Strategien im E-Commerce
Interview mit Waldemar Derksen, Geschäftsführer der Albatros International GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Derksen, Ihr Unternehmen ist seit den frühen 2000er-Jahren im E-Commerce aktiv. Wie hat sich Albatros International seit den Anfängen entwickelt?
Waldemar Derksen: Ich habe 2001 beziehungsweise 2002 zunächst als Einzelunternehmer mit E-Commerce begonnen. 2004 folgte die Gründung der Albatros International GmbH. In den ersten Jahren lag der Fokus nahezu ausschließlich auf eBay, da es damals kaum Alternativen gab. Einige Jahre später kam Amazon hinzu, und wir waren sehr früh dabei, dort auch Nicht-Buchprodukte zu verkaufen. Diese Experimentierfreude und Offenheit für neue Plattformen haben das Unternehmen geprägt. Heute bin ich alleiniger Gesellschafter, und wir gehören zu den wenigen E-Commerce-Unternehmen, die sich über mehr als zwei Jahrzehnte erfolgreich am Markt behauptet haben – in einer Branche, in der viele schnell wieder verschwinden.
Wirtschaftsforum: Wie ist das Unternehmen heute strukturiert – sowohl in Bezug auf Vertriebskanäle als auch auf Märkte?
Waldemar Derksen: Wir haben uns bewusst breit aufgestellt und sind nicht von einem einzelnen Marktplatz abhängig. Amazon spielt für uns eine wichtige Rolle, macht aber nur rund 40% unseres Umsatzes aus. Insgesamt sind wir auf etwa 20 Marktplätzen aktiv; eBay spielt heute nur noch eine untergeordnete Rolle. Ergänzt wird das durch eigene Onlineshops. Geografisch liegt unser Schwerpunkt klar im deutschsprachigen Raum. Deutschland und insbesondere Österreich sind unsere stärksten Märkte. Verkäufe ins weitere Ausland finden statt, bleiben aber aufgrund höherer Versandkosten anteilig geringer.
Wirtschaftsforum: Ihr Sortiment ist breit gefächert. Wie stellen Sie sicher, dass diese Vielfalt strategisch sinnvoll bleibt?
Waldemar Derksen: Breite darf nicht mit Beliebigkeit verwechselt werden. Wir arbeiten mit mehreren eigenständigen Marken, um nicht als Bauchladen aufzutreten, sondern in den jeweiligen Produktwelten glaubwürdig zu bleiben. Insgesamt bewegen wir uns in rund 45 Produktsegmenten, die sich jedoch laufend verändern. Märkte unterliegen klaren Zyklen. Früher waren etwa Autozubehör oder handwerkliche Produkte sehr gefragt, heute spielen sie für uns eine deutlich geringere Rolle. Aktuell zählen Heimtextilien – insbesondere Matratzen – zu unseren stärksten Segmenten, ebenso der Gartenbereich, der sich vergleichsweise stabil zeigt. Solche Entwicklungen beobachten wir genau, um rechtzeitig zu reagieren und unser Portfolio anzupassen.
Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt die Produktentwicklung in Ihrem Geschäftsmodell?
Waldemar Derksen: Wir verstehen uns nicht als klassischer Händler, sondern treten in vielen Bereichen wie ein Hersteller auf. Die Produkte werden überwiegend in Asien gefertigt und gezielt für uns angepasst. Dafür kontaktieren wir Betriebe, die bereits ähnliche Produkte herstellen, und lassen dort auf uns zugeschnittene Produkte unter unserem Brand fertigen. Wir übernehmen sämtliche Herstellerpflichten – vom Import über die Haftung bis zur Qualitätssicherung. Produziert wird in Containergrößen, was hohe Vorleistungen erfordert, aber echte Differenzierung ermöglicht. Reines Dropshipping ist für uns kein tragfähiges Modell.
Wirtschaftsforum: Wie gehen Sie mit der aktuellen Konsumzurückhaltung und den wirtschaftlichen Rahmenbedingungen um?
Waldemar Derksen: Jammern ist für uns keine Option. Märkte verändern sich, und darauf muss man reagieren. Wenn die Nachfrage sinkt, bedeutet das nicht automatisch weniger Erfolg. Entscheidend ist die Positionierung. Wer sein Ranking verbessert, kann auch in einem schrumpfenden Markt mehr verkaufen. Verantwortung liegt immer beim Unternehmen selbst. Wir denken langfristig und konzentrieren uns darauf, Prozesse zu verbessern, statt jemandem Schuld zuzuweisen. Diese Haltung hat uns über viele Jahre getragen.
Wirtschaftsforum: Welche Bedeutung haben Digitalisierung, KI, Nachhaltigkeit und Sichtbarkeit für Ihre zukünftige Entwicklung?
Waldemar Derksen: Digitalisierung begleitet uns seit Unternehmensbeginn. Künstliche Intelligenz ist für uns ein wichtiger neuer Hebel, insbesondere bei Produktdarstellungen und emotionalen Bildwelten. Kaufentscheidungen werden emotional getroffen, auch wenn sie später rational begründet werden. KI hilft uns, diese emotionale Ansprache effizient umzusetzen.
Gleichzeitig setzen wir konsequent auf smarte Prozesse, um Mitarbeitende von repetitiver Arbeit zu entlasten. Mit rund zwölf Mitarbeitenden erzielen wir etwa 20 Millionen EUR Umsatz – möglich wird das durch effiziente Prozessintelligenz und eine bewusst schlanke Struktur. Nachhaltigkeit hat für mich persönlich einen hohen Stellenwert, etwa beim konsequenten Einsatz papierbasierter Verpackungen und dem weitgehenden Verzicht auf Styropor, auch wenn die Mehrkosten von Kunden kaum honoriert werden. Für die Zukunft ist Sichtbarkeit unser zentrales Thema: Wir haben sehr gute Produkte, werden aber damit noch nicht überall so wahrgenommen. Entscheidend ist, unsere Produkte stärker sichtbar zu machen und als das zu positionieren, was sie sind. Unser Ziel ist nachhaltiges Wachstum, nicht kurzfristige Effekte.















