Die Schnittmenge von Leistungssport und Wirtschaft gibt es wirklich

Interview mit Hans-Dieter Hermann, Sportpsychologe und Autor

Wirtschaftsforum: Vergleiche zwischen Sport und Wirtschaft werden häufig gezogen. Ist das eine mediale Modeerscheinung oder gibt es tatsächlich eine wissenschaftlich fundierte Schnittstelle?

Hans-DieterHermann: Oh ja, die gibt es. Zum Beispiel weisen sowohl im Leistungssport als auch in der Wirtschaft mehrere Rahmenbedingungen deutliche Schnittmengen auf. Dazu gehören unter anderem die Anforderung, sich ständig weiterzuentwickeln, äußere Vorgaben zu erfüllen oder aber komplexe Aufgaben als Team zu lösen.

Wirtschaftsforum: Der Untertitel lautet „Essenz aus dem Coaching für Spitzensportler“. Auf den ersten Blick ist eine Logistikabteilung mit 57 Angestellten nicht mit einer Mannschaft von 21 Profifußballern vergleichbar. Wie schaffen Sie es, in Ihrem Buch die Brücke zwischen beiden Welten zu schlagen?

Hans-Dieter Hermann: Der Anspruch an die Qualität der Zusammenarbeit und Führung ist in beiden Welten sehr ähnlich. Deshalb ist es nicht so schwierig, dazwischen eine Brücke zu schlagen. Selbstverständlich ist uns bewusst, dass die Logistikabteilung von Wirtschaftsunternehmen verschiedener Branchen nicht ohne weiteres eins zu eins mit dem Spitzensport vergleichbar ist. Es ist deshalb wichtig, zu differenzieren – was wir tun – und davon ausgehend Strategien entsprechend anzupassen. Wenn man das berücksichtigt, lässt sich sehr solide mit unserem Modell arbeiten.

Hans-Dieter Hermann
„Wir erleben eher, dass es Führungskräften in vielen Situationen immer besser, teilweise sogar sehr gut gelingt, ihre Mitarbeiter mitzunehmen.“ Hans-Dieter Hermann

Wirtschaftsforum: Führungskräfte versuchen immer wieder neue Impulse zu setzen, das Team mit ins Boot zu bringen – und scheitern oft damit. Worin sehen Sie einen häufigen Fehler und wie kann er vermieden werden?

Hans-Dieter Hermann: Scheitern Führungskräfte tatsächlich so oft? Wir erleben eher, dass es Führungskräften in vielen Situationen immer besser, teilweise sogar sehr gut gelingt, ihre Mitarbeiter mitzunehmen. Aber wenn es dann doch mal nicht klappt, dann sind das eben genau die Konstellationen, die für Unruhe sorgen und ein Unternehmen oder eine Abteilung viel Energie, oft auch Zeit und damit Geld kosten können.
Gründe kommen dafür sehr viele in Frage. Häufig lassen sich Bezüge zur Qualität der Kommunikation sowie dem damit verbundenen gegenseitigen Vertrauen und dem Respekt herstellen. Dabei geht es oft weniger darum, ob diese Qualitäten tatsächlich vorhanden sind, sondern ob es auch gelingt, das den Mitarbeitern glaubhaft zu vermitteln.

Wirtschaftsforum: Sie widmen drei Kapitel dem Stichwort Kompetenzüberzeugung. Wie genau ist dieser Begriff definiert und was macht ihn so bedeutsam?

Hans-Dieter Hermann: Der Begriff Kompetenzüberzeugung beziehungsweise Kompetenzerwartung ist von dem englischen Begriff „Self efficacy“ abgeleitet, der vom Begründer der sogenannten sozialen Lerntheorie – Albert Bandura – stammt. Er beschreibt das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten bzw. in die Fähigkeiten eines ganzen Teams. Beides ist essenziell, um in beruflichen Anforderungssituationen das volle Leistungspotenzial abrufen zu können. Das Eindrucksvolle an diesem Konzept ist, dass es nicht nur behauptet und belegt, dass die Kompetenzerwartung wichtig ist, sondern auch wissenschaftlich fundierte Methoden aufzeigt, wie jeder selbst gezielt daran arbeiten und sie optimieren kann.

„Im Leistungssport ist das Feuer überall vorhanden, es ist systemimmanent, auch wenn es unterschiedlich zum Ausdruck kommt.“ Hans-Dieter Hermann
Hans-Dieter Hermann

Wirtschaftsforum: Sie haben Erfahrung in der Zusammenarbeit mit Profiteams aus den unterschiedlichsten Sportarten. Konnten Sie da einen Unterschied in der grundlegenden Motivation/Leistungsbereitschaft ausmachen oder direkt formuliert: Ist im Eishockey per se mehr Feuer drin als im Mannschafts-Dressurreiten?

Hans-Dieter Hermann: Nein. Im Leistungssport ist das Feuer überall vorhanden, es ist systemimmanent, auch wenn es unterschiedlich zum Ausdruck kommt. Das heißt, in einer Sportart wie Eishockey äußert sich das Feuer vielleicht mehr in Lautstärke, Geschwindigkeit und körperlicher Robustheit, im Mannschafts-Dressurreiten mehr in Disziplin und Fokus. Aber auch hier sollte man sich bei der Einschätzung nicht zu sehr von Klischees leiten lassen. Vor allem kommt es auch auf die Persönlichkeit der Sportlerinnen und Sportler an!

Interview: Markus Büssecker, Fotos: Jana Kay; privat

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