Wasserstoff ist kein Trend, sondern eine Notwendigkeit

Interview mit Dr. Hans Michael Kellner, Geschäftsführer der Messer Schweiz AG

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Kellner, wie sind Sie selbst zur Gasindustrie gekommen?

Dr. Hans Michael Kellner: Ich bin Ingenieur, in Barcelona geboren, in Deutschland ausgebildet und seit meiner Diplomarbeit mit Gasen beschäftigt. Seit 1987 arbeite ich durchgehend in dieser Branche – bei Messer Schweiz seit 2007, ab 2012 als Geschäftsführer. Gase begleiten mich seit fast vier Jahrzehnten; es wird nie langweilig, weil ständig neue Anwendungen entstehen. Zu Messer zog mich damals besonders die Mischung aus Tradition, technischem Anspruch und echter Gestaltungsmöglichkeit.

Wirtschaftsforum: Messer Schweiz blickt auf eine lange Geschichte zurück. Welche Meilensteine prägen das Unternehmen heute?

Dr. Hans Michael Kellner: Die Wurzeln reichen bis 1891 zurück, seit 1911 produzieren wir Sauerstoff. Mit dem Einstieg der Messer‑Gruppe ab 1971 begann die Modernisierung. 2009 folgte der Luftzerleger in Visp/Lalden, der uns heute mit Sauerstoff, Stickstoff und Argon versorgt. Dazu kamen spezialisierte Anlagen wie unsere CO2‑Rückgewinnung 2016 und der kontinuierliche Ausbau der Wasserstofftechnologien.

Wirtschaftsforum: Sie sprachen CO2‑Rückgewinnung an. Warum ist dieses Thema wichtiger denn je?

Dr. Hans Michael Kellner: Es klingt paradox, aber: Die Industrie hat regelmäßig CO2‑Mangel, obwohl wir darüber diskutieren, dass zu viel CO2 in der Atmosphäre ist. Rückgewinnungsanlagen schlagen die Brücke. Wir reinigen CO2 aus Rauchgasen oder Biogasanlagen auf Lebensmittelqualität – das vermeidet Transporte und schont Ressourcen. Europa zieht hier inzwischen stark nach.

Wirtschaftsforum: Ein großer Schwerpunkt bei Ihnen ist Wasserstoff. Welche Rolle spielt er heute?

Dr. Hans Michael Kellner: Eine zentrale. Messer produziert seit den 1950er-Jahren Wasserstoff und wir gelten heute als größter Anbieter der Schweiz mit internationalem Know-how. Wir waren an den ersten Brennstoffzellenprojekten im Land beteiligt und haben zahlreiche Forschungsinitiativen begleitet. Industrie und Logistik erkennen zunehmend, dass Wasserstoff in vielen Anwendungen die sinnvollste Alternative ist – gerade bei schweren Lasten und langen Distanzen.

Wirtschaftsforum: Ihre neueste Entwicklung sorgt weltweit für Aufmerksamkeit. Worum geht es?

Dr. Hans Michael Kellner: Um Verdichtung ohne elektrische Energie. Wir nutzen Metallhydride, die Wasserstoff chemisch aufnehmen und wieder freisetzen – völlig ohne bewegliche Teile, Lärm oder Vibration. Die Abwärme einer bestehenden Anlage reicht als Energiequelle. Die erste Tankstelle dieser Art steht bereits bei uns in Lenzburg, ein großer Pilot für Lkw‑ und Busflotten entsteht mit Partnern in Südkorea.

Wirtschaftsforum: Das klingt nach einem entscheidenden Schritt. Welche weiteren Innovationen verfolgen Sie?

Dr. Hans Michael Kellner: Unser jüngstes Patent ermöglicht es, auch andere Gase – etwa Stickstoff oder Argon – per Wärme statt Strom zu verdichten. Das spart enorm Energie. Parallel entwickeln wir ein Mini‑Kraftwerk, das industrielle Abwärme direkt in Strom umwandelt. Für Elektrolyseure bedeutet das: Sie können ihre Produktionskosten weiter senken. Diese Technologien stehen noch am Anfang, aber sie haben großes Potenzial.

Wirtschaftsforum: Wie wichtig ist Zusammenarbeit innerhalb der Messer‑Gruppe?

Dr. Hans Michael Kellner: Sehr wichtig. Jedes Land hat seine Stärken: Frankreich im Lebensmittelbereich, Österreich in der Metal­lurgie, die Schweiz im Wasserstoff. Wir tauschen uns eng aus, entwickeln gemeinsam und bleiben trotzdem lokal verankert. Das ist ein Vorteil einer großen, aber familiengeführten Gruppe: Man kann schneller handeln und regionale Besonderheiten berücksichtigen.

Wirtschaftsforum: Welche He­rausforderungen begegnen Ihnen aktuell im Markt?

Dr. Hans Michael Kellner: Der Fachkräftemangel ist spürbar. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach nachhaltigen Lösungen. Viele Unternehmen haben klare CO2‑Ziele und suchen Partner, die praktische Technologien liefern. Durch unseren Bekanntheitsgrad und unsere Forschung sind wir hier gut positioniert.

Wirtschaftsforum: Und wohin entwickelt sich Messer Schweiz strategisch?

Dr. Hans Michael Kellner: Wir wollen ein Kompetenzzentrum für Wasserstofftechnologien etablieren und unser internes Know-how bündeln – von Produktion über Logistik bis Anwendungstechnik. Wir sehen großes Potenzial für neue Entwicklungen. Entscheidend ist, dass wir weiterhin Lösungen schaffen, die ökologisch sinnvoll und gleichzeitig wirtschaftlich tragfähig sind.

Wirtschaftsforum: Sind Sie optimistisch, was die Energiezukunft betrifft?

Dr. Hans Michael Kellner: Absolut. Viele Innovationen der letzten 100 Jahre konnte sich niemand vorstellen. Das wird auch künftig so sein. Wichtig ist, dass wir unseren Teil dazu beitragen – und dass die nächste Generation darauf aufbauen kann. Fortschritt entsteht, wenn man mutig vorangeht.

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