Der wenig bekannte Vorteil von beflockten Garnen

Interview mit Roberto Rossetti, Geschäftsführer Finelvo Srl

Finelvo produziert hochwertige Garne aus Polyamid, insbesondere für Anwendungen in der Automobilindustrie. Das Sortiment umfasst technische Garne für die Geräuschdämmung und als Anti-Vibrations-Lösung für Fensterheber, Schiebedächer oder Sitzverstellungen, beschichtete Garne für Fahrzeuginnenausstattungen wie zum Beispiel Fußmatten sowie Ledergarne für Autositze, aber auch Taschen oder Schuhe.

Einen Schwerpunkt bilden darüber hinaus beflockte Garne, die sich dank ihrer hohen Atmungsfähigkeit sowie ausgezeichneten Lichtechtheit und Abriebfestigkeit ideal für Sitzbezüge eignen. Im Handel ist das beflockte Garn unter dem Namen ‘VOILA’ – the yarn it is already a velvet’ bekannt.

Funktionale Fasern

Finelvo hat seinen Sitz in der Gemeinde Occhieppo Superiore in der Region Piemont im Nordwesten Italiens und beschäftigt 40 Mitarbeiter. Das Unternehmen wurde im Jahr 1968 gegründet. „Mein Vater hat damals angefangen, beflockte Garne mit einer neuen Technologie zu produzieren, vor allem für den Automobilsektor“, berichtet Geschäftsführer Roberto Rossetti. „Das Garn eignete sich perfekt für Autositze, da es sehr abriebfest war und sich gleichzeitig sehr angenehm anfühlte.“

Zu den ersten Kunden gehörte BMW, später kamen dann weitere Autohersteller hinzu. „Wir arbeiten zu 99% für die Autoindustrie und nur zu 1% im Bereich Einrichtung“, erläutert Roberto Rossetti. Bis zum Jahr 2000 hat Finelvo ausschließlich Textilien für Autositze und Türverkleidungen produziert. Dann hat man eine weitere mögliche Nutzung für das Garn gefunden: zur Reduktion von Geräuschen und Vibrationen.

„Die Entwicklung von technischen Garnen bedeutete den Schritt von rein ästhetischen Anwendungen zu funktionalen Applikationen“, erklärt Roberto Rossetti. „Damit hat sich ein großer Markt für uns eröffnet.“ Im Jahr 2016 hat Finelvo eine deutliche Verbesserung seines beflockten Garns vorgestellt, produziert nach dem gleichen Prinzip, aber mit feineren Fäden. Inzwischen wird das neue Garn immer stärker nachgefragt, wie Roberto Rossetti sagt: „Der Grund ist die zunehmende Verbreitung von Elektroautos. Diese haben keinen Motorenlärm mehr, das heißt man hört die anderen Geräusche viel stärker, muss also mehr Lärm aus anderen Quellen wie Fensterheber oder Schiebedächer reduzieren.“

Finelvo hat ein sehr ausgewogenes Produktportfolio: Aktuell werden 50% Garne für Autositze und Türverkleidungen hergestellt und 50% technische Garne für funktionale Anwendungen im Automobilbereich. „Es gibt weltweit nur eine weitere Firma, die diese speziellen Garne herstellt: in Deutschland“, sagt Roberto Rossetti.

Vertikal integriert

Finelvo ist nahezu komplett vertikal integriert und deckt alle Produktionsschritte intern ab, von der Transformation des Garns bis zum Endprodukt für den Kunden. „Nur das Rohmaterial beziehen wir von Zulieferern“, erläutert Roberto Rossetti. „Das erlaubt uns eine hohe Elastizität und die kontinuierliche Entwicklung neuer Garne. Wir arbeiten auch eng mit unseren Kunden zusammen und entwickeln gemeinsame Projekte.“

Zuletzt hat Finelvo die neue LF-Serie mit beflockten Garnen, die schwer entflammbar sind, vorgestellt. In der aktuellen Corona-Pandemie ging es für Finelvo auf und ab. „Die ersten Monate in 2020 waren noch normal, aber dann mussten wir die Produktion vorübergehend stilllegen“, beschreibt Roberto Rossetti die Situation. „Inzwischen sehen wir eine spürbare Erholung, weil die Kunden ihre Lager wieder auffüllen müssen. Doch 2021 wird noch schwierig bleiben, unter anderem weil die Rohstoffpreise wegen der höheren Nachfrage gestiegen sind. Auch für die Mitarbeiter ist es nicht einfach, viele haben durch die Kurzarbeit weniger Geld zur Verfügung. Die Herausforderung in dieser Situation ist, trotzdem die maximale Produktqualität und den bestmöglichen Kundenservice aufrechtzuerhalten.“

Wachstumsmarkt Asien

Finelvo hat im abgelaufenen Geschäftsjahr sieben Millionen EUR erwirtschaftet, davon 90% im Exportgeschäft. Wichtigster Auslandsmarkt in Europa ist Deutschland. „Neben der EU verkaufen wir viel nach China, Mexiko und Südkorea, da dort viele Automobilproduzenten ansässig sind“, erklärt Roberto Rossetti. „Vor allem der chinesische Markt wächst im Moment ‘mit Lichtgeschwindigkeit‘.“

In China hat ein Kunde, der bislang beim Konkurrenten eingekauft hatte, einmal gefragt, warum er zu Finelvo kommen sollte, wo er bislang beim Konkurrenten doch günstiger wegkäme. „Ich habe ihm geantwortet, dass er sehr zufrieden mit der Qualität unserer Produkte sein werde und nie ein Problem damit haben würde“, sagt Roberto Rossetti. „Wenn wir uns bezüglich der Qualität nicht zu 100% sicher sind, schmeißen wir lieber 100 kg Rohmaterial weg, als es zu verarbeiten.“ Der erfahrene Textilmanager will die Firma, die sein Vater aufgebaut hat, weiter voranbringen und der nächsten Generation ein wettbewerbsfähiges Unternehmen überlassen. „Die Jahre vergehen schnell und ich möchte denjenigen, die nach mir kommen, ein perfekt funktionierendes Unternehmen hinterlassen. Die Firma ist wie mein Zuhause, ich lebe quasi in der Fabrik.“

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