„Wenn es im Zug nicht ruckelt, denken Sie an uns“

Interview mit Dr. Andreas Spittel, Commercial Director der Borflex Rex SA

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Spittel, Ihr Unternehmen kann auf eine lange Geschichte zurückblicken. Welche Meilensteine würden Sie besonders hervorheben?

Dr. Andreas Spittel: Gegründet wurde die Firma 1935. In den 1950er-Jahren hat man den Schwerpunkt auf die Produktion von Schuhsohlen gelegt. Nachdem in den 1970er-Jahren die Produktion nach Asien verlegt worden war, konzentrierte man sich hier auf den Bereich Eisenbahn. In den 1990er-Jahren haben wir begonnen, unsere R&D-Kapazitäten auszubauen und mit Hochschulen in der Schweiz zu kooperieren. Die Produktion wurde kontinuierlich ausgebaut. Während wir bis in die 2000er-Jahre nur mit Elastomeren gearbeitet haben, kamen dann Thermoplaste, 2K-Spritzguss-Verfahren und Silikone hinzu. Der letzte größere Meilenstein war 2018 die Übernahme durch die französische Borflex-Gruppe. Anfang dieses Jahres sind wir umfirmiert von REX Articoli Tecnici in Borflex Rex.

Wirtschaftsforum: Wo steht Borflex Rex heute, was die wirtschaftliche Entwicklung angeht?

Dr. Andreas Spittel: Wir beschäftigen hier in der Schweiz 100 Mitarbeiter und generieren einen Jahresumsatz von rund 20 Millionen EUR. Unser Umsatz ist recht stabil, leicht steigend. Das letzte Jahr war Corona-bedingt etwas schwächer, aber unsere breite Aufstellung hat uns sehr geholfen. In diesem Jahr sieht es bisher sehr gut aus. In der Borflex-Gruppe, die insgesamt 360 Mitarbeiter beschäftigt und einen Umsatz von 46 Millionen EUR macht, sind wir das einzige nicht-französische Unternehmen.

Wirtschaftsforum: Welches sind Ihre wichtigsten Produkte?

Dr. Andreas Spittel: Im Eisenbahnbereich unterscheiden wir zwischen Infrastruktur, also allem, was sich an und unter der Schiene befindet, und Rollmaterial, das sind die Elastomerteile an den Zügen. Ein wesentliches Standbein sind für uns unsere SwissStop Fahrradbremsbeläge. Diese können wir unabhängig von Materialflüssen aus Asien komplett hier in Mendrisio herstellen. In der Coronakrise boomt dieser Bereich wie verrückt. Unser dritter Bereich sind technische Gummiartikel, etwa für die Sanitär-, Bau- und Elektroindustrie, aber auch für Sportartikel. Wir begleiten den Kunden von der Idee an bis zum produktionsfertigen Produkt.

Wirtschaftsforum: Mit welchem Hintergrund sind Sie zu Borflex Rex gekommen, und welche Impulse können Sie dem Unternehmen geben?

Dr. Andreas Spittel: Ich bin seit fünf Jahren bei Borflex Rex. Ich habe Chemie studiert und mich auf makromolekulare Chemie und elastomere Kautschuke spezialisiert. Anschließend habe ich Rohstoffe und Elastomer-Mischungen verkauft, war Verkaufsleiter und Geschäftsführer. Als Geschäftsführer bei Borflex Rex habe ich mich intensiv um die Strukturierung und Professionalisierung des Verkaufs gekümmert.

Wirtschaftsforum: Die Geschichte des Unternehmens ist durch Stabilität und Wachstum gekennzeichnet. Welche Faktoren waren dafür verantwortlich?

Dr. Andreas Spittel: Der frühere Eigentümer hat sich immer wieder auf die Kernkompetenzen besonnen und überlegt, wo er sie noch einsetzen kann. So ist das Unternehmen nach jeder schwierigen Phase schnell wieder auf die Beine gekommen. Seit der Mitgliedschaft in der Borflex-Gruppe können wir außerdem auf eine breitere Plattform zurückgreifen, auch, was die Produktionsverfahren betrifft. Dadurch haben wir ein breites Produktportfolio und können zum Beispiel im Bahnbereich komplette Lösungen anbieten. Das gilt übrigens auch umgekehrt für die französischen Unternehmen der Gruppe, die von unserem Angebot profitieren.

Wirtschaftsforum: Wie sehen die Pläne für die nächsten Jahre aus?

Dr. Andreas Spittel: Unser Ziel ist, die Synergien der Gruppe noch besser zu nutzen. Wir müssen uns auf Dauer mehr in Richtung Systemlieferant entwickeln. Die Industrie 4.0 wird eine Rolle spielen. Wir entwickeln gerade eine App-basierte Lösung für den Eisenbahnbereich, die noch in diesem Jahr auf den Markt kommen soll.

Wirtschaftsforum: Was ist Ihr persönlicher Antrieb bei Ihrer Arbeit?

Dr. Andreas Spittel: Ich hatte den inneren Willen, mit 50 noch einmal den Sprung in einen anderen Kulturkreis zu wagen. Die Motivation der Mitarbeiter, aber auch die Möglichkeiten, die der Markt uns bietet, spornen mich an. Allein im neuen Gotthard-Basistunnel sind 1.200 t Gummi von uns verarbeitet. Wenn es im Zug nicht ruckelt, können Sie an uns denken.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema Industrielle Zulieferer

Mehr Komfort und Sicherheit in der Bahn

Interview mit Roberto Taccucci, Sales Director der TSL-ESCHA GmbH

Mehr Komfort und Sicherheit in der Bahn

Die TSL-ESCHA GmbH hat sich auf die Entwicklung und Herstellung von Tastern, Warnmeldern und Signalleuchten in der Bahntechnik spezialisiert und kann als Teil des französischen MAFELEC TEAM inzwischen noch auf…

Stille Helfer made in Switzerland

Interview mit Sandro Meier, Geschäftsführer der Hefe Schweiz AG

Stille Helfer made in Switzerland

Backhefe ist ein unverzichtbarer Bestandteil der modernen Lebensmittelherstellung und spielt insbesondere im Bäckerhandwerk eine zentrale Rolle. Der kleine Würfel ist ein lebender Zellorganismus, ein stiller Helfer, der Brot locker, aromatisch…

„Wir sind klein genug, um zuzuhören – und präzise genug, um zu liefern“

Interview mit Viktoria Steiner, Geschäftsführerin der raro plastics GmbH

„Wir sind klein genug, um zuzuhören – und präzise genug, um zu liefern“

Die raro plastics GmbH steht für Präzision, Flexibilität und gewachsene Kompetenz in der Kunststoffverarbeitung. Geschäftsführerin Viktoria Steiner führt das Unternehmen mit hohem technischem Verständnis und klarem Blick für Kundenbedürfnisse. Im…

Spannendes aus der Region Mendrisio

Der Ferrari unter den Pinzetten

Interview mit Fides Baldesberger, Geschäftsführerin der Outils Rubis SA

Der Ferrari unter den Pinzetten

Make-up-Artists aus der ganzen Welt sind von den Produkten der Outils Rubis SA seit Jahrzehnten begeistert. Dabei waren die Gründungsjahre des Unternehmens von ganz anderen Märkten geprägt. Geschäftsführerin Fides Baldesberger…

Von Kaffee, Kultur und Kaffeekultur

Interview mit Fabrizio Patrazzo, Verkaufsleiter der S.A.C.C.A. - Società Anonima Caffé Coloniali Alimentari

Von Kaffee, Kultur und Kaffeekultur

Es war ein TV-Ereignis der Extraklasse – ‘Babylon Berlin’, die deutsche TV-Produktion, die Millionen Zuschauer in das Berlin der 1920er-Jahre entführte und mit renommierten Preisen überschüttet wurde. Der legendäre Tanzpalast…

Ein Material fürs Leben

Interview mit Dr. Gianni Pertici, CEO und Gründer der Industrie Biomediche Insubri S.A.

Ein Material fürs Leben

Es ist ein relativ junges Forschungsgebiet, dem allerdings enormes Zukunftspotenzial zugeschrieben wird – das Tissue Engineering. Die Gewebezucht in Bioreaktoren gilt als eine der größten Hoffnungen der Biotechnologie. Eines der…

Das könnte Sie auch interessieren

Investieren, wenn andere bremsen

Interview mit Markus Geller, COO der Amacuro GmbH

Investieren, wenn andere bremsen

Während sich große Player im Gesundheitsmarkt aus Kostengründen eher zurückziehen, investiert die Amacuro GmbH aus Hamburg gezielt in Infrastruktur, Digitalisierung und Mitarbeiter. COO Markus Geller bringt dafür seine langjährige Erfahrung…

Bauen mit Handschlagqualität

Interview mit Jürgen Fien, Geschäftsführer der Fien GmbH Bauunternehmen

Bauen mit Handschlagqualität

Vom kleinen Auftrag für private Bauherren bis zum Rohbauprojekt in Millionenhöhe: Die Fien GmbH Bauunternehmen aus Wehr verbindet die Flexibilität eines mittelständischen Familienbetriebs mit der Leistungsfähigkeit größerer Bauunternehmen. Regionale Nähe,…

Datteln direkt vom Ursprung

Interview mit Semi Ouanes, Geschäftsführer der Ouanes Früchte GmbH

Datteln direkt vom Ursprung

Vor fast 30 Jahren begann die Geschichte der Ouanes Früchte GmbH mit einem Kleintransporter und einer mutigen Idee. Heute importiert das Familienunternehmen jährlich rund 2.000 t Datteln aus Tunesien, Palästina,…

TOP