Vom Stall auf die Straße
Interview mit Dr. Philipp Sauter, Director biogeen Mobility der biogeen Mobility GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Sauter, Sie haben Anfang des Jahres die Tankstellen der SEFE übernommen. Wie passt das zum Geschäft von biogeen?
Dr. Philipp Sauter: Sehr gut, denn es ist die logische Erweiterung unseres Geschäftsfelds. biogeen betreibt heute 47 Biogas- und Biomethananlagen, 13 davon speisen Biomethan ins Netz ein. Damit das Gas aber auch im Verkehr ankommt, muss es an den Tankstellen vertankt werden. Diesen Markt wollten wir aktiv voranbringen und betreiben deshalb eigene CNG- und LNG-Tankstellen. So decken wir die gesamte Wertschöpfungskette ab – von der Substratbeschaffung über die Erzeugung und Einspeisung bis zur Vertankung beim Kunden.
Wirtschaftsforum: Warum ist gerade Gülle für Sie so interessant?
Dr. Philipp Sauter: Wirtschaftsdünger ist für uns im Transportbereich die wichtigste Substratklasse. Würde man Mist und Gülle direkt auf dem Feld ausbringen, entstünden Methan- und Lachgasemissionen, die, ganz grob gesagt, 20- beziehungsweise 200-mal so klimaschädlich sind wie CO2-Emissionen. In der Biogasanlage findet dieser Prozess in einem abgeschirmten Raum statt. Das Methan wird anschließend im Motor verbrannt, wobei CO2 entsteht. Über die gesamte Kette betrachtet ergibt sich so faktisch eine negative Emissionsbilanz.
Wirtschaftsforum: Fließt das Biomethan direkt vom Werk in den Lkw-Tank?
Dr. Philipp Sauter: In der Regel nicht. Wir speisen die Menge ins Gasnetz ein und entnehmen die gleiche Menge an anderer Stelle wieder, nutzen unser eigenes Biomethan also bilanziell. Die direkte Nutzung befindet sich noch in der Entwicklung, aber der Großteil wird auch in Zukunft über das Gasnetz versorgt werden.
Wirtschaftsforum: Was unterscheidet Sie von anderen Tankstellenbetreibern?
Dr. Philipp Sauter: Wir sind als Tankstellenbetreiber in die Biomethanproduktion integriert und machen uns damit unabhängiger von den Weltmarktbedingungen, bei denen Preise zum Teil noch an Gaspreisindizes gekoppelt sind. Wir haben die gesamte Molekülkette in einer Hand und können unseren Kunden deshalb langfristig stabile Bedingungen bieten. Das ist auch ein wesentlicher Unterschied zu fossilen Kraftstoffen. In der Gasmobilität hat die Preisvolatilität in der Vergangenheit Kunden abgeschreckt. Außerdem orientieren wir uns eng an ihren Bedürfnissen: Wo ist die nächste Tankstelle? Wie schnell komme ich dort dran? Ist ein Booster für die Schnellbetankung vorhanden? Daraus entstehen häufig Neubauprojekte, mit denen wir Lösungen für den jeweiligen Bedarf schaffen.
Wirtschaftsforum: Wer sind Ihre Kunden und wie entwickelt sich der Markt?
Dr. Philipp Sauter: Wir haben zwei große Geschäftsfelder: Pkw und Lkw. Bei den Lkw sind Interesse und Nachfrage hoch. Bei den Pkw ist der Markt rückläufig, weil kaum noch Neufahrzeuge mit Gasmotor angeboten werden. Wir müssen also vertrieblich aktiv sein, um wegfallende Mengen auszugleichen. Gleichzeitig wollen wir wachsen und die bilanziell dekarbonisierte Gasbetankung breiter ausrollen, um zur Dekarbonisierung der Logistik beizutragen.
Wirtschaftsforum: Wie wichtig sind Digitalisierung und KI für Ihre Prozesse?
Dr. Philipp Sauter: Sie sind hilfreich, aber noch nicht essenziell. Gasmobilität gibt es schon seit einigen Jahren, und entsprechend haben wir auch ältere Tankstellen, die noch nicht vollständig digitalisiert sind. Das holen wir nach und nach auf. KI hilft uns bei Recherchen. Die Anlagen steuern wir damit aber noch nicht, denn dabei sind auch zahlreiche Sicherheitsaspekte zu berücksichtigen.
Wirtschaftsforum: Gibt es neben der Vermeidung von Methan und Lachgas weitere Stellschrauben in Sachen Nachhaltigkeit?
Dr. Philipp Sauter: Ja, gleich mehrere. Wir konzentrieren uns darauf, den noch vorhandenen Eigenstrombedarf der Anlagen möglichst durch erneuerbaren Strom zu decken, also aus Biogas, Photovoltaik oder Wind, sodass am Ende alles dekarbonisiert ist.
Außerdem versuchen wir, das CO2 zu nutzen, das als Nebenprodukt der Biogasproduktion entsteht. Es kann abgeschieden und in der chemischen Industrie, in Gewächshäusern oder in der Lebensmittelindustrie eingesetzt und so wieder in den Kreislauf gebracht werden. Und bei den Tankstellen, wenn wir alte Anlagen haben, werden sie in der Regel nicht verschrottet, sondern auf dem Sekundärmarkt angeboten, häufig in Osteuropa.
Wirtschaftsforum: Wohin soll die Reise gehen?
Dr. Philipp Sauter: Ich bin angetreten, dieses Geschäftsfeld voranzubringen. Wir wollen unsere Vertankungskapazität von derzeit rund 100 GWh in den nächsten Jahren verdreifachen – durch die Übernahme bestehender Tankstellen ebenso wie durch den Bau neuer Anlagen. Parallel ziehen wir auf der Erzeugerseite nach, mit Greenfield-Projekten und Akquisitionsgesprächen. Auch für Stadtwerke wollen wir Partner sein: Viele von ihnen empfinden ihre Gastankstellen inzwischen als mühsames Geschäft. Wir sind offen für unterschiedliche Kooperationsmodelle.
Wirtschaftsforum: Was treibt Sie persönlich an?
Dr. Philipp Sauter: Ich finde es faszinierend, dass man aus Reststoffen wie Gülle und Mist ein wertvolles Produkt herstellen und damit einen Sektor dekarbonisieren kann, der als schwer zu dekarbonisieren gilt. Aus einem vermeintlichen Abfallprodukt, in manchen Regionen sogar einem Problemstoff, wird so eine Lösung.









