Wenn Daten hören – und Kunden sich gesehen fühlen

Interview mit Rainer Holler, Geschäftsführer der VIER GmbH

Rainer Holler lacht, wenn er an die wöchentlichen E-Mails denkt. Diverse renommierte Investoren melden sich. Sie alle wollen bei der VIER GmbH einsteigen. Die Anfragen seien so zahlreich geworden, dass er schlichtweg nicht mehr hinterherkomme. Doch Rainer Holler und Firmengründer Olav Vier gen. Strawe haben eine klare Haltung: „Bei uns kommen keine Heuschrecken rein.“ Das hannoversche Unternehmen bleibt in deutschen Händen und setzt bewusst auf Datensouveränität – ein Alleinstellungsmerkmal in Zeiten amerikanischer Tech-Dominanz. Die VIER GmbH, benannt nach ihrem Gründer Olav Vier gen. Strawe, blickt auf eine bewegte Geschichte zurück. 1994 gegründet, hat sich das Unternehmen von einem klassischen Anbieter von Telefonkonferenzen zu einem der führenden Anbieter von Cloud-Lösungen für den Kundendialog entwickelt. Heute beschäftigt VIER über 200 Mitarbeiter und und bündelt durch gezielte Übernahmen – etwa von parlamind, voiXen, Lindenbaum und Cognesys – umfassende Expertise in Voice-Technologie, Spracherkennung und Künstlicher Intelligenz.

Der ChatGPT-Moment als Wendepunkt

Den 30. November 2022 bezeichnet Rainer Holler als Meilenstein für sein Unternehmen. An diesem Tag wurde ChatGPT öffentlich zugänglich gemacht. „Das war für uns eine Bestätigung unserer KI-Strategie und gleichzeitig ein Weckruf“, erklärt der Geschäftsführer. VIER beschäftigte sich bereits seit 2014 mit KI, doch der ChatGPT-Boom erforderte eine Neuausrichtung der Strategie in Richtung Generative AI. Während frühere Chatbots nur stumpf programmierte Antworten lieferten, können moderne KI-Systeme komplexe Sachverhalte verstehen und ganze Gespräche mit den Kunden führen.

Von der Routine zur Intelligenz

Das Geschäftsmodell von VIER basiert auf einem einfachen, aber effektiven Prinzip: Die häufigsten Kundenkontakte identifizieren und automatisieren. „Ein Beispiel: Bei einer Kreditbank sind 80% der Anrufe einfache Kontostandsabfragen“, berichtet Rainer Holler. Solche Routinevorgänge lassen sich problemlos automatisieren. Doch VIER geht weiter. Das Unternehmen entwickelt Systeme, die nicht nur automatisieren, sondern auch menschliche Mitarbeiter intelligent unterstützen. „Ein Beispiel: Ruft ein Kunde wegen eines nicht angekommenen Pakets an, sammelt die KI während des Gesprächs alle relevanten Informationen aus verschiedenen Systemen. Der Servicemitarbeiter erhält in Echtzeit Daten über den Kunden, etwa seine Bestellhistorie von 1.700 EUR, und entscheidet, dass eine nicht gelieferte Jeans für 39 EUR einfach erneut zugeschickt wird“, beschreibt Rainer Holler die Möglichkeiten. Der Kunde fühle sich gut bedient – die Basis für eine positive Kundenerfahrung.

Deutsche Cloud als Trumpf

In Zeiten geopolitischer Spannungen wird VIERs Fokus auf deutsche Datenhaltung zum Wettbewerbsvorteil. „Wir haben selbst Trump als besten Sales-Repräsentanten ins Weiße Haus geschickt“, scherzt Rainer Holler. Die neue amerikanische Regierung und ihre Tech-Politik führten dazu, dass europäische Unternehmen verstärkt nach Alternativen zu amerikanischen Cloud-Anbietern suchen. Das Unternehmen betreibt seine eigene Cloud-Infrastruktur in deutschen Rechenzentren und erfüllt höchste Sicherheitsstandards. Alle Daten werden vor der Verarbeitung durch KI-Systeme pseudonymisiert – aus ‘Rainer Holler, Hannover’ wird ‘Max Meyer, Bielefeld’. So bleibt der Kontext für die KI verständlich, während personenbezogene Daten geschützt bleiben. Nach der Verarbeitung erfolgt die Rück-Pseudonymisierung automatisch.

Branchen ohne Grenzen

VIERs Kundenstamm ist bemerkenswert vielfältig. Von der Fahrschullehrerin, die ihre Terminvereinbarung automatisieren möchte, bis zum DAX-Konzern – das Spektrum reicht von Zwei-Personen-Betrieben bis zu Unternehmen mit 20.000 Mitarbeitern. „Jedes Unternehmen hat Kundendialoge“, erklärt Rainer Holler die universelle Anwendbarkeit seiner Lösungen. 

Kultur als Erfolgsfaktor

Unternehmenskultur ist für den ehemaligen DAX-CIO kein Beiwerk, sondern Erfolgsfaktor. Nach seinem Wechsel von einem Großkonzern zu VIER führte er das Du ein und entwickelte mit dem Team sechs Unternehmenswerte: Ubuntu – „I am because we are“ – steht dabei im Zentrum. „Als kleines Unternehmen streiten wir uns mit den ganz großen Konzernen. Die haben mehr Mitarbeiter, mehr Geld. Aber wir müssen unser eigenes Rennen rennen – und das gewinnen wir“, erklärt Rainer Holler seine Philosophie. Die Werte reichen von Ownership über Transparenz bis hin zu Kundenenthusiasmus. Das Ergebnis: Eine Verlängerungsrate von 98% bei bestehenden Verträgen.

Die Vision: Der autonome Agent

Rainer Holler ist überzeugt, dass er „die letzte Generation von CEOs ist, die nur Menschen führen“. Seine Vision: In wenigen Jahren sprechen Kunden in ihr Smartphone und sagen „Ich brauche eine hellblaue Jeans“ – der Rest läuft vollautomatisch ab. „Autonome Agierende sind die Zukunft der Servicearbeit“, erklärt er. Dabei setzt VIER auf die Stärken beider Seiten: KI für Effizienz, Mensch für Empathie. 

VIER persönlich treffen

VIER begrüßt Interessierte am Donnerstag, 26. Juni 2025, im Hannover Congress Centrum (HCC) auf der „VIER Unlimited Communication“ und demon-striert vor Ort, wie es sich mit KI in die Zukunft des intelligenten Kundenservice starten lässt. Dabei geht es auch um strukturelle und kulturelle Probleme, um Datensicherheit und Mitarbeiterakzeptanz. Die Teilnahme an der Veranstaltung ist kostenlos. 
Infos und Anmeldung gibt es über www.vier.ai/unternehmen/events/unlimited-communication/

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