Die Kunst, Verbindungen dauerhaft dicht zu halten

Interview mit Dr. Matthias Orth, Geschäftsführer der SEALABLE Solutions GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Orth, SEALABLE klingt nach ‘Abdichten’ – aber was genau machen Sie?

Dr. Matthias Orth: Im Kern geht es tatsächlich um Abdichtungslösungen – aber in sehr unterschiedlichen Anwendungsfeldern. Wir bedienen im Wesentlichen drei Bereiche aus einer Produktion heraus: Erstens Abdichtungen für Tunnel, also Dichtungen, die zwischen den Betonsegmenten einer Tunnelröhre sitzen. Zweitens Lösungen für den Nahverkehr – zum Beispiel ein Gummiprofil, das Straßenbahngleise unter dem Asphalt ummantelt, um Streustrom zu isolieren und gleichzeitig Schall zu reduzieren. Und drittens klassische Abdichtungslösungen für Bauanwendungen wie Fenster, Fassade, Tief- und Hochbau.

Wirtschaftsforum: Sie sind seit vielen Jahren am Standort – wie verlief Ihr Weg bis zum Management-Buy-out und was hat Sie motiviert, die Verantwortung als Geschäftsführer zu übernehmen?

Dr. Matthias Orth: Ich komme aus der Region und habe nach dem Abitur hier als Industriekaufmann angefangen. Nach Studium und Zivildienst bin ich als Betriebsleiter zurückgekehrt, habe früh Verantwortung übernommen und wurde später Geschäftsführer. Als sich die Chance zum Management-Buy-out ergab, war das für mich der konsequente Schritt: Das internationale Markt­umfeld ist spannend, der Standort hat eine starke industrielle Basis – und ich fühle mich dem Team und der gemeinsamen Entwicklung des Unternehmens eng verbunden.

Wirtschaftsforum: International – was heißt das konkret?

Dr. Matthias Orth: Unsere Tunnelabdichtungen kommen bei internationalen Projekten zum Einsatz – von Australien über Nord- und Südamerika bis Japan und Neuseeland. Gleichzeitig sind wir im Nahverkehr in vielen Ausschreibungs- und Projektstrukturen unterwegs. Um solche Märkte effizient zu bearbeiten, pflegen wir ein Netzwerk aus Partnern und Vermittlern: teils technische Händler, teils Türöffner in Projektgremien.

Wirtschaftsforum: Können Sie Beispiele nennen, wo genau Ihre Lösungen im Einsatz sind?

Dr. Matthias Orth: Nicht alles dürfen wir nennen, weil bei vielen Großprojekten Vertraulichkeitsvereinbarungen gelten. Aber ein Beispiel ist öffentlich: Die Metro in Paris ist komplett mit unserer Dichtung umgesetzt. Aktuell liefern wir außerdem nach Tel Aviv: Dort entsteht eine sehr große neue Infrastruktur, unter anderem eine rund 70 km lange Straßenbahnstrecke – ein Projekt, an dem wir über einen langen Zeitraum kontinuierlich arbeiten.

Wirtschaftsforum: Was unterscheidet SEALABLE vom Wettbewerb – gerade wenn Projekte immer wieder neu ausgeschrieben werden?

Dr. Matthias Orth: Wir sind stark lösungsorientiert. Häufig kommt der Kunde nicht mit dem Anspruch „Ich brauche Produkt X“, sondern mit einer Herausforderung – und dann entwickeln wir gemeinsam die passende Lösung. Das ist möglich, weil wir ein kreatives Team sind und weil Entwicklung und Produktion eng zusammenarbeiten. Über die Jahre entsteht so eine Bindung. Wir haben einen sehr stabilen Kundenstamm, der uns seit rund 20 Jahren begleitet – auch wenn Projekte immer wieder in Ausschreibungen gehen.

Wirtschaftsforum: Stichwort Innovation: Welche Rolle spielen Patente?

Dr. Matthias Orth: Eine große. Patente schützen uns in vielen Märkten und geben uns Spielraum, in Deutschland zu produzieren, obwohl der Kostendruck hoch ist. Ein greifbares Beispiel ist unser patentiertes Sicherheitsprofil für Straßenbahnschienen: In vielen Städten bleiben Fahrradreifen in Spurrillen hängen – das kann schwere Stürze verursachen. Unser Profil verschließt die Rille so, dass es für Fahrräder sicherer wird, das Profil sich aber unter dem Rad der Straßenbahn kurz wegdrücken lässt. Dafür haben wir auch einen Innovationspreis in Thüringen erhalten. Daneben haben wir patentierte Lösungen im Tunnelbereich – zum Beispiel, wie sich Gummidichtungen besonders zuverlässig im Beton verankern lassen.

Wirtschaftsforum: Sie haben den Kostendruck angesprochen. Welche Herausforderungen spüren Sie derzeit am stärksten?

Dr. Matthias Orth: Überregulierung und Bürokratie sind ein großes Thema – neben Energie- und Personalkosten. Wir haben früh automatisiert und Energiesparprogramme umgesetzt, aber irgendwann ist wenig Fleisch am Knochen. Ein Beispiel: Wir haben eine zusätzliche Halle gebaut, weil wir für das Projektgeschäft Platz brauchen – etwa um größere Mengen witterungsgeschützt zu lagern, bevor sie in Containern verschifft werden. Allein die Genehmigung dafür zu erhalten, hat rund zehn Monate gedauert. Das bremst Investitionen und kostet Nerven.

Wirtschaftsforum: Was sind Ihre Ziele für die kommenden Jahre?

Dr. Matthias Orth: Wir wollen am Standort weiter wachsen und langfristig die 50 Millionen EUR Umsatz anstreben – nachhaltig. Inhaltlich möchten wir im Projektgeschäft stärker werden, vor allem im nachhaltigen Nahverkehr. Dort haben wir unsere Umsätze in den letzten Jahren bereits deutlich gesteigert. Parallel entwickeln wir den Standort weiter – mit Automatisierung, stabilen Teams und einer Energie-Strategie, etwa mit Photovoltaik und perspektivisch weiteren Bausteinen. Und uns ist wichtig zu zeigen: Eine Gummiproduktion kann ‘clean’ und gut strukturiert sein – viele Besucher sind überrascht, wie sauber das hier ist.

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