Verantwortung übernehmen im jagdlichen Fachmarkt
Interview mit Stefan Kolosser, Geschäftsführer der Huntivity Group GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Kolosser, welche Entwicklungsschritte waren für Ihr Unternehmen in den vergangenen Jahren besonders prägend?
Stefan Kolosser: Mein unternehmerischer Weg begann im Einzelhandel mit Jagdwelt24. Aus meiner Erfahrung im Schuhgroßhandel erkannte ich früh, dass der stationäre Handel langfristig unter Druck geraten würde. Deshalb baute ich 2018 gezielt den Großhandel als B2B-Geschäft auf, um starke Marken und Eigenmarken zu entwickeln, die perspektivisch auch den Einzelhandel stärken. Dieser Schritt markierte einen entscheidenden Wendepunkt. Herausforderungen wie Corona, Fachkräftemangel und ein schwierigeres wirtschaftliches Umfeld stellten uns als wachsendes Unternehmen vor große Aufgaben, insbesondere beim Aufbau tragfähiger Strukturen. Mit Klarheit, Konsequenz und Einsatz gelang es, eine stabile Basis zu schaffen.
Wirtschaftsforum: Wie ist Ihr Unternehmen heute strukturiert, und von welchen Standorten aus agieren Sie?
Stefan Kolosser: Das Unternehmen ist klar in zwei Bereiche gegliedert: Jagdwelt24 als B2C-Einheit und die Huntivity Group im B2B-Geschäft. Die Zentrale befindet sich in Fürstenau, wo Verwaltung, Logistik und ein stationäres Ladengeschäft angesiedelt sind. Ein weiterer Einzelhandelsstandort liegt in Bergkamen am Kamener Kreuz. Der Großhandel wird von Fürstenau aus gesteuert und durch eine Tochtergesellschaft in Wien ergänzt. Über diese Struktur beliefern wir im B2B-Bereich nahezu alle relevanten Fachhändler in Deutschland, Österreich und der Schweiz sowie über digitale Kanäle.
Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt der Standort in Zeiten von Homeoffice und Onlinehandel für Sie?
Stefan Kolosser: Persönliche Zusammenarbeit ist für mich nach wie vor zentral. Austausch, Vertrauen und Unternehmenskultur lassen sich digital nur begrenzt abbilden. Gleichzeitig ermöglichen wir flexible Arbeitsmodelle und Homeoffice. Nach der Coronazeit hat sich jedoch klar gezeigt, dass nahezu alle Mitarbeitenden gern wieder zur persönlichen Zusammenarbeit zurückgekehrt sind. Das bestätigt mich darin, dass Standort und Präsenz weiterhin wichtige Erfolgsfaktoren sind.
Wirtschaftsforum: Wie sieht Ihre Filialstruktur aktuell aus, und welche Expansionspläne verfolgen Sie?
Stefan Kolosser: Aktuell betreiben wir zwei Einzelhandelsfilialen. Seit 2019 haben wir bewusst keine weitere Filiale eröffnet, da der Fokus zunächst vollständig auf dem Aufbau des Großhandels lag. Künftig planen wir weitere Standorte, jedoch mit Augenmaß. Unsere Entscheidungen basieren auf detaillierten Analysen zu Kundenherkunft, Infrastruktur und Erreichbarkeit. Wir möchten mit Bedacht in Abständen um die 150 km von Filiale zu Filiale wachsen.
Wirtschaftsforum: Können Sie einige zentrale Kennzahlen zu Ihrem Unternehmen nennen?
Stefan Kolosser: Wir beschäftigen rund 130 Mitarbeitende, was etwa 85 Vollzeitstellen entspricht. Der Jahresumsatz liegt bei über 100 Millionen EUR, rund 80% davon entfallen auf das B2B-Geschäft. Trotz eines anspruchsvollen Marktumfelds sind wir mit dieser Entwicklung zufrieden – sie zeigt, dass unser Modell trägt und wir auf dem richtigen Weg sind.
Wirtschaftsforum: Wie hat sich Ihre Rolle als Geschäftsführer im Laufe der Zeit verändert?
Stefan Kolosser: In den Anfangsjahren war ich stark operativ eingebunden. Mit dem Wachstum des Unternehmens wurde jedoch deutlich, dass nachhaltiger Erfolg strategische Führung erfordert. Entsprechend habe ich ein leistungsfähiges mittleres Management aufgebaut. Heute fokussiere ich mich auf Strategie, Werte und Partnerschaften und schaffe einen klaren Rahmen für eigenverantwortliches Arbeiten. Technologische Entwicklungen wie künstliche Intelligenz beobachten wir offen und nutzen sie dort, wo sie sinnvoll unterstützen und zur Unternehmenskultur passen.
Wirtschaftsforum: Welche Produkt- und Leistungsbereiche prägen Ihr Portfolio besonders?
Stefan Kolosser: Unser Portfolio reicht vom klassischen Büchsenmacherhandwerk bis zur Wärmebildtechnik, in der wir sehr stark positioniert sind. Ergänzt wird es durch Bekleidung, Ausrüstung und Zubehör. Waffen und Munition stehen bei uns voll im Fokus und sind für Jäger wichtiges Arbeitswerkzeug. Die besondere Herausforderung liegt darin, diese Vielfalt organisatorisch und logistisch abzubilden – mit unterschiedlichen Produktgrößen, rechtlichen Anforderungen sowie Technik, Textil und Service innerhalb einer gemeinsamen Struktur.
Wirtschaftsforum: Welche Bedeutung hat das Thema Nachhaltigkeit für Ihr Unternehmen?
Stefan Kolosser: Nachhaltigkeit ist für uns ein langfristiger Anspruch. Bei Eigenmarken setzen wir verstärkt auf natürliche Materialien und Qualität. In der Branche ist eine Rückbesinnung auf Stoffe wie Loden oder Wolle deutlich spürbar. Darüber hinaus betrachten wir Versandmaterialien, Retourenprozesse und auch unseren Service als Teil nachhaltigen Wirtschaftens, weil Qualität und Langlebigkeit immer auch Service einschließen.
Wirtschaftsforum: Wie gestalten Sie Marketing und Kommunikation?
Stefan Kolosser: Persönlicher Austausch bleibt entscheidend, weshalb ausgewählte Messen eine wichtige Rolle spielen. Onlinemarketing ist stark eingeschränkt, da viele Begriffe und Produkte als sogenannte ‘Bad Categories’ eingestuft werden – das betrifft nicht nur Plattformen wie Google, sondern teilweise auch Zahlungs- und Finanzdienstleister. Umso wichtiger sind Empfehlungen, Stammkunden, stationäre Präsenz und eine professionelle Kommunikation über LinkedIn.
Wirtschaftsforum: Welche Botschaft haben Sie in Richtung der Politik?
Stefan Kolosser: Ich bin oft sehr erschüttert darüber, wie kompliziert wir in unserem Land denken und handeln. Selbst wenn man wirklich etwas machen will, kann man es oft nicht umsetzen, weil es so viele Regularien und Hürden gibt. Wir fahren mit angezogener Handbremse. In der Politik, in der Verwaltung und auch in den Kommunen vermisse ich die Hands-on-Mentalität, die die meisten Unternehmer auszeichnet. Wir glänzen zu sehr mit Strategien und Taktiken statt mit dem, was wir tatsächlich tun. Dabei müssten wir einfach wieder anpacken und etwas machen.
Wirtschaftsforum: Welche Faktoren prägen den Erfolg Ihres Unternehmens, und welche Perspektiven leiten Sie dabei in die Zukunft?
Stefan Kolosser: Der wichtigste Erfolgsfaktor sind die Menschen im Unternehmen. Teamgeist, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit und langfristiges Denken prägen unsere Kultur. Viele erfolgreiche Marken sind aus eigener Kraft entstanden, getragen von Verantwortung, Einsatzbereitschaft und ausgeprägter Vertriebsstärke. Künftig wollen wir vorhandene Potenziale gezielt nutzen und das Unternehmen nachhaltig weiterentwickeln – mit Verantwortung für Mitarbeitende, Region und den Wirtschaftsstandort Deutschland. Mich treibt der Anspruch an, Werte zu schaffen und unternehmerische Substanz aufzubauen; die Jagd und die Natur helfen mir dabei, den Blick für das Wesentliche zu bewahren.















