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Etablierte Erfolgsfaktoren sind kein guter Ratgeber für die Zukunft

Interview mit Franz Kühmayer

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Wirtschaftsforum: Cohesive Leadership ist eines der Themen, welches Sie analysieren. Inwiefern ist das mehr als nur ein kurzlebiger Trend?

Franz Kühmayer: Mein Herz liegt wirklich an dem Inhalt. Mir scheint es ungemein wichtig, dass Führung wieder mehr Zusammenhalt erzeugt. Wir bekommen immer wieder in diesen Tagen deutlich vor Augen geführt, welche Auswüchse es haben kann, wenn eine Gesellschaft gespaltet wird oder sich selbst aufspaltet.

Das erleben wir nicht nur im politischen oder gesellschaftlichen, sondern auch im wirtschaftlichen Umfeld. Die Arbeitswelt fragmentiert sich zunehmend in immer kleinere Einzeleinheiten. Ich glaube, dass es ein Führungsanspruch sein muss, wieder mehr Gemeinschaftssinn zu stiften und Gemeinschaft herbeizuführen.

„Es geht für Führungskräfte immer weniger um die inhaltliche, sondern die normative Arbeit, also an der Kultur eines Unternehmens.“ Franz Kühmayer

Wirtschaftsforum: Sie formulieren mit diesem Prinzip einen (weiteren) Anspruch an die Führungskräfte in den Unternehmen. Besteht die Gefahr, dass unsere Führungsetagen schlichtweg überfordert sind?

Franz Kühmayer: Die Ansprüche an Führungskräfte sind hoch und steigen kräftig. Der Frage, ob wir zu viel erwarten, muss man sich stellen. Mir geht es aber nicht um ein Draufpacken von zusätzlichen Verantwortungen, sondern einen notwendigen Perspektivenwechsel: Was muss Führung in Zukunft leisten können und was vielleicht nicht? Was kann man an Aufgaben wegnehmen, die wir in der Vergangenheit sehr wohl Führungskräften mitgegeben haben.

Wenn wir zum Beispiel die Industrie 4.0 konsequent weiterdenken, wird klassische Leistungsüberwachung, was vor allem mittlere Führungskräfte permanent tun, künftig nicht mehr von menschlichen Führungskräften geleistet werden müssen. Ob jetzt eine Kennzahl im grünen, gelben oder roten Bereich ist, kann einer Maschine überlassen werden. Da funktioniert ein automatisiertes Business Intelligence Board, oder wie auch immer man es nennen mag, exakter und besser als jeder Mensch.

Es geht für Führungskräfte immer weniger um die inhaltliche, sondern die normative Arbeit, also an der Kultur eines Unternehmens. Das ist eine Erwartungshaltung, die hoch ist, da haben Sie Recht. Aber ich glaube diese Erwartungshaltung dürfen und müssen wir an jemanden haben, der von sich behauptet, dass er eine Führungskraft ist.

Wirtschaftsforum: Es vergeht kaum ein Tag mit neuen Diskussionen um zeitgemäße Führung. In vergleichbarer Intensität gab es das vor ein paar Jahrzehnten nach meinem Eindruck nicht. Führen wir immer schlechter?

Franz Kühmayer: Wir führen nicht immer schlechter. Man muss eher anerkennen, dass die Art und Weise wie wir von Anfang des 20. Jahrhunderts an geführt haben, hoch erfolgreich war. Das hat für die Zeit hervorragend gepasst. Was wir jetzt erleben, ist meines Erachtens nicht die Frage ob wir bisher schlecht geführt haben, sondern die Frage lautet eher: Welche Art von Führung braucht die Zukunft vor dem Hintergrund, dass sich gesellschaftlich und vor allem auch in den Wirtschaftsstrukturen enorm viel verändert?

Das wiederum führt zu einer grundlegenden Schwierigkeit. Wir müssen anerkennen, dass das, was Unternehmen die letzten Jahre und sogar Jahrzehnte erfolgreich gemacht hat, in vielerlei Hinsicht kein guter Ratgeber für die Zukunft ist. Erfolg ist in diesem Sinne ein schlechter Ratgeber für die Zukunft. Außerdem sind wir auf eine solche Veränderung hin nicht ausgebildet!

Wir leben in einer Welt, die sich so schnell verändert, dass weder Führung oder Wirtschaft, noch das Bildungssystem uns rasch genug vorbereiten können. Während sich die Welt ändert, müssen wir uns auch anpassen. Der Idealfall sieht so aus: Wenn wir wirklich Führungsarbeit in der Spitze leisten wollen, müssen wir diese Entwicklungen sogar eher überholen und sogar antizipieren, was in der Zukunft passieren wird.

„Wir leben in einer Welt, die sich so schnell verändert, dass weder Führung oder Wirtschaft, noch das Bildungssystem uns rasch genug vorbereiten können.“ Franz Kühmayer

Wirtschaftsforum: Kommen wir auf den Mittelstand zu sprechen, bei dem ebenfalls oft die Frage nach seiner Zukunftsfähigkeit gestellt wird. Wo sehen Sie den ersten Dominostein, der fallen muss, um den Mittelstand erfolgreich für die Zukunft aufzustellen?

Franz Kühmayer: Es sind tatsächlich mehrere Steine, die fallen müssen. Ein Beginn wäre es anzuerkennen, dass man eine sehr starke Ausgangsposition hat, allerdings diese jetzt nutzen muss, um die Hausaufgaben für die Zukunft zu machen. Diese Startvoraussetzungen sind vielen einzelnen mittelständischen Unternehmen gar nicht bewusst.

Ganz im Gegenteil, man stellt das Licht ein bisschen unter den Scheffel. Das trifft bei der Digitalisierung weniger stark zu als bei der Arbeitgeberattraktivität. Da hat der Mittelstand das Gefühl, dass die ganzen hochqualifizierten Talente nur zu den Googles, Facebooks und Boschs dieser Welt wollen. Dabei sind es genau die typischen Eigenschaften als Mittelstand, welche ein hervorragendes Argument für Arbeitgeberattraktivität sind.

Um auf die Digitalisierung sprechen zu kommen. Die hat man zwar als ernstes Thema bereits erkannt. Aber da braucht es unbedingt einen Wechsel im Denken des Mittelstands. Der erste Dominostein wäre die Erkenntnis, dass Digitalisierung in Wahrheit einen ungemeinen Demokratisierungsprozess mit sich bringt. Der Wettbewerbsvorteil, der durch die Ressource Informationstechnologie entsteht, hat sich in den letzten Jahren massiv demokratisiert. Was man heute als mittelständisches und sogar als kleines Unternehmen bereits an IT-Lösungen einsetzen kann, ist de facto nur eine Kreditkartenzahlung entfernt.

Dazu brauchte man vor wenigen Jahren noch ein eigenes Rechenzentrum und hoch qualifizierte IT-Ingenieure. Das lässt sich heute im Vergleich relativ einfach abbilden. Diese Chance muss man sehen und nutzen wollen.

„Was man heute als mittelständisches und sogar als kleines Unternehmen bereits an IT-Lösungen einsetzen kann, ist de facto nur eine Kreditkartenzahlung entfernt.“ Franz Kühmayer

Wirtschaftsforum: Perspektivenwechsel ist auch ein Thema in der Unternehmensnachfolge, die Sie in den Report aufgenommen haben. Unter anderem legen Sie einen Genderwechsel in der Führung nahe. Was sind Ihre Argumente dafür?

Franz Kühmayer: Das Hauptargument greift eigentlich in zweierlei Weise. Der erste Faktor ist, dass aktuelle Frauenquoten ein ungesundes Verhältnis widerspiegeln, dass nicht der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Realität entspricht. Es kann nicht sein, dass wir nach wie vor Unternehmensübergaben im Mittelstand haben wie das bei Erbbauernhöfen in den letzten 500 Jahren gehandhabt wurde. Der älteste Sohn kommt zum Zug, fertig. Das ist mittelalterlich. Die Lebensrealitäten haben sich geändert und das muss man anpassen.

Der zweite Grund ist der, dass wir wissen, dass Diversität in der Führungsarbeit und den Unternehmen insgesamt zu deren Resilienz beiträgt. In schwierigen Zeiten ist es hilfreich, verschiedene Perspektiven zu haben. Daher ist es ein Überlebensdrang, dem nachzugehen und im eigenen Unternehmen diese Diversität zu fördern. Wenn das innerhalb der Familie funktionieren kann, umso besser.

Mehr als die Hälfte der Unternehmensübergebenden sagt: Wir erwarten in den nächsten Jahren disruptive Veränderungen in der Branche. Hier fährt man ja schon in Richtung Wand. Dann muss man sagen: Ist es nicht besser ein vielschichtiges Team mit entsprechender Perspektive am Steuer zu haben, um dieser Wand ausweichen zu können? Wenn ich schon eine Generationenübergabe habe, macht es folglich auch Sinn einen Genderwechsel anzustreben. Natürlich braucht es dazu die geeigneten Personen.

„Ich glaube, dass wir politisches Handeln in so turbulenten Zeiten wie wir sie jetzt erleben nicht nur an die Berufspolitik delegieren können.“ Franz Kühmayer

Wirtschaftsforum: Sie haben geschrieben, dass der Mittelstand mehr politische Verantwortung übernehmen sollte. Warum reicht soziales Engagement alleine, wie es von vielen praktiziert wird, nicht auf Dauer?

Franz Kühmayer: Zunächst einmal: Charity ist toll, das will ich überhaupt nicht schlecht reden. Ich habe den Eindruck, dass die meisten Mittelständler mit dem Herzen dabei sind und das nicht wie bei einigen Konzernen lediglich ein Marketingfeigenblatt ist. Ich glaube allerdings, dass wir politisches Handeln in so turbulenten Zeiten wie wir sie jetzt erleben nicht nur an die Berufspolitik delegieren können. Ein Kreuzchen bei einer Wahl ist nicht genug.

Führungskräfte oder Unternehmer erleben diese umwälzenden Entwicklungen und ihre Auswirkungen selbst sehr intensiv und müssen Verantwortung wahrnehmen. Diese Verantwortung erschließt sich meiner Ansicht nach in politischem Handeln. Politik ist nicht nur Berufspolitik! Wenn es stimmt, dass wir jetzt in der sogenannten 4. Industriellen Revolution sind, dann muss ich gesellschaftspolitische Fragen stellen, wie zum Beispiel: Wie sieht die Gesellschaft nach dieser Revolution aus?

Es wird sich die Art und Weise wie Arbeit stattfindet mit allen anderen Bereichen total verändern. Da braucht es möglichst viele Menschen, die darüber nachdenken und sich entsprechend engagieren. Von daher ist mein Appell, insbesondere an den Mittelstand: Nicht immer nur klagen, und zu sagen, wir werden mit Bürokratie belastet. Nein, wir wollen ganz konkret in die Aktion kommen und das ist gar nicht parteipolitisch gemeint, sondern politisch im wertvollsten Sinne.

Wir wollen daran mitarbeiten, wie die Gesellschaft von morgen aussieht. Das ist Teil unserer Verantwortung, größer als nur im eigenen Unternehmen und am eigenen Ort.

Interview: Markus Büssecker / Fotos: @Zukunftsinstitut

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