Change Management in der Immobilienbranche

Interview mit Dirk Schäfer, Geschäftsführender Gesellschafter der Anteon Immobilien GmbH & Co. KG

Wirtschaftsforum: Herr Schäfer, mit welchen Veränderungen in der Immobilienbranche beschäftigen Sie sich?

Dirk Schäfer: Das Maklergeschäft ist im Schwerpunkt zum Beratungsgeschäft geworden. Die Zeiten, in denen wir den Kunden einfach nur ein Exposé vorgelegt haben, gehören schon lange der Vergangenheit an. Es geht vielmehr darum, den Bedarf im Detail zu hinterfragen. Wir hatten bereits vor der Krise die Projektlabor GmbH gegründet, die sich ausschließlich mit dem Thema Workplace Consulting beschäftigt. Unsere Planer und Berater gehen zu den Unternehmen und entwickeln Statusanalysen darüber, wie gerade die Teams untergebracht sind beziehungsweise räumlich miteinander korrespondieren. Daraus definieren sie mit dem Kunden ein Soll-Briefing. Jetzt kann sich die viel qualifiziertere Immobiliensuche anschließen, denn der Unternehmer weiß jetzt genau, was er wirklich braucht.

Die Frage nach dem Bedarf ist aufgrund der Veränderungen durch die Corona-Pandemie noch schwieriger geworden. Die Unternehmen sind noch unsicher, wie sich ihre Branche eigentlich entwickelt und welche Teammitglieder in welcher Frequenz zurück ins Büro kommen oder überhaupt kommen müssen. Dies erfordert eine durchdachte räumliche Flexibilität. Und ein professionelles und gleichermaßen empathisches Change Management, um jede/n Einzelne/n mit auf den Weg in die neue Arbeitswelt zu nehmen.

Wirtschaftsforum: Welche Konzepte braucht es Ihrer Meinung nach für einen modernen Workplace?

Dirk Schäfer: Das Umdenken beziehungsweise ein erforderlicher Wandel der eigenen Arbeitsstruktur und -kultur wird mittlerweile von immer mehr Unternehmen als unumgänglich formuliert. Die weitere Vermischung von Arbeitszeit und privater Zeit einerseits und die Non Territorialität des Arbeitens erfahren gerade eine geradezu disruptive Entwicklung. Corona zwingt die Unternehmen noch stärker, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen und kreative Arbeitsumfelder für ganz unterschiedliche Tätigkeiten zu schaffen.

Dazu gehört es eben, dass ich mich nicht vom Controlling in die blosse Wirtschaftlichkeit drängen lasse. Ich muss flächentechnisch auch in Recreation Areas und Think Tanks und damit in Fläche investieren. Jedes Büro braucht einen Platz für konzentriertes Arbeiten, aber auch für die Zusammenarbeit in Teams. Sie brauchen Platz für den Austausch, zum Reden und damit einhergehend auch eine Änderung des Visuellen. Ich muss mich auch mal in einen Sessel fläzen oder den Ort wechseln können. Menschen arbeiten in motivierenden Arbeitsumfeldern motivierter. Das ist keine neue Erkenntnis. Und wenn sich die Mitarbeiter in ihrer Arbeitsumgebung wohlfühlen und diese die aktuellen Aufgaben richtig unterstützt, also das richtige Setting für die jeweilige Aufgabe bietet, ist das Ergebnis nachweislich besser. In Qualität und Zeit. Der Erfolg von Unternehmen ist das logische Ergebnis.

Darüber hinaus spielt das Thema der psychischen Gesundheit ebenfalls eine Rolle. Die psychische Belastung am Arbeitsplatz führt zu Konflikten und zu einer Ausgangssituation, bei der es noch schwerer ist, die Teams in anderen (Raum-)Strukturen zu organisieren. Wenn es nichtgeklärte Teamkonflikte gibt, dann brauche ich auch kein innovatives Workplace Consulting. Ich muss viel weiter vorne anfangen. Hier müssen auch die kulturellen Aspekte, also die Art wie geführt wird, berücksichtigt werden. Gerade bei non-territorialen Arbeitsstrukturen ist das Vertrauen in die Mitarbeiter und deren Arbeit ein unerlässlicher Faktor, und das für beide Seiten, den Arbeitgeber wie den Arbeitnehmer.

Wirtschaftsforum: Welche Konsequenzen hat das für Sie als Immobilienberater?

Dirk Schäfer: Mittlerweile stehen wir mit Anteon mit unseren wirtschaftlichen und standortspezifischen Beratungsleistungen im Rahmen eines Prozesses, der den Namen wirklich verdient hat, erst am Ende der Nahrungskette. Wenn wir es also richtig machen wollen. Ich fasse mal zusammen: Es fängt beim Miteinander in den Teams an, einer gesunden und damit guten Teamhygiene, dann wird das zukunftsweisende individuelle Workplace Konzept entwickelt und zwar flankiert mit einem weitsichtigen Change Management. Und dann erst kommen wir ins Spiel und prüfen anhand dieser ermittelten Erkenntnisse potentielle Büroobjekte. Wir sind schon lange so weit weg von einem wie auch immer gearteten Maklergeschäft. Und das ist auch gut so. Das hat mich auch inspiriert und angetrieben weiterzudenken. Die Herausforderung ist aber auch, das Thema des Workplace Managements den Unternehmern so zu vermitteln, dass es für sie nachvollziehbar ist, dass sie den langfristigen Nutzen erkennen. Und der lässt sich zum Beispiel schon bald an den sich signifikant rückläufigen Krankheitstagen erkennen.

Wirtschaftsforum: Welchen Einfluss hat die Pandemie auf Mietverträge für Büroflächen?

Dirk Schäfer: Einen großen. Viele Unternehmen können derzeit nicht entscheiden, ob sie ihren Mietvertrag verlängern oder ausziehen. Die Zukunft trägt zu viele Fragezeichen. Deshalb bieten wir unseren Kunden momentan unsere Unterstützung dahingehend an, eine Standortentscheidung eben jetzt nicht treffen zu müssen, obwohl es der Mietvertrag fordert. Diese dadurch gewonnene Zeit verschafft den Unternehmern Luft, um mit viel klarerer Perspektive planen zu können. Diese Investition gibt uns ein gutes Gefühl, im Sinne dieser Zeit etwas besonders Sinnstiftendes zu tun.

Wir stellen in diesem Zusammenhang auch ein gesteigertes Bedürfnis nach sogenannten „atmenden“ Mietverträgen fest. Diese bieten dem Unternehmer die Möglichkeit, während der Laufzeit Flächen flexibler hinzu zu mieten oder auch abzugeben. Diese Flexibilität „erkaufen“ sich die Mieter durchaus durch die Akzeptanz einer höheren Miete. Damit sind wir dann auch wieder beim Thema Workplace Consulting: Ich kann ein Raumkonzept mit den Unternehmen so entwickeln, dass es mir ganz grundsätzlich die Möglichkeit bietet, am Anfang vielleicht einen Tick weit großzügiger zu „sitzen“. Und in diesen Freiräumen kann ich dann „verdichten“, wenn sich die Marktgegebenheiten wieder verbessert haben, ohne Gefahr zu laufen, plötzlich zu wenig Fläche zu haben, umbauen oder zusätzlich anmieten zu müssen. Diese Flexibilität in Zeit und Fläche spiegelt für mich nicht nur aktuell, sondern auch in Zukunft die große Sehnsucht der Unternehmen wider und wird in Zukunft in den Mietvertragsverhandlungen eine immer wichtigere Rolle spielen.

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