Sichtweise auf Bio umkehren: Konventionelle Produkte sind zu billig!

Interview mit Georg Kaiser, Geschäftsführer der BIO COMPANY GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Kaiser, wie sehen Sie als Gründer von Bio Company die Zukunft von Bioläden in Deutschland, wenn Bio-Produkte auch überall im konventionellen Handel und auf dem Wochenmarkt erhältlich sind?

Georg Kaiser: Die Qualität und die Vielfalt, diese besondere Authentizität, die wir als Bio-Fachhändler bieten, unterscheidet sich deutlich vom konventionellen Handel. So ist das Unternehmen BIO COMPANY seit der Gründung tief in der Region verwurzelt, diesem Prinzip sind wir bis heute treu geblieben. Besonders gefreut hat uns daher, dass wir den „Regionalstar 2018“ von der Lebensmittelpraxis und der Grünen Woche verliehen bekommen haben. Diesen Anspruch, durch lokale Nahversorgung nicht nur eine besondere Frische zu gewährleisten, sondern eben auch die kleinen und bäuerlichen Strukturen in der Region zu fördern ist damit auch sehr glaubwürdig unterstrichen worden. Ich bin der Meinung, dass dies in dieser Umfänglichkeit und auch Ehrlichkeit der konventionelle Handel gar nicht nachbilden kann. Es liegt nur auch am Fachhandel, dies zu kommunizieren. Dem Verbraucher biete ich auch ein ganz anderes Einkaufserlebnis. Er hat schnell auf einem Einkaufsgang ein hochwertiges Bio-Vollsortiment zur Verfügung, was so auf dem Wochenmarkt gar nicht verfügbar ist. Auch wenn einige unserer Bauern selbst auf Wochenmärkten verkaufen. Beide Marktformen kann man schlecht vergleichen. Dennoch wird der Biofachhandel auch in Zukunft Bestand haben, weil er eben substanziell ist.

„Es ist ein Trugschluss, dass Bio nur für so genannte höhere Einkommensklassen erschwinglich ist.“ Georg Kaiser
Georg Kaiser

Wirtschaftsforum: Bio-Produkte sind generell teurer als herkömmliche. Was muss getan werden, damit der Trend Bio auch für Menschen mit geringen Einkommen erschwinglich sein wird?

Georg Kaiser: Generell müsste man es umgekehrt sehen: Konventionelle Produkte sind zu billig. Denn diese bilden die Folgekosten für Umwelt und nachfolgende Generationen nicht ab. Es herrscht also insgesamt eine Verzerrung der Preise. Eine Lösung wäre, konventionelle Marken auch für diese Folgekosten verantwortbar zu machen, beispielsweise durch eine Pestizidabgabe. Es ist ein Trugschluss, dass Bio nur für so genannte höhere Einkommensklassen erschwinglich ist. Es gibt in unseren Bio-Märkten auch Preis-Einstiegsmarken und unsere Eigenmarken, die generell etwas günstiger sind. Vielfach hängt es auch mit dem Bewusstsein für die eigene gesunde Ernährung und der Wertschätzung von Lebensmitteln zusammen. Wir beobachten zunehmend einen Trend „leaf to root“, also vom Blatt zur Wurzel alles zu verwenden. So wird nichts weggeschmissen und die Vorräte halten auch länger vor. Konventionelle Ware, die günstig ist, wird schon eher weggeworfen, da billig oft mit „nichts wert“ gleichgesetzt wird. Nach einer Erhebung in unseren Märkten konnten wir zudem feststellen, dass ein Bio-Einkauf nicht ans Einkommen gebunden ist. Wir haben Kunden aller Schichten, vom Studenten über Arbeiter bis hin zum Manager.

Georg Kaiser
„Wir sehen ein zunehmendes Verantwortungsbewusstsein bei den Verbrauchern, durch ihren Einkauf auch ein politisches Statement abzugeben.“ Georg Kaiser

Wirtschaftsforum: Thema Nachhaltigkeit und Umweltschutz: Kann man es denn eigentlich noch verantworten, sich nicht von Bio-Produkten zu ernähren?

Georg Kaiser: Wir sehen ein zunehmendes Verantwortungsbewusstsein bei den Verbrauchern, durch ihren Einkauf auch ein politisches Statement abzugeben. Unsere Kunden wollen die Bauern und kleinen Betriebe fördern, den lokalen Handel sowie den Umwelt- und den Tierschutz unterstützen. Diese Entwicklung freut uns sehr – und ist auch Ergebnis jahrelanger Arbeit in der Verbraucherkommunikation und Transparenz. Natürlich würden wir uns wünschen, dass alle Menschen Zugang zu Bio-Produkten haben. Dass eine Welternährung durchaus mit Bio-Produkten funktionieren kann, haben ja unterschiedliche Studien bereits gezeigt. Wir sehen uns da aber eher nicht in der Rolle des Missionars, sondern eher in der des Aufklärers und Dienstleisters.

Wirtschaftsforum: Wie viele Ihrer Produkte kommen denn aus der unmittelbaren Region und werden Ihre Filialen regional unterschiedlich beliefert?

Georg Kaiser: Die Anzahl der Produkte variiert, da das Sortiment auch saisonal unterschiedlich ausfällt. Grundsätzlich ist es aber so, dass wir im Raum Berlin/Brandenburg von über 100 Lieferanten bedient werden, in Hamburg sind es gut 60 und in Dresden 30 Betriebe. Unser Prinzip, so kurze Lieferwege wie möglich zu haben, gilt für alle Standorte. In der Regel koordinieren wir die Lieferungen über unseren ortsansässigen Großhändler Midgard in Berlin und über Terra Naturkost. In Hamburg und Dresden greifen wir auf regionale Großhändler vor Ort zurück. Es gibt aber teilweise auch Erzeuger, die uns direkt beliefern.

„Ein vollständig verpackungsfreier Markt ist bei unserem Sortiment so bei aktuellem Stand nicht möglich.“ Georg Kaiser
Georg Kaiser

Wirtschaftsforum: Wie stehen Sie denn zum Thema Plastikverpackungen? Können Sie sich vorstellen, ein verpackungsfreies Geschäft zu führen?

Georg Kaiser: Wir haben seit 2016 in unseren jüngeren Filialen eine breite Unverpackt-Strecke. Hier gibt es Nudeln, Reis, Hülsenfrüchte, Nüsse, Gummibärchen zum Selbstabfüllen. In unserer Filiale in der Yorckstraße haben wir im Testlauf auch einen Milchspender sowie einen Wasserbrunnen zum Selbstabfüllen. Wir planen diese Angebote auch auszubauen. Ein vollständig verpackungsfreier Markt ist bei unserem Sortiment so bei aktuellem Stand nicht möglich. Dies betrifft eine breite Verpackungsdiskussion nicht nur innerhalb des Handels, sondern auch bei den Erzeugern und deren Prozessen. Hier wurde bereits vieles angestoßen und auch für alternative Formen sensibilisiert. Allerdings hängt bis heute auch viel mit der Standfestigkeit von Produkte und hygienischen Vorgaben zusammen. Dies gesamt umzustellen, ist ein sehr komplexes und langwieriges Unterfangen. Gleichwohl haben sich schon einige Produzenten hier auf den Weg gemacht und das begrüßen wir sehr.

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