Mehr Sicherheit im Notfall

Interview mit Melanie May, Head of Procurement and Sales und Pascal Arnold, Head of Marketing der W.Söhngen GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Arnold, die Marke aluderm ist Inbegriff für Erste-Hilfe-Artikel. Wie kam es dazu? 

Pascal Arnold: SÖHNGEN wurde 1923 als Verbandstofffabrik gegründet und entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem der führenden Anbieter im Bereich Erste Hilfe. Bekannt wurde das Unternehmen unter anderem durch die markanten orangefarbenen Notfallkoffer, die bis heute ein Markenzeichen sind. Die Firma setzte mit innovativen Neuentwicklungen immer wieder Akzente auf dem Markt. Beispielhaft sind Sirius-Rettungsdecken, die Ende der 1960er-Jahre aufkamen und heute Standard sind, oder der aluderm Verbandsstoff, der dank einer speziell beschichteten Oberfläche nicht mit der Wunde verklebt und sich schmerzfrei ablösen lässt. Viele Produkte werden unter Reinraumbedingungen am Standort Taunusstein gefertigt. Dadurch ist SÖHNGEN eng mit der Region verbunden und beschäftigt viele langjährige Mitarbeitende aus dem regionalen Umfeld. Die starke Verwurzelung am Standort ist ein wichtiger Bestandteil der Unternehmenskultur.

Melanie May: SÖHNGEN hat sich von einem klassischen Hersteller von Verbandsstoffen und Erste-Hilfe-Produkten zu einem modernen Anbieter ganzheitlicher Lösungen für Erste Hilfe, Wundversorgung, Notfallversorgung und betriebliche Sicherheit entwickelt. Einer der wichtigsten Meilensteine war in diesem Zusammenhang der Ausbau unserer Marke aluderm. 

Wirtschaftsforum: Wie ist das Unternehmen heute aufgestellt und wie stellt sich der Markt aktuell dar?

Pascal Arnold: Bis 2019 war SÖHNGEN ein familiengeführtes Unternehmen. Mit dem Verkauf an die Protect Medical Holding wurde das Unternehmen Teil einer international aufgestellten Unternehmensgruppe und gehört heute zu sieben Unternehmen innerhalb des Verbunds.

Melanie May: Wir hatten in den vergangenen Jahren mit Pandemie, gestörten Lieferketten, Inflation und neuen regulatorischen Anforderungen einige Herausforderungen zu meistern, sind daran allerdings gewachsen, haben neue Marktchancen gesehen und unsere Position ausgebaut. 

Pascal Arnold: Wir spüren, dass in Deutschland weniger gebaut wird und daher weniger Erste-Hilfe-Koffer für neue Gebäude benötigt werden. Hinzu kommt, dass häufig auf günstigere Produkte aus China zurückgegriffen wird, während wir mit unserer Quality made in Germany bewusst auf Premiumprodukte setzen. 

Wirtschaftsforum: Wie geht das Unternehmen mit diesen Herausforderungen um? 

Pascal Arnold: Wir versuchen, in neuen Märkten Fuß zu fassen und werden uns zum Beispiel für den B2C-Markt öffnen. Unser Vorteil ist, dass wir durch unsere verschiedenen Standbeine diese Herausforderungen besser meistern können. 

Melanie May: Auf einem rückläufigen Markt wollen wir unsere 100-jährige Erfahrung für den B2C-Markt nutzen. Neue Impulse erhoffen wir uns zum Beispiel im Bereich der Defibrillatoren. In Bayern wird die Anschaffung bereits gefördert. In Ländern wie Belgien und den Niederlanden ist die AED-Infrastruktur deutlich dichter ausgebaut. Das verbessert die Chancen, im Notfall schnell lebensrettende Hilfe zu leisten. Wir hoffen, dass wir in Deutschland eine ähnliche Entwicklung anstoßen können. 

Wirtschaftsforum: Gibt es weitere Veränderungen, die für die Branche wichtig wären? 

Pascal Arnold: Ein Problem in Deutschland ist die Überregulierung. Die Medical Device Regulation beispielsweise ist für kleine und mittelständische Unternehmen mit viel Zeit und Kosten verbunden. 

Melanie May: Durch die neuen Anforderungen fehlen verlässliche Rahmenbedingungen und Planungssicherheit. Wir investieren viel Geld und Zeit in Dokumentations- und Berichtspflichten ohne Mehrwert für den Kunden. Der Standort Deutschland steht durch hohe Personal-, Energie- und Regulierungskosten zunehmend unter Wettbewerbsdruck. Zudem haben wir Nachholbedarf beim Thema Digitalisierung und Infrastruktur. Im Gesundheitswesen müsste die Regierung im Bereich Notfallversorgung und Prävention stärker unterstützend tätig sein.

Dabei denke ich beispielsweise an die flächendeckende Verfügbarkeit von Defibrillatoren sowie an Programme wie „Stop the Bleed“. Im Fall von Katastrophen oder Notfällen könnte dadurch an öffentlichen Orten schnell lebensrettende Hilfe geleistet werden.

Wirtschaftsforum: Mit welchen USPs wird SÖHNGEN sich in Zukunft am Markt behaupten? 

Pascal Arnold: Wir können mit unserem breiten Portfolio von der Wundversorgung bis zur Notfallrettung ganzheitliche Lösungen made in Germany anbieten. Mit einer Marke bieten wir Gesamtlösungen für Jung und Alt. Ein großer Wettbewerbsvorteil ist, dass unsere Sterilprodukte 20 Jahre haltbar sind – das ist einzigartig. 

Melanie May: SÖHNGEN zeichnet sich nicht zuletzt durch ein freundliches, wertschätzendes, respektvolles Miteinander aus und nimmt soziale Verantwortung ernst. Qualität, Zuverlässigkeit, Innovationskraft und partnerschaftliches Handeln werden SÖHNGEN auch künftig prägen. 

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