Digitalisierung bringt weitreichende Veränderung über die Wirtschafts- und Arbeitswelt hinaus

Interview mit Ingo Radermacher, Klardenker, Entscheidungsphilosoph und Speaker

Wirtschaftsforum: Klarheit ist für Sie das, was uns in die Lage versetzt, überhaupt sinnvoll zu entscheiden und damit die Grundlage für das buchstäbliche „Klarkommen“ im Alltag. Wie vermitteln Sie Ihren Lesern und Zuhörern diesen Ansatz und welche Strategien können Sie ihnen aufzeigen, um das zu erreichen?

Ingo Radermacher: Klarheit definiere ich als einen Zustand, in dem Dinge geordnet vorliegen und bewusst voneinander unterschieden werden können. Das zu erreichen, erfordert: zu wissen, worum es überhaupt – in einer Entscheidungssituation ebenso wie beispielsweise in einer problematischen Alltagssituation oder auch in einer Diskussion – geht. Das klingt trivial, ist es aber nicht. Spontan meint man vielleicht, man wisse selbstverständlich Bescheid, worum es grade jeweils geht. Tatsächlich merkt man indes schnell, wenn man sich an die Definition und Abgrenzung des jeweiligen Problems macht: So einfach ist es gar nicht. Zwingende Voraussetzung sind: Kenntnisse. Und das einzige zwingend notwendige „Tool“ ist: unser eigener Kopf. Dass wir dieses Instrument optimal nutzen – darauf arbeite ich hin mit meinen Publikationen und Vorträgen. Ich zeige zum einen klassische „Denkfallen“ auf und analysiere zum anderen auch digitale Prozesse und Helfer, die uns kluges Denken und Entscheiden sowohl erleichtern als auch erschweren können. Und vor allem gebe ich „Navigationshilfen“ an die Hand für den eigenen Weg zur klaren, gut durchdachten Entscheidung. In meinem Buch »Denk klar – klug entscheiden in digitalen Zeiten« besteht diese Navigationshilfe aus fünf Prinzipien.

Ingo Radermacher, Klardenker, Entscheidungsphilosoph und Speaker
„Möglicherweise ist die Fachfremdheit vieler selbsternannter Experten auch ein Grund dafür, dass zur Digitalisierung, zu Machine Learning oder künstlicher Intelligenz derart viel Nonsens publiziert, vermarktet und geglaubt wird." Ingo Radermacher

Wirtschaftsforum: Sie sind diplomierter Wirtschaftsinformatiker. Was war für Sie die Initialzündung, in die Unternehmensberatung einzusteigen und inwieweit sind Ihnen Ihre Kenntnisse als Informatiker dabei von Nutzen gewesen und woraus ziehen Sie Ihre Motivation?

Ingo Radermacher: Heute könnte man fast glauben, man sei ein Exot, wenn man sich als Wirtschaftsinformatiker im Kontext des Digitalen äußert. Möglicherweise ist die Fachfremdheit vieler selbsternannter Experten auch ein Grund dafür, dass zur Digitalisierung, zu Machine Learning oder künstlicher Intelligenz derart viel Nonsens publiziert, vermarktet und geglaubt wird. Pointiert gesagt: Jeder, der sich einen Flug ins Silicon Valley leisten und anschließend seine Erlebnisse mediengeeignet vermarkten kann, wird als Experte wahrgenommen.

Gerade im Mittelstand gibt es allerdings Unternehmer und Entscheider, die sich auch zu digitalen Fragestellungen gerne Erfahrungswissen gepaart mit fundiertem Sachverstand einkaufen. In diesen Umfeldern bringe ich meine Qualifizierung und meine Erfahrungen als Informatiker und als Unternehmensberater ein. Die Initialzündung lag noch weit vor der medialen Omnipräsenz des Digitalen: Schon in meinen ersten Berufsjahren war mir seinerzeit klar: IT ist mehr als eine bloße Service-Funktion in Unternehmen. Meine ersten Publikationen zielten damals auf die künftige strategische Bedeutung von Informationstechnologien für Unternehmen und ihre Wertschöpfung. Diesen Wertbeitrag der IT für Unternehmen darzulegen, durch geeignetes Vorgehen zu stärken und damit Unternehmern als Sparringspartner mit „unternehmerisch-informatischer Brille“ zu dienen, war die Initialzündung für meine heutige Beratungstätigkeit wie auch für meine publizistischen und sonstigen Verpflichtungen: Verantwortungsträgerschaften in verschiedensten Organisationen, denen ich sehr gerne nachkomme.

„Heute könnte man fast glauben, man sei ein Exot, wenn man sich als Wirtschaftsinformatiker im Kontext des Digitalen äußert.“ Ingo Radermacher
Ingo Radermacher, Klardenker, Entscheidungsphilosoph und Speaker

Sie fragten nach meiner Motivation: Sie besteht zunächst darin, Unternehmen und Organisationen mit meinen Kenntnissen weiterzuhelfen, um gleichsam „einen Schritt voraus“ zu sein – getreu der Devise: „IT ist mehr als nur Technologie“. Gleichzeitig geht meine Motivation darüber hinaus: Die Digitalisierung wird nach meiner Überzeugung eine weitreichende Veränderung nicht nur unserer Wirtschafts- und Arbeitswelt mit sich bringen, sondern fundamental auch unsere Lebenswirklichkeiten betreffen. Für mich wirft diese Entwicklung nicht etwa die Frage auf, ob ich sie als „gut“ oder „schlecht“ beziehungsweise. wünschenswert oder problematisch beurteile. Vielmehr geht es mir darum, dass wir dieser Entwicklung – als Unternehmen und Führungskräfte ebenso wie grundsätzlich als Menschen – kompetent begegnen. Und sie wirft weiter die Frage auf: Wie wollen wir in der Zukunft leben? Hier sehe ich mich auch in meinen ethischen Grundsätzen gefordert – und motiviert. Sie kommen in meiner Tätigkeit als Unternehmensberater ebenso wie in meinem publizistischen Wirken als Autor und Keynote-Speaker zum Tragen, indem ich Menschen sowohl auf die Notwendigkeit und Sinnhaftigkeit eines Wertekanons hinweise als auch Orientierungs- und Einordnungshilfen an die Hand gebe.

Interview: Markus Büssecker | Fotos: Ingo Radermacher Consulting, Business Village Verlag

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