Mutmacher in der Krise: Vom Fahrrad zum Beatmungsgerät

Interview mit René Wiertz, Präsident und CEO der 3T Cycling SRL

Wirtschaftsforum: Herr Wiertz, wie haben Sie den Beginn der Corona-Krise erlebt?

René Wiertz: Im Februar wurde von der Regierung das erste Gebiet in Italien abgeriegelt, nur 100 km von uns entfernt. Bis dahin dachten wir noch, das Virus gebe es nur in China, nicht in Italien. Am ersten Märzwochenende waren wir noch Skifahren; in der Woche darauf brach die Hölle los. Alle fünf Minuten hörte man Krankenwagen und man sah die Bilder von überlasteten Krankenhäusern. Es kam zum absoluten Lockdown. Zwei meiner Mitarbeiter waren an Covid-19 erkrankt, zwei haben Familienmitglieder verloren. Es war beängstigend.

Wirtschaftsforum: Wie haben Sie reagiert?

René Wiertz: Wir mussten ziemlich schnell Lager und Produktion schließen. Zwei Tage vorher haben wir die Hälfte unseres Lagerbestandes in ein Lager in Dänemark geschickt, um unsere Kunden weiter beliefern zu können. Wir haben im Homeoffice weitergearbeitet und waren froh, etwas zu tun zu haben. Für mich war es wichtig, in dieser Situation etwas für die Gesellschaft zu tun und gleichzeitig die Firma am Laufen zu halten. Das brachte mich auf die Idee, Fahrräder zu einem niedrigeren Preis zu verkaufen, in Kombination mit einem Hometrainer. Von jedem Fahrrad haben wir 500 EUR an die Krankenhäuser gespendet.

Wirtschaftsforum: Bei dieser einen guten Idee sollte es aber nicht bleiben...

René Wiertz: Es herrschte auch ein absoluter Mangel an Beatmungsgeräten. Deshalb haben wir angefangen, Ventile dafür herzustellen. Gemeinsam mit anderen Unternehmen konnten wir so Tausende von Beatmungsmaschinen produzieren. Außerdem haben wir mit der Fertigung von Plastik-Atemschutzmasken für wichtige Berufsgruppen wie Polizisten oder Krankenhausmitarbeiter am Empfang begonnen. Zusätzlich konnten wir über unser Büro in Taiwan mehrere Tausend Masken organisieren und nach Italien transportieren lassen.

Wirtschaftsforum: Lief Ihr eigentliches Geschäft auch weiter?

René Wiertz: Während des Lockdowns konnten wir nicht produzieren, aber dank des dänischen Lagers waren wir in der Lage, Räder an Händler in Europa auszuliefern. Als auch sie schließen mussten, haben wir noch private Kunden über unseren Onlineshop bedient. In Dänemark hatten wir einen großartigen Partner, der sehr flexibel war, sodass wir trotz der schwierigen Situation schnell liefern konnten.

Wirtschaftsforum: Was haben Sie in dieser Zeit über Ihre Mitarbeiter, Partner und Kunden erfahren?

René Wiertz: Es wurde schnell deutlich, wer mit an Bord ist und wer nicht. Ich habe gemerkt, dass mein Team zusammenhält und da ist, um die Firma zu unterstützen. Wir haben auch viel Unterstützung von unseren Lieferanten aus Asien erhalten. Mit unseren Händlern waren wir, obwohl sie keine Bestellungen durchzugeben hatten, die ganze Zeit in Kontakt, um ihnen zu zeigen, dass wir zusammenhalten. Von unseren Kunden haben wir viele positive Rückmeldungen für unser gesellschaftliches Engagement bekommen. Ich denke, dass sich dies positiv auf unser Image auswirkt.

Wirtschaftsforum: Nicht jeder ist in der Krise so aktiv geworden. Warum Sie?

René Wiertz: Ich mag es Dinge zu tun. Herumzustehen und klagen, ist nicht meine Art. Viele Menschen waren paralysiert, als die Krise kam, aber mich hat sie unheimlich motiviert. Ich denke immer über Lösungen nach. Ich habe mich verantwortlich gefühlt, die Gesellschaft zu unterstützen, und es hat sich herausgestellt, dass das gut für die Moral der Mitarbeiter und das Image der Firma war. Meine Frau war mir in dieser Zeit eine unglaublich wichtige Hilfe.

Wirtschaftsforum: Wie geht es nun mit Ihrem Geschäft weiter?

René Wiertz: Am 30. Mai launchen wir unsere komplett neue Fahrrad-Plattform und eine neue Produktreihe. Unsere Kooperation mit BMW wird sehr wichtig sein und wir erwarten einen großen Markenaufschwung. In Anbetracht von Corona sollten wir unsere Arbeit fortsetzen, müssen aber vorsichtig sein. Es ist noch nicht vorbei, dessen müssen wir uns bewusst sein. Mein Rat lautet: Fahrt Fahrrad! Das ist gesund und besser, als im Bus zu sitzen.

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