Ehrlicher Werkstoff, klare Vision

Interview mit Joachim Böttiger, Vorstand der Verallia Deutschland AG

Wirtschaftsforum: Herr Böttiger, viele Konsumenten sehen Glas als nachhaltigen Verpackungsstoff. Ist das berechtigt?

Joachim Böttiger: Ja, absolut. Glas ist ein ehrlicher Werkstoff: Es gibt nichts an den Inhalt ab, ist unendlich oft recycelbar und lässt sich ohne Qualitätsverlust wiederverwenden. Aus jeder Flasche wird erneut eine Flasche – das ist ein Kreislauf. Gleichzeitig gibt es keine Stoffmigration in Lebensmittel, was Glas besonders sicher macht. Die Herausforderung liegt im energieintensiven Herstellungsprozess. Deshalb investieren wir in Innovationen und nutzen konsequent Recycling: Unsere Zentren sammeln und bereiten Altglas auf, das als Scherben in den Produktionsprozess zurückfließt. Je höher dieser Anteil, desto geringer der Energieverbrauch – so funktioniert gelebte Kreislaufwirtschaft.

Wirtschaftsforum: Lassen Sie uns in die Vergangenheit blicken: Wie wurde aus Oberland Glas Verallia?

Joachim Böttiger: 1946 wurde das Unternehmen in Bad Wurzach gegründet – weil es dort sowohl Energiequellen als auch Rohstoffe gab. Ab den 1950er-Jahren wuchs die Firma durch Zukäufe, 1988 folgte der Börsengang. 2010 kam es nach dem Rückzug der Eigentümerfamilie zur Umfirmierung in Verallia. Heute sind wir Teil eines internationalen Konzerns, was uns Zugang zu Kapital, Technologien und Märkten verschafft und uns für die Zukunft stärkt. Verallia ist mittlerweile europäischer Marktführer und weltweit die Nummer 3 bei Glasverpackungen – diese industrielle Stärke wirkt direkt auf unsere deutschen Standorte zurück. Gleichzeitig stellen wir sie in den Dienst von rund 10.000 Kunden weltweit, vom kleinen regionalen Abfüller bis hin zu global agierenden Konzernen. Damit sind wir sowohl tief in den einzelnen Regionen verwurzelt als auch international bestens vernetzt.

Wirtschaftsforum: Wie ist Verallia Deutschland heute aufgestellt, und mit welchen Technologien treiben Sie die Transformation voran?

Joachim Böttiger: Wir betreiben vier Werke in Bad Wurzach, Neuburg an der Donau, Wirges und Essen mit rund 1.300 Mitarbeitenden. Die Nachfrage ist stabil, da Glas vor allem in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie gebraucht wird. Dennoch spüren wir Inflation, hohe Energiekosten und verändertes Konsumverhalten. Um zukunftsfähig zu bleiben, investieren wir breit in Technologie: In Essen läuft eine Schmelzwanne mit hohem Wasserstoffanteil, parallel testen wir vollelektrische Wannen wie in Frankreich. Hinzu kommen Effizienzmaßnahmen wie Abwärmenutzung, Gemengevorwärmung und ein höherer Scherbenanteil im Schmelzprozess sowie Investitionen in erneuerbare Energien, etwa durch die Beteiligung an einem Windpark. Auch unsere Produktentwicklung leistet einen Beitrag: Leichtere Flaschen sparen Rohstoffe und Energie beim Schmelzen und reduzieren Transportgewicht und CO2-Emissionen. Über Millionen Flaschen summieren sich diese Effekte enorm – ein gutes Beispiel für praxisnahe Nachhaltigkeit und eine echte Win-win-Situation für Produzenten und Verbraucher.

Wirtschaftsforum: Sie haben die deutsche Energiewende mehrfach kritisch kommentiert – was genau bemängeln Sie, und was erwarten Sie von der Politik?

Joachim Böttiger: Es geht um Ehrlichkeit. Wir haben die Energie verteuert, ohne den CO2-Ausstoß spürbar zu reduzieren. Kohlekraftwerke laufen heute stärker, der Strom ist ‘schmutziger’ geworden, und als energieintensives Unternehmen müssen wir deutlich mehr Zertifikate kaufen als früher. Gleichzeitig stehen wir im Wettbewerb mit Ländern, deren Kernenergie als ‘grün’ gilt – ein klarer Nachteil. Von der Politik wünsche ich mir eine nüchterne Analyse: Hat die Energiewende ihre Ziele wirklich erreicht? Und wenn nicht, braucht es Gegensteuerung. Dazu gehören sichere, bezahlbare Brückentechnologien wie moderne Gaskraftwerke und eine klare Perspektive für Wasserstoff. Was wir nicht brauchen, ist ein Ausbau instabiler Strukturen ohne Netzsicherheit. Versorgungssicherheit, Klimaschutz und Wettbewerbsfähigkeit müssen zusammengedacht werden.

Wirtschaftsforum: Welche Bedeutung haben Unternehmenskultur und Mitarbeitende für Verallia?

Joachim Böttiger: Unsere Kultur basiert auf klaren Werten: Teamarbeit, Eigenverantwortung, Ergebnisorientierung und Respekt gegenüber Menschen, Umwelt und Gesetzen. Nachhaltigkeit ist dabei kein Marketinginstrument, sondern seit jeher gelebter Alltag – Glas war schon immer ein sauberes Produkt. Wir wollen Diversität und Inklusion stärker fördern, und zwar nicht nur mit Blick auf die Geschlechterfrage, sondern auch, indem wir Menschen inte­grieren, die bisher kaum Chancen am Arbeitsmarkt hatten. Entscheidend sind jedoch unsere Mitarbeitenden selbst: Die Fluktuation ist extrem gering, viele sind ‘Glasmacher’ aus Leidenschaft, und diese Identifikation macht uns stark. Gleichzeitig stehen wir vor einem Generationswechsel – die Babyboomer gehen in Rente, und ihr Wissen muss gesichert werden. Deshalb investieren wir nicht nur in Technik, sondern auch in Qualifizierung, Sicherheit und moderne Arbeitsplätze. Automatisierung und attraktivere Tätigkeiten spielen dabei eine wichtige Rolle. So verbinden wir eine verantwortungsvolle Unternehmenskultur mit der Weiterentwicklung der Belegschaft und stellen sicher, dass wir auch in Zukunft leistungsfähig und attraktiv als Arbeitgeber bleiben.

Wirtschaftsforum: Digitalisierung und KI: Chance oder Hype?

Joachim Böttiger: Beides. In der Produktion bieten sie enorme Chancen: Unsere Maschinen liefern Sekundendaten, die wir bisher nur begrenzt nutzen. KI kann Muster erkennen, Fehler verhindern und Prozesse optimieren. Transaktionale Tätigkeiten werden verschwinden, anspruchsvolle Aufgaben bleiben. Aber Entscheidungen mit menschlichem Gespür können Maschinen nicht ersetzen. Gerade die Kombination von datengetriebener Analyse und menschlicher Erfahrung macht den Unterschied.

Wirtschaftsforum: Was sind die größten Wettbewerbsvorteile von Verallia – und welche Vision verfolgen Sie für die kommenden Jahre?

Joachim Böttiger: Zunächst unser Produkt selbst: Glas ist unverzichtbar und ein echtes Alltagsgut. Hinzu kommt unsere Kundennähe – wir entwickeln gemeinsam mit unseren Partnern neue Designs und Lösungen, vom klassischen Bier- oder Weinbehälter bis hin zu Premium-Editionen und innovativen Mehrweglösungen. Ebenso wichtig sind unsere Verlässlichkeit bei Qualität und Lieferfähigkeit sowie unsere Mitarbeitenden, die mit Überzeugung und Stolz Glas produzieren. Auf dieser Basis wollen wir die Zukunft gestalten: Schritt für Schritt hin zu CO2-neutralen Werken, mit smarten und digitalisierten Prozessen und als attraktiver Arbeitgeber. Wir wollen Kreislaufwirtschaft und Recycling noch stärker ausbauen – durch höhere Scherbenquoten, Mehrweglösungen und enge Kooperation mit unseren Kunden. Glas ist per se nachhaltig, und wir möchten es zur echten Zukunftsverpackung machen.

Wirtschaftsforum: Persönlich gefragt: Was treibt Sie an?

Joachim Böttiger: Glas ist für mich ein sinnvolles Produkt – und ich will, dass industrielle Wertschöpfung in Deutschland bleibt. Ein starker Mittelstand ist die Basis unseres Wohlstands. Nur erfolgreiche Unternehmen können investieren, Arbeitsplätze sichern und Steuern zahlen. Das ist meine tägliche Motivation: mit Glas etwas zu schaffen, das Menschen brauchen – und das Zukunft hat.

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