Quartiere mit Zukunft ­gestalten

Interview mit Jan Eckardt, Geschäftsführer Wohnungswirtschaft Frankfurt (Oder) GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Eckardt, was hat Sie an der Aufgabe in Frankfurt (Oder) besonders gereizt?

Jan Eckardt: Die Herausforderung. Wohnungswirtschaft in Städten wie München oder Hamburg funktioniert fast von allein, weil die Nachfrage riesig ist. Frankfurt (Oder) dagegen hatte schwierige Jahre hinter sich – mit erheblichem Bevölkerungsverlust, wirtschaftlichen Problemen und einem großen Leerstand. Genau das hat mich gereizt: die Chance, aktiv etwas zu verändern und eine Stadt mitzugestalten.

Wirtschaftsforum: Wie hat sich die Situation seit Ihrem Einstieg entwickelt?

Jan Eckardt: Sehr positiv. Als ich 2016 übernommen habe, war das Unternehmen bereits auf einem guten Weg, aber längst noch nicht stabil. Früher bestand Stadtumbau hier vor allem aus Rückbau – also Abriss. Irgendwann wurde klar, dass man eine Stadt dadurch nicht

lebenswerter macht. Wir haben deshalb unsere Prioritäten verändert und gezielt investiert.

Wirtschaftsforum: Was bedeutet das konkret?

Jan Eckardt: Wir haben die Niedrigzinsphase genutzt, um massiv in unsere Bestände zu investieren und die Qualität deutlich zu steigern. Gleichzeitig haben wir unser Selbstverständnis verändert. Früher wurde die Wohnungswirtschaft Frankfurt hauptsächlich als Anbieterin für das unterste Marktsegment gesehen. Heute setzen wir bewusst auf einen guten Mix. Wir bieten weiterhin bezahlbaren Wohnraum, entwickeln aber gleichzeitig hochwertige Projekte für unterschiedliche Zielgruppen.

Wirtschaftsforum: Warum ist dieser Mix so wichtig?

Jan Eckardt: Wo Menschen mit unterschiedlichen Einkommen, Altersgruppen und Lebensmodellen zusammenleben, profitieren alle davon. Außerdem lässt sich dauerhaft günstiger Wohnraum nur finanzieren, wenn man auch wirtschaftlich tragfähige Projekte im Portfolio hat. Mit rund 7.800 Wohnungen und mehr als 250 Gewerbeeinheiten ist die Wohnungswirtschaft Frankfurt die größte Vermieterin in der Region. 

Wirtschaftsforum: Welche Projekte stehen exem­plarisch für diesen Wandel?

Jan Eckardt: Ein ganz besonderes Projekt ist das Quartier im Juri-Gagarin-Ring im sogenannten Kosmonautenviertel. Dort standen ursprünglich massive Rückbaupläne im Raum. Stattdessen haben wir uns entschieden, das Quartier komplett neu zu denken und aufzuwerten. Mit einem Gesamtinvestitionsvolumen von rund 48 Millionen EUR, davon rund 40 Millionen EUR durch zinsvergünstigte Darlehen sowie Baukostenzuschüsse des Land Brandenburgs gefördert, zählt die Komplexsanierung im Juri zu den bedeutendsten Wohnungsbau- und Quartiersentwicklungsmaßnahmen der Stadt. Entstanden ist eines der modernsten Wohnquartiere mit rund 450 Wohnungen, neuen Aufenthaltsflächen und einem generationsübergreifenden Spiel- und Freizeitbereich.
Darauf bin ich besonders stolz, weil wir damit gezeigt haben, dass man auch große Plattenbauquartiere zukunftsfähig entwickeln kann.

Wirtschaftsforum: Ein weiteres Projekt ist der „Marienkirchblick“ in der Innenstadt.

Jan Eckardt: Ja, das ist unser erster kompletter Neubau seit 1990, mitten im Zentrum direkt an der Marienkirche. Dieses Projekt steht symbolisch für unseren neuen Ansatz. Wir wollten nicht einfach zusätzlichen Wohnraum schaffen, sondern gezielt Stadtgestaltung betreiben. Innenstädte prägen schließlich das Bild einer ganzen Stadt.
Der moderne Neubau fügt sich architektonisch hervorragend in das historische Umfeld ein und umfasst 37 barrierearme Wohnungen, darunter 15 vollständig barrierefreie Einheiten. Gleichzeitig haben wir dort auch unseren Unternehmenssitz integriert und damit zusätzlich zur Belebung der Innenstadt beigetragen.

Wirtschaftsforum: Frankfurt (Oder) scheint sich insgesamt positiv zu entwickeln. Was macht die Stadt heute attraktiv?

Jan Eckardt: Frankfurt verbindet viele Vorteile miteinander. Man hat hier die Ruhe und Überschaubarkeit einer kleineren Stadt, gleichzeitig aber die Infrastruktur einer Großstadt. Berlin ist nur eine Stunde entfernt, die Wohnungen sind vergleichsweise preiswert und es gibt ein breites Bildungs- und Kulturangebot.

Wirtschaftsforum: Welche He­rausforderungen bleiben dennoch bestehen?

Jan Eckardt: Natürlich gibt es weiterhin Investitions- und Instandhaltungsbedarf. Außerdem wird es immer schwieriger, attraktive Gewerbemieter oder Gastronomen zu finden. Eine lebendige Innenstadt lebt aber von genau diesem Mix aus Wohnen, Arbeiten, Handel und Gastronomie.
Hinzu kommen gesellschaftliche Herausforderungen wie Vereinsamung, besonders bei älteren Menschen. Deshalb investieren wir bewusst auch in Quartiersmanagement, Nachbarschaftsprojekte und kulturelle Angebote. Wir organisieren beispielsweise Kiezkonzerte gemeinsam mit dem Brandenburgischen Staatsorchester oder schaffen niedrigschwellige Begegnungsangebote in den Quartieren.

Wirtschaftsforum: Das geht also weit über klassische Wohnungswirtschaft hinaus?

Jan Eckardt: Definitiv. Wohnungswirtschaft bedeutet heute viel mehr, als nur Wohnungen zu vermieten. Gerade als kommunales Unternehmen tragen wir Verantwortung für die Entwicklung der gesamten Stadt. Dazu gehören soziale Aspekte genauso wie wirtschaftliche und städtebauliche Themen. Am Ende gilt: Geht es der Stadt gut, geht es auch dem Wohnungsunternehmen gut – und umgekehrt.

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