Ökonom Prof. Dr. Max Otte
Interview mit Starökonom Prof. Dr. Max Otte

„Wir haben bereits eine Immobilienblase in Deutschland“

Deutschland hat bereits eine Immobilienblase, sagt Starökonom Prof. Dr. Max Otte im Interview mit Wirtschaftsforum. Sie greife in den boomenden Ballungszentren um sich, wo die Mieten enorm gestiegen sind. Doch Professor Otte sieht in einer flächendeckenden deutschen Immobilienblase nur eine von mehreren Gefahren für die internationale Wirtschaft. Wenn irgendwann auch das „Kartenhaus der vielen Kredite und des Geldes wackelt“, drohe eine handfeste Weltwirtschaftskrise.

Wirtschaftsforum: Herr Prof. Dr. Otte, wie weit sind wir in Deutschland von einer Immobilienblase entfernt?

Prof. Dr. Max Otte: Wir haben die Blase in Ballungszentren mit positiver Wirtschaftsentwicklung wie München, Stuttgart oder anderen Großstädten bereits, auch wenn Deutschland im Vergleich zu einigen anderen Märkten wie London, Tokio oder New York nicht besonders teuer scheint. Wenn teilweise das 30fache der Miete gezahlt wird, ist das mit keinerlei ökonomischen Argumenten zu rechtfertigen.

Über Max Otte:

Value Investing und Finanzmarktregulierung sind die Kernarbeitsgebiete des Bestseller-Autors und Finanzgurus Max Otte. In seinem Buch „Der Crash kommt“ prognostizierte der mehrfache „Börsianer des Jahres“ bereits im Sommer 2006 die internationale Finanzkrise und ihre Auswirkungen. Max Otte nahm 2011 einen Ruf als Universitätsprofessor für quantitative und qualitative Unternehmensführung an das Institut für Unternehmensführung und Entrepreneurship der Karl-Franzens-Universität Graz an. Zuvor war er Professor mit Schwerpunkt Finanzwesen an der Fachhochschule Worms. Seit vielen Jahren unterstützt Prof. Dr. Max Otte auch Privatanleger bei deren Vermögensaufbau. Er ist Gründer der IFVE Institut für Vermögensentwicklung GmbH in Köln. Dabei handelt es sich um ein unabhängiges Finanzinformations- und Finanzanalyseinstitut, das den wöchentlichen Börseninformationsdienst „Der Privatinvestor“ veröffentlicht.

Wirtschaftsforum: Kann eine Immobilienblase gefährlich sein – auch wenn sie sich nur auf einzelne Regionen oder Städte bezieht? In einer aktuellen Studie des Portals Immobilienscout 24 war ja vor regionalen Blasen in derzeitigen „Boomtowns“ wie Regensburg oder Freiburg gewarnt worden.

Prof. Dr. Max Otte: Ja sie kann. Blase bleibt Blase, auch wenn sie sich nur auf bestimmte Assetklassen oder Regionen bezieht. Blase heißt aber immer: Verzerrung der sinnvollen Preise, Fehlanreize, Boom-, Hysterie, Crash und Kater.

Wirtschaftsforum: Warum wird gegenwärtig nur eine Hysterie im deutschen Fall aufgebaut – können sich Immobilienblasen jetzt nicht überall in Europa bilden?

Prof. Dr. Max Otte: Na ja, Südspanien befindet sich noch im Immobilienkater und in Italien oder Frankreich ist aufgrund der allgemein schlechteren Wirtschaftsentwicklung nicht mit einer Blase zu rechnen. Bei Deutschland als "safe haven" ist das anders.

Wirtschaftsforum: Glauben, dass Sie, dass der Run auf Häuser und Eigentumswohnungen durch die Zinssenkung der EZB auf 0,15 Prozent verstärkt worden ist? Sind hier möglicherweise falsche Signale gesetzt worden?

Prof. Dr. Max Otte: Natürlich ist das ein wesentlicher Faktor. Wenn das viele billige Geld nicht in sinnvolle Investments fließt, bleiben eben nur Spekulationsblasen in bestimmten Vermögensklassen.

Wirtschaftsforum: Würden Sie EZB-Chef Mario Draghi Absicht unterstellen, in dem Sinne, dass er durch die Zinssenkung die Immobilienkäufe weiter „anheizen“ wollte und eine mögliche Immobilienblase dabei bewusst in Kauf nimmt?

Prof. Dr. Max Otte: Das nicht. Er will sicher auch, dass sich die Staaten weiter billig refinanzieren und das sinnvolle Investitionen erfolgen. Er nimmt aber die schädlichen Nebenwirkungen einer Immobilienblase zumindest sehenden Auges in Kauf.

Wirtschaftsforum: Neben Zinssenkungen halten einflussreiche Banker wie Bundesbank-Präsident Jens Weidmann es auch für falsch, dass die EZB Kredite aufkauft. Ist deren Geldpolitik insgesamt zu locker?

Prof. Dr. Max Otte: Ja, die Geldpolitik ist auf der ganzen Welt zu locker. Wir müssten endlich ganz andere Strukturreformen angreifen. Aber nur die Notenbanken scheinen handlungsfähig. Und wenn Sie nur einen Hammer zur Hand haben, sieht jedes Problem wie ein Nagel aus. Und sie hämmern fleißig.

Wirtschaftsforum: Kehren wir zur befürchteten Immobilienblase zurück und schauen uns die Psychologie der Eigentumskäufer an. Liegt es eigentlich in der Natur des Menschen, Dinge zu erwerben, die er sich eigentlich gar nicht leisten kann?

Prof. Dr. Max Otte: Ja, in der Tat. Menschen und damit Märkte sind viel irrationaler, als es uns die Ökonomie glauben macht. Der Drang, mit der Herde mitzulaufen, ist sehr groß. Gier und Furcht sind extrem starke Mechanismen, die vom Stammhirn ausgelöst werden. Dagegen kommt die Ratio oft nicht an.

Wirtschaftsforum: Unter welchen Bedingungen würden finanzschwache Käufer davor zurückschrecken, Eigentum zu erwerben und sich dabei hoffnungslos zu verschulden?

Prof. Dr. Max Otte: Es gibt viele Möglichkeiten. Die beste ist aber immer noch: eine hohe Eigenbeteiligung. Zwanzig Prozent Eigenkapital galten immer als "gesund" und wurden lange von den Banken gefordert. Das sollte weiter strikt beachtet werden.

Wirtschaftsforum: Zum Schluss noch eine Frage, um der derzeitigen Angst vor Immobilienblasen vielleicht die Spitze zu nehmen: Angenommen es würde zu einer flächendeckenden Immobilienblase in Deutschland kommen – wäre dann überhaupt mit einer vergleichbaren Immobilienblase wie in den USA und den damit verbundenen bekannten desaströsen Folgen zu rechnen?

Prof. Dr. Max Otte: Die deutsche Immobilienblase ist nur eines von vielen Symptomen. Wenn das Kartenhaus der vielen Kredite und des billigen Geldes irgendwann wackelt, dann schießen die Renditen von Anleihen – auch Staatsanleihen – in die Höhe. Und dann haben wir eine handfeste Weltwirtschaftskrise.

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