„Es geht darum, die besten Leute zu haben“

Interview mit Dr. Jochen P. Zoller, Geschäftsführender Gesellschafter der Tentamus Group GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Zoller, wie kam es zur Gründung von Tentamus?

Dr. Jochen P. Zoller: In der BSE-Krise gab es einen verstärkten Bedarf an der Prüfung von Lebensmitteln und der Installation von Überwachungsprogrammen. Der TÜV-Süd und andere vorhandene Prüfinstitute hatten jedoch einen industriellen Hintergrund und damit andere Kompetenzen: Sie haben vorwiegend Produkte geprüft, die bei Funktionsverlust eine direkte Auswirkung auf den Körper hat – zum Beispiel wenn ein Aufzug abstürzt oder Bremsen im Auto versagen. Im Jahr 2000 habe ich eine Kooperation der Technischen Universität München, an der ich zuvor auch in Chemie promoviert hatte, und ihrem Standort in Weihenstephan mit dem TÜV ins Leben gerufen. 2011 habe ich mich dann mit meinem Partner Abgar Barseyten selbstständig gemacht und Tentamus gegründet. Wir sind heute die geschäftsführenden Gesellschafter und können unser Wachstum aus eigener Kraft finanzieren.

Wirtschaftsforum: Wo steht das Unternehmen heute?

Dr. Jochen P. Zoller: Neben den Bereichen Lebensmittel und Pharmazeutika haben wir unsere Kompetenzen auf Kosmetika und Nahrungsergänzungsmittel, später auch auf Medizintechnik, hauptsächlich im Bereich der Implantate, erweitert. Des Weiteren haben wir zwei vorgelagerte Industrien, die Landwirtschaft und die Agrarchemie. Wir sind heute eine Gruppe von 72 Standorten mit teils unterschiedlichen Kompetenzen, konzentrieren uns auf die Märkte Amerika, Europa und Asien und sind in 21 Ländern vertreten. 2.500 Mitarbeiter sind in der Gruppe beschäftigt. Unsere Kunden sind Markenhersteller, Gastronomiebetriebe, Start-ups und auch der Einzelhandel.

Wirtschaftsforum: Mit welcher Art von Produkten beschäftigen Sie sich genau?

Dr. Jochen P. Zoller: Unser Fokus liegt auf der Überprüfung von Produkten, die den Menschen nicht sofort, aber mit der Zeit von innen heraus schädigen können – zum Beispiel Pestizide, die durch die Nahrung aufgenommen werden und vielleicht erst nach 20 Jahren zu einer Erkrankung führen könnten. Wir sind zudem auf Produkte spezialisiert, die der Mensch im täglichen Leben nicht vermeiden kann, weil er etwa essen oder seine Medikamente einnehmen muss. Diese untersuchen wir durch unterschiedliche Analysen und Tests auf dem Gebiet der Mikrobiologie, der Molekularbiologie, darunter auch im Bereich DNA. Zudem führen wir physikalische Tests durch sowie spezielle Analytik, um zum Beispiel Rückstände nachzuweisen. Marktbegleitende Tests stellen die Qualität von Produkten über eine längere Dauer sicher. Dazu kommen Untersuchungen im Bereich Sensorik.

Wirtschaftsforum: Führen Sie auch Untersuchungen im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie durch?

Dr. Jochen P. Zoller: Ja, zum Beispiel in Form von Tests zum Nachweis von Viren auf Oberflächen oder gefrorenen Lebensmitteln. In Indien und Japan führen wir auch COVID-Tests von Menschen durch. Zusätzlich begleiten wir auch Pharma-Kunden, zum Beispiel bei der Entwicklung von Impfstoffen. Im Bereich von Masken haben wir die Möglichkeit, Irritationstests vorzunehmen, die zeigen, ob der Körper negativ auf die Materialien reagiert.

Wirtschaftsforum: Wie entwickelt sich Ihr Markt derzeit?

Dr. Jochen P. Zoller: Es gibt große Player, die aber nicht so speziell auf ein Segment ausgerichtet sind wie wir. Es sind diverse Konsolidierungsprozesse zu beobachten. Das hängt auch damit zusammen, dass die Geräte immer teurer werden und sich kleine Labore die Investitionen häufig nicht mehr leisten können. Es ist daher sinnvoll, sich zu einer Gruppe zusammenzuschließen. Uns ermöglicht das, uns in Methodik und Analytik auszutauschen, aber auch unseren Kunden weitere Dienstleistungen anzubieten.

Wirtschaftsforum: Was ist für eine so erfolgreiche Wachstumsgeschichte wie Ihre notwendig?

Dr. Jochen P. Zoller: Wir verfügen über ein Netz von eigenen Laboren, die zum Teil Spezial-Analysen durchführen und alle das gleiche Qualitätsverständnis haben. Sie bleiben dabei eigenständig und unter ihrem eigenen Namen bestehen und halten so auch ihre bestehenden Kunden. Außerdem sind wir in einem ‘People Business’ tätig. Es geht nicht darum, die tollsten Geräte zu kaufen. Wichtiger ist es, die besten Leute zu haben, um eine optimale Auswertung zu gewährleisten. Wir investieren daher in die ständige Weiterentwicklung unserer Mitarbeiter und gehen bei der Auswahl sehr selektiv vor. Und wir agieren in einer definierten Nische, sind aber dennoch global aufgestellt. Dies in Verbindung mit großer Flexibilität ermöglicht uns zum Beispiel, einen Kunden schnell in ein anderes Land zu begleiten.

Wirtschaftsforum: Was sind Ihre Ziele für die nächsten Jahre?

Dr. Jochen P. Zoller: Wir wollen weiterwachsen und neue Labore integrieren. Geplant war eigentlich, die Gruppe bis Ende dieses Jahres auf 80 Labore zu erweitern. Durch Corona haben wir unsere Expansionsstrategie vorerst pausiert, um uns auf momentan wichtigere Analysen zu fokussieren. Unser Ziel ist, der renommierteste Anbieter in unserem Segment zu sein. Wir sind auf einem guten Weg.

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