„Wir erleben einen Run auf kleine Büroflächen“

Interview mit Evelyn Paschke, Geschäftsführerin der Technologie- und Gewerbezentren Potsdam GmbH

Social Share
Teilen Sie diesen Artikel

Wirtschaftsforum: Frau Paschke, derzeit betreiben Sie insgesamt sechs Gründerzentren in Potsdam sowie einen sogenannten Handwerker- und Gewerbehof. Welche Ziele verfolgen Sie mit Ihren Aktivitäten genau?

Evelyn Paschke: Als Tochterunternehmen der Landeshauptstadt Potsdam besteht unsere Aufgabe in der Entwicklung und Umsetzung gezielter Maßnahmen zur nachhaltigen Stärkung des örtlichen Wirtschaftsstandortes. Dank unserer lokalen Expertise haben wir ein gutes Auge für die Bedürfnisse der Mietinteressenten und können sie so zielgerichtet unterstützen.

Wirtschaftsforum: Welche Kriterien entscheiden darüber, welcher Standort für welches Projekt am besten geeignet ist?

Evelyn Paschke: Hier spielt bereits der Branchenbezug eine große Rolle: In Potsdam Nord ist beispielsweise das PCT 1-3, ein Zentrum für die Branchen IT, Software, Design, erneuerbare Energien und mehr entstanden; die vermietbaren Räumlichkeiten beginnen schon bei Kleinstflächen mit einer Bürogröße von 12 m2 – für manche Existenzgründer* innen sind das ideale Rahmenbedingungen, um durchzustarten. Ein Biotechnologieunternehmen muss hingegen natürlich von Anfang an in etwas anderen Dimensionen denken und benötigt zudem eine umfangreiche fachspezifische Laborausstattung – diese findet es im GO:IN und GO:IN 2 im Potsdam Science Park in Golm. Der Drahtseilakt besteht für uns dabei in der Bereitstellung von Laborflächen mit hoher Funktionalität bei gleichzeitiger Deckung der Betriebskosten durch die erzielten Mieten. In unserer Medienstadt in Babelsberg finden unsere Mieter derweil ideale Voraussetzungen, um sich mit der gesamten technischen, personellen und künstlerischen Infrastruktur des dortigen Filmparks, der Studios und der Universität zu vernetzen.

Wirtschaftsforum: Wie beliebt sind kleine Flächen für unternehmerische Einzelkämpfer nach den guten Erfahrungen, die wir in den letzten beiden Jahren im Homeoffice in den eigenen vier Wänden gemacht haben?

Evelyn Paschke: Wir hatten in der Tat zunächst befürchtet, dass wir nach der steilen Remote-Work-Lernkurve aus der Pandemie mit zurückgehenden Auslastungszahlen zu kämpfen haben würden. Tatsächlich haben wir jedoch das genaue Gegenteil erlebt: Gerade in Potsdam Nord, wo wir viele kleine Büroflächen an junge Unternehmer*innen vermieten, fiel uns ein wahrer Run auf unsere Liegenschaften auf. Ein Großteil der Anfragen kam dabei aus der direkten räumlichen Umgebung. Das lässt nur den Schluss zu, dass doch viele Menschen das kleine separate Büro dem Arbeitszimmer im eigenen Zuhause vorziehen.

Wirtschaftsforum: In welchen Branchen sehen Sie als Technologie- und Gewerbezentren Potsdam GmbH gerade das größte Wachstum?

Evelyn Paschke: Aktuell sehen wir vor allem im Potsdam Science Park klare Wachstumstendenzen, was jedoch schlicht auf den Umstand zurückzuführen sein dürfte, dass dort Wachstum überhaupt in dieser Größenordnung möglich ist. Denn alle anderen Flächen in Potsdam sind mittlerweile weitestgehend erschöpft. Auch am Potsdam Science Park bauen ja nicht nur wir, sondern viele Anrainer, die dort privat finanzierte Immobilien errichten lassen. Die Nachfrage ist schließlich enorm.

Wirtschaftsforum: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus für Ihr Unternehmen?

Evelyn Paschke: Für uns bedeutet das, dass wir unsere Mieter selbst dann nicht auf den freien Markt entlassen können, wenn diese es wollen und eigentlich dafür bereit wären. Denn am Ende des Tages ist unser Ziel ja eine Art Starthilfe: Ein junges Unternehmen, das oft aus einem Projekt an der Universität entsteht, fängt klein an, wächst dann über sich hinaus, braucht schließlich mehr Raum und kann sich diesen auf dem freien Markt sichern. Doch dort ist das Angebot derzeit leider absolut nicht ausreichend. Deswegen haben wir auch das erste und einzige frei finanzierte Büro- und Laborgebäude in Potsdam errichtet, um überhaupt alternative Flächen anbieten zu können.

Wirtschaftsforum: Ihre Funktion als Inkubator für junge Unternehmen ist nur das eine Spielfeld – denn auch die Stadt Potsdam profitiert von Ihrem Know-how.

Evelyn Paschke: Richtig, wir agieren gewissermaßen in beide Richtungen. Die politischen und administrativen Entscheidungsträger der Kommune können sich dabei auf unsere aus dem Tagesgeschäft mit den Unternehmen gespeisten Impulse verlassen: Wir wissen, woran Bedarf besteht, und können daher gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung überzeugende Konzepte für brachliegende Flächen oder untergenutzte Ressourcen entwickeln, aus deren Aktivierung positive Effekte für das Ökosystem Potsdam als Ganzes zu erwarten sind. Derzeit nutzen wir diesen Rückkanal zur öffentlichen Hand verstärkt für das Thema Nachhaltigkeit. Unsere Gründer*innen haben in diesem Themenfeld ein enormes Know-how und erstklassige Ideen, die wir bündeln und strukturieren, um aus ihnen anschließend klare Konzepte für die Stadt Potsdam abzuleiten.

Wirtschaftsforum: Was macht Potsdam zu so einem attraktiven Standort – und zu einer lebenswerten Stadt?

Evelyn Paschke: Ein großer Vorteil ist sicherlich die wunderbare Wohnqualität mit kurzen Wegen, viel Grün und gleichzeitig allen kulturellen und wirtschaftlichen Vorteilen einer Metropole: Wissenschaft, Kunst und Natur so geballt an einem Ort – das gibt es kaum woanders und bildet den idealen Nährboden zum Vernetzen über verschiedenste Disziplinen und Interessenssphären hinweg. Unsere Mieter scheinen das ähnlich zu sehen: Denn auch wenn sie unsere Objekte einmal verlassen, bleiben 90% von ihnen im Potsdamer Raum.

Bewerten Sie diesen Artikel
Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern
TOP