Die Globalisierung der Märkte und unserer Welt wird derzeit durch die Digitalisierung verschärft

Interview mit Ingo Radermacher, Klardenker, Entscheidungsphilosoph und Speaker

Wirtschaftsforum: Herr Radermacher, Sie bezeichnen sich selbst als Klardenker und Entscheidungsphilosoph®. Mit Ihrem Wissen wollen Sie Ihren Mitmenschen helfen, den Durchblick zu behalten und klare Entscheidungen zu treffen. Mal ganz provokant gefragt: Gibt es wirklich so viele Menschen, die das nicht allein können?

Ingo Radermacher: Das wäre nun wirklich eine völlig defizitorientierte Sichtweise. Jeder von uns trifft täglich unzählige Entscheidungen selbst. Wissenschaftliche Studien sprechen gar von über 20.000 Entscheidungen, die wir jeden Tag treffen – jeder von uns. Würde ich da nun jeden an die Hand nehmen wollen, so wäre dies wohl kaum förderlich. Durch meine Impulse in Sachen Entscheidungsfindung soll niemand zu einem ewigen Grübler mutieren, der die Alltagswahl zwischen Kaffee oder Tee zu einer Grundsatzentscheidung macht. Schließlich geht es mir weniger um solche Alltagsentscheidungen. Diese treffen wir oft schon ganz automatisch – mancher würde sagen: aus dem Bauch heraus.

Es geht eher um all das, was wir darüber hinaus noch an wirklich Wichtigem entscheiden können, dürfen oder müssen. Gerade diejenigen Dinge, die größere Konsequenzen in und für unser Leben beziehungsweise für die Organisationen haben, die wir führen. Ein einmal eingeschlagener Weg lässt sich oftmals im Nachhinein nur noch schwer korrigieren beziehungsweise getroffene Entscheidungen beeinflussen mein Entscheidungsspektrum in der Zukunft. Die Globalisierung der Märkte und unserer Welt wird derzeit durch die Digitalisierung weiter verschärft und so haben wir es in vielen Gebieten mit weit mehr Optionen zu tun, als jemals zuvor. Wir haben mehr Gestaltungs- und Entscheidungs- spielräume als je eine Generation vor uns. Viele der Einfluss- und Entscheidungsparameter wirken aufeinander ein. In Anbetracht der Optionsvielfalt keine Entscheidung zu treffen, hat ebenso Konsequenzen und ist daher eine Entscheidung. In Zeiten der Digitalisierung mehren sich darüber hinaus auch die teils subtilen wie auch teils offensichtlichen Einflussmöglichkeiten von außen auf uns und unsere Entscheidungen. Wo lernen wir, mit all dem umzugehen? Die Schulen helfen hier wohl kaum weiter. Und insofern biete ich Menschen gerne Impulse zur Klarheit und ein Wiedererstarken der Selbstverantwortung im Umgang mit Entscheidungen an.

Wirtschaftsforum: In Ihren Büchern „Digitalisierung selbst denken“ und „Denk klar“ nennen Sie die Digitalisierung als einen der entscheidenden Faktoren, die das Lebensumfeld so stark verändern und Prozesse so beschleunigen, dass Menschen buchstäblich nicht mehr „hinterherkommen“. In welchen Lebensbereichen schlägt sich der digitale Wandel Ihrer Ansicht nach besonders nieder?

Ingo Radermacher: Ein zentraler Lebensbereich, der von der Digitalisierung direkt und umfassend verändert wurde und weiterhin wird, ist die zwischenmenschliche Kommunikation. Der digitale Wandel ist dort – unabhängig vom Beruf, Lebensalter und Sozialisierung – am grundsätzlichsten bemerkbar. Vom sprichwörtlichen Gespräch mit den Großeltern über die Eltern-Kind-Kommunikation bis zum »Business-Talk« im Büro: Kommuniziert wird eher per E-Mail, WhatsApp oder beispielsweise Slack, statt im direkten, persönlichen Gespräch beziehungsweise im Telefonat.

Schriftliche Kommunikation hat sich damit in diesen Zeiten zu einer Art emulierter Mündlichkeit gewandelt. Viele Menschen kommen kaum noch hinterher damit, all ihre Eingangskörbe – E-Mail-Posteingang, WhatsApp-, SMS-, Facebook-Messenger- und vieles mehr – zu bearbeiten. Die Folge: Empfundene Informationsüberflutung, Mangel an Klarheit und Übersicht bis hin zur persönlichen Kapitulation. Dies kann sich beispielsweise im Berufsleben daran zeigen, dass sich gerade Führungskräfte unfähig fühlen, Entscheidungen zu treffen – denn sie könnten ja Entscheidendes für eine Entscheidung übersehen haben.

„Ein zentraler Lebensbereich, der von der Digitalisierung direkt und umfassend verändert wurde und weiterhin wird, ist die zwischenmenschliche Kommunikation.“ Ingo Radermacher
Ingo Radermacher, Klardenker, Entscheidungsphilosoph und Speaker

Wirtschaftsforum: Haben Sie den Eindruck, dass wir immer weniger daran gewöhnt sind, klare Entscheidungen zu treffen, weil sie uns – unter anderem durch digitalisierte Prozesse – abgenommen werden, oder ist das Gegenteil der Fall?

Ingo Radermacher: Zu behaupten, unsere digitalen Begleiter, beispielsweise als Apps auf unseren Smartphones, hätten keinen Einfluss auf unsere Lebens- und Entscheidungsgestaltung, wäre einfältig. Vielmehr ist hier die Frage angebracht: Wo endet die Unterstützung durch „digitale Helfer“ – und wo beginnt die Beeinflussung? Beispielsweise dort, wo eine etwaige Unklarheit in unseren Wünschen durch Klarheit und Eindeutigkeit einer unerbetenen Empfehlung oder Informationspenetration verdrängt wird.

Grundsätzlich kann jede Information, die wir erhalten, unser Entscheidungsverhalten verändern; jede Unterstützung – auch beispielsweise der Tipp eines Freundes – kann uns unsere Entscheidung abnehmen. Wichtig ist hier Zweierlei: Erstens sollten wir uns das Wertekorsett beziehungsweise die Intention des »Tippgebers« vor Augen halten – sei es nun Google, Amazon oder ein guter Freund. Und zweitens sollten wir uns frei für oder gegen eine »Entscheidungsunterstützung« entscheiden können. Nur so bleiben wir selbst verantwortlich für unser Handeln.

Natürlich ist es praktisch, wenn uns einschlägige Online-Händler bei der Suche nach einem geeigneten Toaster nicht mit dem gesamten vielgestaltigen Sortiment konfrontieren, sondern uns bereits in den ersten Rängen der Suchergebnisse denjenigen Toaster präsentieren, der – dem Algorithmus folgend – für uns der wahrscheinlichste und nach unseren antizipierten Präferenzen am besten geeignete ist. Solch eine digitale Entscheidungshilfe kann bei der Produktauswahl in gewissen Grenzen sowohl legitim als auch wünschenswert sein. Und: Wir haben uns daran gewöhnt. Doch wenn es nicht um schlichte Konsumentscheidungen – beispielsweise für ein bestimmtes Toaster-Modell – geht, sondern um Werte, Meinungen, Haltungen oder gar Lebensentscheidungen, dann sieht die Sache anders aus. Dann brauchen wir im Grunde eigentlich eine Vielfalt an Informationen – und insbesondere nicht nur diejenigen, die unsere Sichtweisen und Präferenzen bestätigen. Oftmals ist es ja gerade auch der andere „Input“ – wenn wir hinterfragt werden oder angefochten, wenn wir uns abgrenzen oder gar aufregen –, der zu einer Reifung und fundierten Haltung beiträgt.

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