Webcode:

Um einen Artikel aus dem Print-Magazin online zu lesen, geben Sie bitte nachfolgend den Webcode ein, der im Magazin unter dem Artikel zu finden ist.

https://www.getdigital.de - Gadgets und mehr für Computerfreaks

„Automatisierung ist ein People-Business“

Interview mit Florian Hermle, Geschäftsführer der Balluff GmbH

Social Share
Teilen Sie diesen Artikel

Wirtschaftsforum: Herr Hermle, die Balluff GmbH nimmt mit dem Slogan für ein virtuelles Kundenevent ‘Win the Automation Race’ für sich in Anspruch, das Rennen um die Automatisierung zu gewinnen. Wie genau setzen Sie sich dabei an die Spitze?

Florian Hermle: Das Thema Automatisierung ist seit nahezu 70 Jahren das Kerngeschäft unseres Unternehmens. In dieser Zeit konnten wir uns vor allem durch ein Kriterium von der Masse abheben: innovative Produkte. Unser Motto ‘Innovating Automation’ gibt dabei die Richtung unserer Firmenleitlinien vor – wir sind ständig innovativ, hinterfragen Prozesse und suchen nach neuen Lösungen.

Wirtschaftsforum: Welches Thema steht bei der Automatisierung gerade an erster Stelle?

Florian Hermle: Im Bereich der Automatisierungstechnik kommt der Datengenerierung und -auswertung eine besondere Bedeutung zu. Denn um Anlagen steuern und Prozesse regeln zu können, benötigt man in erster Linie einen umfangreichen Datenpool, aus dem man die entsprechenden Erkenntnisse erhält. Das Rennen um die Automatisierung gewinnen wir also auch dadurch, dass wir unseren Kunden helfen, möglichst einfach an die Daten ihrer Prozesse heranzukommen, um ihre Produktionsverfahren und -anlagen dann, etwa im Rahmen des Condition Monitoring, kontinuierlich verbessern zu können, damit am Ende messbare Ergebnisse stehen: weniger Downtime, bessere Qualität, höherer Output.

Wirtschaftsforum: Die Balluff GmbH blickt auf eine 100-jährige Unternehmensgeschichte zurück – und damit auf eine lange Tradition. Ist diese lange Historie eher förderlich oder hinderlich, wenn man in einer Zukunftsbranche mit rasanten Veränderungen aktiv ist?

Florian Hermle: Eine lange Geschichte und viel Erfahrung müssen den Innovationsdrang ja nicht behindern – ganz im Gegenteil. Unter Tradition verstehen wir die Tradition mit unseren Kunden, die jahrelange vertrauensvolle Zusammenarbeit. Wir schreiben uns auf die Fahne, dass wir die Themen industrielle Produktion und Automatisierung aus dem FF kennen. Dahinter stehen ein fundiertes Wissen und umfangreiche Prozesskenntnisse, die man sich nicht irgendwo aus der Cloud herunterladen kann. Dieses tiefe Verständnis der Abläufe in der Industrie befähigt uns überhaupt erst dazu, zielgerichtete Automatisierungsmöglichkeiten zu finden, die auch die wirtschaftlichen Anforderungen unserer Kunden befriedigen. Erst durch diesen direkten Austausch können wir auch die technischen Trends der nächsten Jahre antizipieren. Automatisierung ist also vor allem auch ein People-Business. Und wenn man Tradition nicht als etwas sieht, das einen träge und müde macht, ist es ein starkes Pfund, mit dem man wuchern kann.

Wirtschaftsforum: Wie läuft der Forschungs- und Entwicklungsprozess bei Balluff ab?

Florian Hermle: R&D ist auch bei uns ein sehr strukturierter Prozess, der zudem eine umfangreiche Dokumentation erfordert. Das ist auch notwendig, um die Einhaltung fachlicher Regelungen garantieren zu können. Zur stärkeren Befeuerung der kreativen Phase am Anfang eines Projekts haben wir bei uns mittlerweile Inkubationsprogramme umgesetzt: Dort soll außerhalb des üblichen Entwicklungsprozesses in einem kleinen Team mit Start-up-Ansatz eine kreative Lösung für ein spezifisches Kundenproblem gefunden und möglichst schnell in der Praxis erprobt werden. Eines dieser Inkubationsprojekte hat es in kürzester Zeit zur Marktreife geschafft – und bestätigt uns damit in dieser Herangehensweise.

Wirtschaftsforum: In einem Ihrer Imagevideos stellen Sie einen Bezug zwischen der Präzision von automatisierten Prozessen und den filigranen Fähigkeiten des menschlichen Körpers her. Wird die Technik je die Natur einholen können?

Florian Hermle: Was autonome Maschinen heute leisten können, ist erstaunlich. Aber stellen Sie einen Fußballroboter mit einem Dutzend Kameras und großem Kabelverhau neben einen Weltklassefußballer, und die Unterschiede werden enorm sein. Wir sollten also demütig bleiben. Es verhält sich vielmehr so, dass die Natur uns oft zu unseren Lösungen inspiriert: Gerade die Leistungsfähigkeit der menschlichen Sinnesorgane ist manchmal der Anstoß zu weiteren Verbesserungen in der Sensortechnik. Gleichzeitig lassen sich viele einzelne Aspekte der Präzision des menschlichen Körpers in der technischen Automatisierung doch so weit erreichen, dass diese Technologie dann einen Wertzuwachs in den industriellen Prozessen bedeutet. Hier verlaufen die Entwicklungen auch mit beeindruckender Schnelligkeit: Gerade in der Chipherstellung ist man jedes Jahr eigentlich überzeugt: Noch kleiner und präziser wird es nicht mehr gehen. Und dann geht es eben doch.

TOP