„Relevanz vor Masse“

Interview mit Tim Bartl, Chief Communications Officer der Vogel Communications Group GmbH & Co. KG

Wirtschaftsforum: Herr Bartl, Sie haben Ihre Karriere als Journalist begonnen. Wie sind Sie zum Kommunikationschef einer Unternehmensgruppe geworden?

Tim Bartl: Ich bin seit 2008 in der Fachmedienbranche tätig. Angefangen habe ich als Volontär bei der Schlüterschen Verlagsgruppe, habe anschließend sämtliche redaktionellen Stationen bis zum Chefredakteur durchlaufen und ab 2015 zunehmend Managementaufgaben übernommen, zuletzt als Standortleiter in Augsburg. Anfang 2023 bin ich zu Vogel gewechselt. Zunächst ging es darum, gemeinsam mit den Chefredakteuren bestehende Medienprodukte zu überprüfen und weiterzuentwickeln. Später kam die Rolle als Markenbotschafter hinzu. Seit dem 1. Juli verantworte ich als Chief Communications Officer die gesamte externe Kommunikation. Diese Position gab es vorher in dieser Form nicht. Das zeigt, welchen strategischen Stellenwert Kommunikation inzwischen besitzt.

Wirtschaftsforum: Wie verstehen Sie Ihre Führungsaufgabe?

Tim Bartl: Auf dem Papier ist meine Tätigkeit zu etwa 70 Prozent strategisch und zu 30 Prozent operativ. Gerade bei neuen Projekten arbeite ich aber bewusst mit. Ich halte viel von „Leading by Example“. Wer Menschen für Veränderungen gewinnen möchte, sollte selbst wissen, was die Umsetzung bedeutet. Bei mehr als 900 Beschäftigten braucht es natürlich eine strategische Perspektive. Trotzdem wollen wir keine Managementebene, die den operativen Alltag vollständig aus den Augen verliert.

Wirtschaftsforum: Sie haben für Ihre Arbeit den Grundsatz „Relevanz vor Masse“ formuliert. Was bedeutet das konkret?

Tim Bartl: Wir leben in einer Zeit, in der Menschen mit Inhalten regelrecht überflutet werden. Deshalb geht es nicht darum, möglichst viel zu kommunizieren, sondern die richtigen Inhalte für die richtigen Zielgruppen bereitzustellen. Gleichzeitig müssen wir die Vogel Communications Group als Ganzes sichtbarer machen. Viele kennen einzelne Medienmarken, wissen aber nicht unbedingt, was die gesamte Gruppe leisten kann. Wir kommen historisch aus dem Fachverlagsgeschäft, sind heute jedoch wesentlich breiter aufgestellt. Kommunikation umfasst längst nicht mehr nur Magazine und Onlineportale, sondern ebenso soziale Medien, Agenturleistungen und Veranstaltungen. Unser Anspruch ist eine ganzheitliche 360-Grad-Kommunikation, bei der Inhalte, Kanäle und Zielgruppen sinnvoll aufeinander abgestimmt werden.

Wirtschaftsforum: Ist Vogel damit überhaupt noch ein klassisches Medienunternehmen?

Tim Bartl: Ja, aber eines, das erkannt hat, dass es mehrere wirtschaftliche Standbeine braucht. Unter Matthias Bauer wurde diese Entwicklung konsequent vorangetrieben. Wer heute ausschließlich aus der traditionellen Verlagsperspektive denkt, bekommt Schwierigkeiten. Die Marktkonsolidierung, über die seit Jahren gesprochen wird, ist Realität geworden. Gerade 2026 erleben wir eine deutliche Verschärfung. Unser Vorteil ist, dass wir unsere etablierten Medienmarken erhalten und gleichzeitig neue Geschäftsfelder erschließen können.

Wirtschaftsforum: Was verändert sich dadurch für den Fachjournalismus?

Tim Bartl: Früher wurde eine Medienmarke häufig mit ihrem gedruckten Magazin gleichgesetzt. Heute müssen wir viel stärker von den Zielgruppen ausgehen. Ein Inhalt kann für Print geeignet sein, ein anderer für digitale Kanäle oder eine Veranstaltung. Was nicht mehr funktioniert, ist, denselben Beitrag unverändert über sämtliche Kanäle auszuspielen. Entscheidend bleibt die journalistische Qualität. Der passende Verbreitungsweg kommt hinzu.

Wirtschaftsforum: Und welche Rolle spielt künstliche Intelligenz dabei?

Tim Bartl: KI ist für mich ein Werkzeug, das Effizienz ermöglicht. Sie ersetzt aber nicht die Fachredakteure oder andere Menschen, die Inhalte verantworten. Im Gegenteil: Weil immer mehr KI-generierte Inhalte die Kanäle fluten, gewinnt journalistische Kompetenz an Bedeutung. Unsere Fachleute kennen ihre Branchen und können Informationen einordnen und überprüfen. Dieses Vertrauen ist ein wesentlicher Wert unserer Medienmarken. Wenn Leser wissen, dass ein Experte Inhalte geprüft hat, entsteht ein Vertrauensvorschuss. Den dürfen wir nicht verspielen.

Wirtschaftsforum: Neben digitalen Angeboten setzen Sie stark auf persönliche Begegnungen. Warum?

Tim Bartl: Weil digitale Reichweite allein nicht ausreicht. Menschen möchten sich persönlich austauschen. In unserem Veranstaltungszentrum in Würzburg verbinden wir deshalb zwei Dinge: Weiterbildung und Networking. Im Idealfall verlassen Besucher eine Veranstaltung mit mehr Wissen und neuen Kontakten. Interessant ist dabei die Entwicklung zurück ins Analoge. Wir bauen digitale Reichweiten auf, schaffen aber zugleich Räume für persönliche Begegnungen. Beides gehört zusammen.

Wirtschaftsforum: Wachstum entsteht bei Vogel zunehmend auch durch Übernahmen. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie?

Tim Bartl: Wir beobachten sehr genau, welche Themen und Technologien für unsere Zielgruppen relevant werden. Dazu gehören beispielsweise humanoide Robotik sowie Aerospace und Defense. Gleichzeitig ergeben sich durch die Marktkonsolidierung Übernahmemöglichkeiten. Ein Beispiel ist die Übernahme von sieben Medienmarken der Hanser Fachmedien. Entscheidend ist für uns aber nicht allein der Kaufpreis. Eine Medienmarke muss weiterhin Vertrauen genießen und Entwicklungspotenzial besitzen. Ist dieses Vertrauen bereits verloren gegangen, lässt es sich nur schwer zurückgewinnen.

Wirtschaftsforum: Was passiert mit Unternehmen, die Teil der Gruppe werden?

Tim Bartl: Wir kaufen nicht zu, um alles zu vereinheitlichen. Wir wollen voneinander lernen und den neuen Einheiten möglichst viel Eigenständigkeit bewahren. Gleichzeitig profitieren sie von unserer Infrastruktur, etwa in der IT, Verwaltung oder im Personalbereich. Dadurch können sich die Mitarbeiter stärker auf ihre eigentlichen Aufgaben konzentrieren. Wo zusätzliche Investitionen sinnvoll sind, investieren wir auch nach einer Übernahme weiter. Unser Ziel ist nicht, etwas einfach nur einzugliedern, sondern es gemeinsam weiterzuentwickeln. Wir sind ganz klar auf Wachstumskurs und wollen die Gruppe sowohl durch neue Medienmarken als auch durch zusätzliche Kompetenzen weiter stärken.

Wirtschaftsforum: Eine solche Strategie verlangt Kapital und Risikobereitschaft. Wie bringen Sie beides zusammen?

Tim Bartl: Vogel hat über viele Jahrzehnte solide gewirtschaftet. Dadurch können wir vergleichsweise schnell und flexibel handeln. Aber Kapital allein genügt nicht. Man braucht ebenso Know-how und den Willen, Dinge zu verändern. Ein gutes Beispiel sind unsere ehemaligen Druckhallen. Statt sie anderweitig zu verwerten, hat man daraus einen Veranstaltungsbereich entwickelt. Das erforderte unternehmerischen Mut und die Fähigkeit, Veränderungen frühzeitig zu erkennen.

Wirtschaftsforum: Was treibt Sie persönlich bei diesem Wandel an?

Tim Bartl: Ich habe noch erlebt, wie Kollegen erzählten, sie würden seit 25 Jahren auf dieselbe Weise arbeiten. Dann kam die Digitalisierung – und das war erst der Anfang. Heute verändern sich Technologien, Kanäle und Geschäftsmodelle in immer kürzeren Abständen. Niemand sollte glauben, dass ein einmal gefundener Prozess automatisch die nächsten fünf Jahre Bestand hat. Man muss bereit sein, sich immer wieder neu aufzustellen. Dabei geht es nicht darum, Bewährtes aufzugeben, sondern es weiterzuentwickeln. Für mich ist genau das der Kern von Transformation. Und eines ist sicher: Langsamer wird dieser Wandel nicht werden.

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