Energiewende als Mammutaufgabe

Interview mit Dipl.-Wirt.-Ing. Jörg Kogelheide, Geschäftsführer der Stadtwerke Versmold GmbH und Dipl.-Kfm. (FH) Manuel Drossard, Geschäftsführer der Stadtwerke Versmold GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Kogelheide, Herr Drossard – was macht die Stadtwerke Versmold heute aus?

Jörg Kogelheide: Wir sind ein klassischer kommunaler Energieversorger – und gleichzeitig viel mehr. Ursprünglich nur in Versmold aktiv, sind wir heute in der gesamten Region rund um Harsewinkel, Dissen, Bad Rothenfelde und Borgholzhausen präsent. Über verschiedene Tochtergesellschaften – etwa SWV Regional oder die Stadtwerke Harsewinkel – decken wir Strom-, Gas- und Wassernetze ebenso ab wie den Energievertrieb. Und: Wir sind zu 100% im kommunalen Besitz – das heißt, die Wertschöpfung bleibt in der Region.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt Ihre Struktur bei dieser Entwicklung?

Jörg Kogelheide: Unsere Struktur ist über die Jahre mitgewachsen – mit dem Ziel, effizienter und schlagkräftiger zu werden. Ein Beispiel ist unsere neue Netzgesellschaft netzplus, die ab 2026 den Netzbetrieb aller regionalen Töchter übernimmt. Oder edikoo, eine gemeinsame Backoffice-Gesellschaft mit zwei anderen Stadtwerken aus der Region, in der wir energiewirtschaftliche Prozesse bündeln. So nutzen wir Synergien und schaffen gleichzeitig mehr Qualität und Geschwindigkeit.

Wirtschaftsforum: Und wie ist die Stadtwerke-Gruppe heute aufgestellt?

Manuel Drossard: Wir betreiben über 1.600 km Strom-, 326 km Gas- und 320 km Wassernetz sowie ein Nahwärmenetz, beliefern über 34.000 Strom- und mehr als 6.700 Gaskunden. Unsere Kundschaft reicht vom Einfamilienhaus bis zum Industriebetrieb. Was uns auszeichnet: Wir sind regional verwurzelt, nah am Kunden und dabei zukunftsorientiert aufgestellt.

Wirtschaftsforum: Welche Bedeutung hat die Energiewende für Sie?

Jörg Kogelheide: Sie ist zentrale Aufgabe und größte Herausforderung zugleich. Die aktuellen Netze wurden für ganz andere Anforderungen gebaut. Heute kommen PV-Anlagen, Wallboxen und Wärmepumpen dazu – das bedeutet teils Neubau statt bloß Ausbau. Wir investieren kontinuierlich, um unsere Netze fit für die Zukunft zu machen. Gleichzeitig engagieren wir uns im Bereich der erneuerbaren Energien – mit Beteiligungen an Windparks in Brandenburg und Bayern sowie Photovoltaikprojekten in der Region.

Wirtschaftsforum: Wie binden Sie die Digitalisierung in Ihre Strategie ein?

Manuel Drossard: Digitalisierung ist unverzichtbar – intern wie extern. Wir digitalisieren konsequent unsere Prozesse, setzen verstärkt auf automatisierte Abläufe im Kundenservice, etwa durch Robotic Process Automation. Parallel digitalisieren wir schrittweise unsere Netze – inklusive digitalem Zwilling und zentraler Datenplattform. Nur mit digitalisierten Netzen lassen sich die Anforderungen der Energiewende effizient steuern und neue gesetzliche Vorgaben zuverlässig erfüllen.

Wirtschaftsforum: Rückblickend gesehen: Wie haben Sie die Krisen der letzten Jahre gemeistert?

Jörg Kogelheide: Die Energiekrise 2022 war ein Kraftakt. Als regionaler Versorger kaufen wir Energie langfristig und risikodiversifiziert ein – das hat uns geholfen, stabile Preise zu halten. Als viele Wettbewerber ihre Kunden hängen ließen, haben wir Verantwortung übernommen und sind eingesprungen. Auch während der Pandemie haben wir durchgehalten – trotz Materialengpässen und erschwerter Investitionsumsetzung.

Wirtschaftsforum: Was macht Ihre Marktposition heute stark?

Manuel Drossard: Wir sind als Grundversorger fest in der Region verankert – mit persönlichen Ansprechpartnern, zuverlässigem Service und fairen Preisen. Wir stehen nicht nur für Energie, sondern auch für Verantwortung. Wir unterstützen Vereine, engagieren uns sozial – und unsere Gewinne fließen in die Region zurück, etwa in Schulen oder Kindergärten. 

Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die Zukunft?

Manuel Drossard: Die Energiewende bleibt eine Mammutaufgabe. Sie braucht verlässliche politische Rahmenbedingungen, langfristige Planungssicherheit sowie enorme Investitionen in Infrastruktur und Technologie. Gleichzeitig muss der Netzausbau mit der rasanten Dynamik der Technologien Schritt halten. Das gelingt nur, wenn alle relevanten Akteure – Kommunen, Versorger, Politik und auch die Industrie – gemeinsam an einem Strang ziehen und einheitliche Ziele verfolgen.

Wirtschaftsforum: Herr Kogelheide, Sie sind seit Ende Januar dieses Jahres im Ruhestand. Was wünschen Sie Ihrem Nachfolger?

Jörg Kogelheide: Kontinuität und gleichzeitig den Mut, neue Wege zu gehen – denn das prägt unser Handeln seit jeher. Die Stadtwerke Versmold befinden sich heute in einer Position, in der sie aktiv gestalten und wichtige Impulse für die Region setzen können – weit über das klassische Versorgungsgeschäft hinaus. Ich bin überzeugt: Mit Manuel Drossard an der Spitze ist das Unternehmen hervorragend aufgestellt, um diesen Weg kraftvoll und mit Weitblick fortzusetzen.

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