Strukturen im Rohbau und Antrieb verloren gegangen. Auch wenn man vom Beginn an loslegt, müssen wir die alten Denkweisen hinter uns lassen, um die Vorteile des neuen Antriebes vollends genießen zu können. Es gibt viele Sachen die wir für selbstverständlich halten, die durch E-Autos in Frage gestellt werden. Der riesige Kühlergrill der fast jedes Auto verziert, wird nicht mehr in dem Sinn benötigt. Durch Entfallen der Auspuffanlage, wird das Styling des ganzen unteren Teils des Fahrzeughecks anders. Die Frontklappe wird vielleicht zu einem zweiten Kofferraum?

Wirtschaftsforum: Eine zentrale Frage unserer Sonderausgabe richtet den Fokus auf das Thema E-Mobilität als „Zukunft der Mobilität“. Wie mobil kann aus Ihrer Sicht durch Elektrizität und automatisiert fahrende Automobile die Welt wirklich werden?

Henrik Samulesson: Ich glaube, die Möglichkeiten sind hauptsächlich nur von unserer Fantasie und deren Umsetzbarkeit begrenzt. Wenn wir das Thema, ohne den sehr Zeit fressenden Teil der Bürokratie und Gesetzgebung betrachten, sind die Möglichkeiten groß und vielversprechend. Die Schritt-für-Schritt Einführung des Elektroantriebs hat ja schon, obwohl noch relativ klein, begonnen. Die Technik ist noch nicht ganz reif und es fehlt eine Haupteinrichtung der Energiequelle um die Endprodukte zu einem finanziell attraktiven Preis anbieten zu können. Die Entwicklung ist doch rasant und viele neue Start-ups in diesem Bereich geben ihr Bestes um den Prozess zu beschleunigen.

Das Autonome Fahren ist ein sehr komplexes Thema, das, wie schon erwähnt, nicht nur die technischen Aspekte in Betracht nehmen muss, sondern auch ethische und moralische Verantwortungen hat. Wenn alle Fahrzeuge autonom fahren würden, wäre es vielleicht einfacher ein komplexes Verkehrssystem zusammenzustellen. Um dies umsetzen zu können, müsste man vielleicht für einen bestimmten Bereich nur autonom fahrende Fahrzeuge erlauben, in einem geografisch abgegrenzten Testbereich. Das mag vielleicht ein Vorort sein  oder ein Teil davon. Eine andere Möglichkeit wäre, einen separierten Bereich der Infrastruktur zu „reservieren“, wie zum Beispiel die heutigen Fahrspuren für Busse. Weil wir seit über hundert Jahren gewohnt sind unsere Fahrzeuge durch eigenen Willen und Können zu steuern, wird dieser Umstieg  kein leichter sein und ich denke es ist auch gut so. Das autonome Fahren sollte meiner Meinung nach eine Option sein und nicht die einzige Möglichkeit ein Fahrzeug zu führen, dafür macht das Fahren viel zu viel Spaß!

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