Zeitenwende für Europas Sicherheit

Interview mit Anders Sjöberg, Geschäftsführer der Saab Deutschland GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Sjöberg, Sie leiten Saab Deutschland seit über zehn Jahren. Wie hat sich das Unternehmen in dieser Zeit entwickelt?

Anders Sjöberg: Als ich 2012 die Geschäftsführung übernahm, waren wir eine reine Marketing­gesellschaft ohne Mitarbeiter in der Entwicklung. Heute beschäftigen wir über 600 Menschen und werden dieses Jahr die 700er-Marke überschreiten. Die Mehrheit sind Diplomingenieure mit Master-Abschluss. Wir re­krutieren derzeit etwa zehn neue Mitarbeiter pro Monat. Dabei achten wir insbesondere auf ein qualitativ sehr hochwertiges Onboarding. Nicht die Bewerberzahl, sondern das Recruiting selbst ist unsere eigentliche Grenze.

Wirtschaftsforum: Was waren die wichtigsten Meilensteine auf diesem Weg?

Anders Sjöberg: Ein entscheidender Schritt war 2012 die Akquisition eines kleinen Familienunternehmens bei Nürnberg im Bereich elektromagnetische Kriegsführung und Signalaufklärung. Das war eine perfekte Ergänzung zu unserem Portfolio. Heute ist Saab Deutschland das Centre of Excellence von Saab für Signalaufklärung weltweit. Wir exportieren in viele NATO-Länder sowie nach Japan, Brasilien und etliche andere Staaten. Ein weiterer Meilenstein war 2021 der Auftrag für das Upgrade der Fregatten der Brandenburg-Klasse der deutschen Marine. Aber der wirkliche Gamechanger kam 2020 mit Saabs globaler Multi-Domestic-Strategie.

Wirtschaftsforum: Was bedeutet Multi-Domestic-Strategie konkret?

Anders Sjöberg: Saab hat sich entschieden, nicht nur ein schwedisches Unternehmen mit globaler Reichweite zu sein, sondern ein wirklich internationales Verteidigungsunternehmen. Dafür wurden vier Schwerpunktländer definiert: Deutschland, Großbritannien, die USA und Australien. Deutschland ist dabei der Anker in Europa und der EU. Wir vier Geschäftsführer in diesen Ländern sitzen im Senior Management Team von Saab. Das bedeutet sehr kurze Entscheidungswege, viel Freiheit und viel Gestaltungsmacht. Das war wirklich ein Wendepunkt.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielen Partnerschaften in Ihrer Strategie?

Anders Sjöberg: Partnerschaften sind absolut zentral für uns. Wir suchen nicht die Konfrontation oder treten anderen auf die Füße. Wir haben wichtige bilaterale Programme mit der deutschen Industrie, etwa die Taurus-Marschflugkörper mit MBDA Deutschland in Schrobenhausen als Joint Venture oder der Seezielflugkörper RBS15 mit Diehl Defence, wo Saab die Führung hat. Ganz aktuell ist unsere Partnerschaft mit Helsing, einem KI-Unternehmen, in das wir 100 Millionen EUR investiert haben. Helsings KI-Agent ist mit unserem Jet Gripen E autonom im europäischen Luftraum geflogen, ohne dass der Pilot den Steuerknüppel berührt hat. Das ist weltweit einzigartig.

Wirtschaftsforum: Welche Technologien und Innovationen werden die Zukunft der Verteidigung prägen?

Anders Sjöberg: Ich sehe vier entscheidende Bereiche: Software Defined Defence, Autonomie, künstliche Intelligenz und Konnektivität. Ohne Konnektivität können Sie die anderen drei nicht umsetzen. Das sehen wir gerade auch in der Ukraine. Diese vier Themen sind die Zukunft, und Saab treibt das in Europa voran. Ein wichtiger Teil dieser Entwicklung findet hier in Deutschland statt. Was uns dabei besonders auszeichnet, ist unsere Investition in Forschung und Entwicklung. 2024 haben wir dort 17% unseres Umsatzes investiert. Wir entwickeln kontinuierlich alle unsere Produkte weiter, bestehende wie neue. Ein Bereich, in dem wir in Europa führend sind, ist Software Defined Defence. Wir verlagern so viel Funktionalität wie möglich in Software. Das bedeutet, dass wir ohne Hardware-Anpassungen Fähigkeiten kontinuierlich an neue Bedrohungen anpassen können. 

Wirtschaftsforum: Sie haben eine besondere Unternehmenskultur etabliert, die schwedische und deutsche Elemente verbindet.

Anders Sjöberg: Das war eine sehr bewusste Entscheidung. Wir wollten das Beste aus beiden Kulturen übernehmen. Von der schwedischen Kultur die flachen Hierarchien: Respekt hat nichts mit Titeln oder Namen zu tun. Wir haben auch das Delegieren von Verantwortung übernommen. Jeder Mitarbeiter bei Saab Deutschland bekommt einen sehr breiten Verantwortungsbereich und wir erwarten, dass er auch die Rechenschaftspflicht dafür übernimmt. Von der deutschen Kultur haben wir die Direktheit übernommen. Man kann gleichzeitig höflich und direkt sein. Schweden ist sehr konsensorientiert. Wir wollen Entscheidungen nicht nur auf Konsens, sondern auf Fakten stützen.

Wirtschaftsforum: Inwiefern hat Ihnen die Automotive-Krise in Deutschland geholfen, Fachkräfte zu gewinnen?

Anders Sjöberg: Diese für Deutschland unglückliche Lage hat uns in die Karten gespielt. Die Situation in der deutschen Automobilindustrie und die Art, wie China sich entwickelt hat, führte dazu, dass viele Zulieferer im Softwarebereich Schwierigkeiten bekamen. Dort konnten wir viele hoch qualifizierte Softwareingenieure gewinnen. Aber wir sind nicht die einzigen – Hensoldt, Airbus und Rheinmetall machen das auch. Qualifizierte Software­ingenieure sind bei uns sehr willkommen, und viele kommen jetzt aus der Automobilindustrie.

Wirtschaftsforum: Wie bewerten Sie die aktuelle sicherheitspolitische Lage?

Anders Sjöberg: Europa hat sich jahrzehntelang hinter Amerika versteckt. Weckrufe kamen 2009 mit Georgien, dann 2014 mit der Krim und schließlich 2022 in der Ukraine. Aber das, was gerade im Weißen Haus passiert, sollte uns endgültig aufwecken. Unabhängig davon, wer im Weißen Haus sitzt: Wir können uns nicht mehr zu 100% auf die US-Streitkräfte verlassen, sondern müssen selbst Verantwortung übernehmen. Ich war im Februar bei der Münchner Sicherheitskonferenz, als JD Vance eine Rede hielt. Mein Chef und ich waren geschockt, genauso wie alle anderen Menschen dort. Innerhalb der NATO wird die nukleare Abschreckung hoffentlich weiterhin von den USA übernommen, aber Europa muss die volle Verantwortung für die konventionelle Abschreckung gegenüber Russland übernehmen. Da sind wir heute noch nicht, aber da müssen wir hin.

Wirtschaftsforum: Sind Sie optimistisch, dass Europa diese He­rausforderung meistern kann?

Anders Sjöberg: Europa muss jetzt handeln. Die EU hat über 400 Millionen Menschen und eine Wirtschaft, die nur wenig kleiner ist als die der USA. Trotzdem bekommen wir unsere Verteidigung nicht in den Griff. Wir haben einen riesigen Berg an Arbeit vor uns, aber das Potenzial ist da. Wenn wir in Europa zusammenkommen und diese Herausforderung gemeinsam angehen, können wir die Verantwortung für die konventionelle Abschreckung in der NATO übernehmen. Ich bin überzeugt, dass Europa das schaffen kann.

Wirtschaftsforum: Was motiviert Sie persönlich in Ihrer Arbeit?

Anders Sjöberg: Mich treibt vor allem an, dass wir einen echten Unterschied machen können. Wenn wir Fähigkeitslücken schließen und benötigte Technologien an die Bundeswehr und andere Streitkräfte liefern – pünktlich und in der richtigen Qualität – dann hat unsere Arbeit Bedeutung. Besonders wichtig sind mir die Partnerschaften, bei denen eins plus eins drei ergibt. Natürlich motiviert mich auch die interne Entwicklung: zu sehen, wie unsere Mitarbeiter an ihrer Verantwortung wachsen und wie sich die gesamte Organisation weiterentwickelt. Und wenn wir dabei als Unternehmen erfolgreich sind und Geld verdienen, während wir Kundenbedürfnisse erfüllen, ist das ein schöner Bonus.

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