„Wir haben die Grenzen der Physik verschoben!“

Interview mit Dr. Markus Tomaschitz, Chief Human Ressources Officer und Group Spokesman der AVL List GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Tomaschitz, erzählen Sie uns zu Beginn des Gesprächs doch bitte etwas zur Historie von AVL List.

Dr. Markus Tomaschitz: Gerne. 1948 gründete Hans List, Professor für Maschinenbau an der Technischen Universität Graz, das Unternehmen. Heute würde man diesen Vorgang als Spin-off bezeichnen. Von Beginn an war es seine Vision, den Verbrennungsmotor so weit wie möglich zu optimieren. Gleichzeitig wollte er Messsysteme entwickeln, mit denen Effizienz und Belastbarkeit von Verbrennungsmotoren stichhaltig überprüft werden können. In den folgenden Jahrzehnten ist das Unternehmen stetig gewachsen. Dieses Wachstum kam jedoch nicht nur organisch zustande, sondern auch durch diverse Zukäufe – auch in Deutschland. Aktuell beschäftigen wir rund 11.000 Mitarbeiter und erzielen einen Umsatz von etwa 1,7 Milliarden EUR. Natürlich beschäftigen wir uns heute auch mit vielen anderen Themen und nicht mehr nur mit Verbrennungsmotoren und Messsystemen.

Wirtschaftsforum: Wie sieht Ihr aktuelles Portfolio aus? Was können Ihre Kunden von Ihnen erwarten?

Dr. Markus Tomaschitz: Im Wesentlichen sind wir das größte unabhängige Unternehmen zum Entwickeln, Messen und Testen von Antriebssystemen. Diese Sparte läuft heute unter dem Oberbegriff Mobility Engineering. Unser zweites Themengebiet sind die Messsysteme. Hier fertigen wir Systeme, die wir entweder selbst nutzen oder an unsere Kunden verkaufen. Wir warten, erneuern und entwickeln rund 1.200 solcher Anlagen bei unseren Kunden permanent weiter. Das dritte Themenfeld schließlich ist die Simulation. Wir starten auch generell in der virtuellen Welt und legen einen großen Fokus darauf, so viel wie möglich in der Simulation abzuhandeln. Dazu braucht man komplexe Modelle, die in der Lage sind, physikalische Vorgänge verschiedener Fahrzeuge mit unterschiedlichsten Antriebsarten richtig zu simulieren.

Wirtschaftsforum: Welchen Stellenwert hat das Thema Nachhaltigkeit in Ihrem Unternehmen?

Dr. Markus Tomaschitz: Für mich ist Nachhaltigkeit eines unserer wesentlichen Themen. Deshalb ist es auch unser Credo, dass wir diesen Planeten grüner machen. Gerade im Bereich der Optimierung des Verbrennungsmotors haben wir zahlreiche Patente. Es ist uns gelungen, die Grenzen der Physik gewissermaßen zu verschieben, weil wir immer weniger CO2-Ausstoß nachweisen und den Verbrennungsmotor sowie Elektromotor auch immer weiter optimieren konnten. Das wird auch von unseren Kunden honoriert.

Wirtschaftsforum: Lassen Sie uns ein wenig über Ihre Unternehmenskultur sprechen. Wie gehen Sie mit Ihren Mitarbeitern um?

Dr. Markus Tomaschitz: Wir haben trotz unserer Größe die besondere Struktur eines Familienunternehmens, wir haben einen Eigentümer, für den die Zufriedenheit der Mitarbeiter mit an oberster Stelle steht. Er weiß genau, dass das wertvollste Kapital unserer Firma zwischen den Ohren unserer Mitarbeiter liegt. Gute Führung bedeutet für uns, eine Balance zu schaffen zwischen den Interessen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und denen des Unternehmens. Ich glaube, dass uns das ganz gut gelingt. Wir sehen unsere wichtigste Aufgabe darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen die Mitarbeiter das tun können, was sie am besten können. Dabei zeichnen sich unsere Mitarbeiter durch ein sehr hohes Maß an Eigenverantwortung aus.

Wirtschaftsforum: Warum entscheiden sich Kunden für Ihr Unternehmen und nicht für einen Wettbewerber?

Dr. Markus Tomaschitz: Es sind die langjährige Kompetenz und unsere Erfahrung sowie die Breite unseres Angebots, die den Unterschied zu Wettbewerbern ausmachen. Das finden Sie in dieser Art und Weise nirgendwo anders. Oder, wie es ein Kunde formulierte: ‘Wenn niemand mehr Lösungen hat, die AVL hat noch eine’.

Wirtschaftsforum: Wie sieht es bei Ihnen mit der Digitalisierung aus?

Dr. Markus Tomaschitz: Wir haben relativ früh damit begonnen, alles, was an Prozessen da ist, zu digitalisieren. Wir haben sämtliche Arbeitsschritte digitalisiert und unsere Mitarbeiter können von überall aus arbeiten, ganz gleich, ob sie im Büro, zu Hause oder im Flieger sitzen.

Wirtschaftsforum: Wo liegt – geografisch gesehen – Ihr wichtigster Absatzmarkt?

Dr. Markus Tomaschitz: Das ist eindeutig Deutschland. Dort werden die meisten Innovationen von Antrieben entwickelt. Der deutsche Automobilmarkt verfügt über eine enorme Innovationskraft und für uns ist es sehr spannend, das begleiten zu dürfen. Darüber hinaus ist auch China wegen des immensen Wachstumspotenzials ein wichtiger Markt.

Wirtschaftsforum: Stichwort Fachkräftemangel. Wie gewinnen Sie neue Mitarbeiter?

Dr. Markus Tomaschitz: Hier verfolgen wir eine Dreifachstrategie. Zum einen unterhalten wir enge Kontakte zu Bildungseinrichtungen wie Schulen, Fachhochschulen und Universitäten, um möglichst früh Mitarbeiter an uns zu binden. Das zweite ist die Übernahme von Unternehmen, bei denen es uns nicht so sehr um deren Produkte und Dienstleistungen geht, sondern um die Kompetenzen und Fähigkeiten der Beschäftigten. Außerdem versuchen wir Mitarbeiter, die bereits in Pension gehen könnten, weiter an uns zu binden, weil wir auf deren Wissen und Erfahrung nicht verzichten möchten.

Wirtschaftsforum: Zum Abschluss noch eine Frage zur Zukunft. Wo wollen Sie in fünf Jahren stehen?

Dr. Markus Tomaschitz: In fünf Jahren wollen wir auf jeden Fall eines der führenden Engineering-Unternehmen für die neuen und modernen Antriebe sein. Im Bereich der fahrerlosen Assistenzsysteme wollen wir unsere Marktanteile deutlich erhöhen. Ich glaube, dass wir in fünf Jahren auch ein stark datengetriebenes Unternehmen sein werden.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema Transport & Logistik

Auf Kurs: Die Herausforderungen der Logistikbranche meistern

Interview mit Andreas Kellner, Geschäftsführer und Malte Bruns Operativer Leiter sowie Philipp Kruse, Finanzleiter der Addicks&Kreye Container Service GmbH & Co. KG

Auf Kurs: Die Herausforderungen der Logistikbranche meistern

Die Addicks&Kreye Container Service GmbH & Co. KG aus Bremerhaven steht vor einer spannenden Transformation. In einem sich ständig verändernden Logistiksektor, der von Herausforderungen wie geopolitischen Spannungen und einem wachsenden…

Das Bindeglied zwischen Binnen- und Seeschifffahrt

Interview mit Björn Zirotzki, Geschäftsführer der HSW Logistics GmbH

Das Bindeglied zwischen Binnen- und Seeschifffahrt

HSW Logistics sorgt dafür, dass Stahlcoils und weitere Industrieprodukte von Unternehmen an Rhein und Ruhr verlässlich ihre Bestimmungsorte in Norwegen und im UK erreichen – dank einer Bahnanbindung im Zielhafen…

Die nächste Evolution der Verpackung

Interview mit Lubomir Kroupa, COO der NEXTPACK AG

Die nächste Evolution der Verpackung

Die Notwendigkeit, praktische Alternativen zu Transportverpackungen aus Kunststoff zu finden, ist dringlicher denn je. Um die Gesamtmenge an produziertem Plastik zu reduzieren und zu einem kreislauforientierten System überzugehen, müssen Unternehmen…

Spannendes aus der Region Graz

„Wir sorgen dafür, dass die Verbindung niemals abreißt!“

Interview mit Dr. Joachim Kalcher, Geschäftsführer der Scotty Group Austria GmbH

„Wir sorgen dafür, dass die Verbindung niemals abreißt!“

Vom Serien-Streaming zu Hause und Videokonferenzen im Büro ist inzwischen so gut wie jeder eine perfekte Bild- und Tonqualität bei nahtloser Konnektivität gewohnt. Doch das sind Schönwetterumgebungen, von denen man…

„Mit E-Learning kann man schnell die Masse erreichen!“

Interview mit Wolfgang Schaffer, Geschäftsführer der M.I.T e-Solutions GmbH

„Mit E-Learning kann man schnell die Masse erreichen!“

Schon lange, bevor das Internet aufkam, unterstützte die M.I.T e-Solutions GmbH ihre Kunden bei der Erarbeitung und Ausspielung nahtloser E-Learning-Lösungen: Welche technologischen Innovationen derzeit eine besondere Rolle für das Unternehmen…

„Alles muss einfacher werden“

Interview mit Christoph Wiedner, CEO der DEWETRON GmbH

„Alles muss einfacher werden“

Bei der Genauigkeit gibt es keine Kompromisse. Im Gegenteil. Die Test- und Messlösungen der DEWETRON GmbH mit Sitz in Grambach in der Steiermark werden immer effektiver und präziser. CEO Christoph…

Das könnte Sie auch interessieren

Effiziente Energie aus der Grafschaft Bentheim

Interview mit Uwe Mennebäck, Director Sales und Markus Grevinga, Director Engineering sowie Daniel Schraad, Site Director der STEMMANN-TECHNIK GmbH

Effiziente Energie aus der Grafschaft Bentheim

In einer Zeit, in der Nachhaltigkeit und Effizienz zu zentralen Erfolgsfaktoren für Industrie und Mobilität geworden sind, kommt innovativen Technologien eine Schlüsselrolle zu. Die STEMMANN-TECHNIK GmbH – ein Unternehmen des…

Neue Kapazitäten für ökologische Brennstoffe der Zukunft

Interview mit Geert Arnoldussen, COO der Vesta Terminals B.V.

Neue Kapazitäten für ökologische Brennstoffe der Zukunft

Die Energiewende ist in vollem Gange und die niederländische Vesta Terminals B.V. leistet ihren Beitrag dazu. Das Unternehmen mit Sitz in Utrecht sowie Tanklagern in den Häfen von…

Energiewende passiert nicht auf dem Papier, sondern im Heizungskeller

Interview mit Manfred Schäuble, Geschäftsführer der Schäuble Regenerative Energiesysteme GmbH

Energiewende passiert nicht auf dem Papier, sondern im Heizungskeller

Manfred Schäuble spricht leise, aber bestimmt. Seit Jahrzehnten arbeitet der Handwerksmeister an regenerativen Energielösungen – lange bevor sie politisch eingefordert wurden. Sein Unternehmen steht heute für ganzheitliche Energiesysteme, für Verlässlichkeit…

TOP