Wohin Verantwortung führt

Interview mit Eva-Marie Torhorst, Geschäftsführerin der ReAL gGmbH

Wirtschaftsforum: Frau Torhorst, ReAL ist ein Familienunternehmen. Welche Geschichte steht dahinter?

Eva-Marie Torhorst: ReAL wurde in den 1980er-Jahren von meinem Vater gegründet. Damals gab es in unserer Region noch kaum Angebote für Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen. Die Akutpsychiatrie war weit entfernt, und die Idee der Dezentralisierung steckte noch in den Kinderschuhen. Mein Vater wollte Versorgung dort ermöglichen, wo die Menschen leben. Diese Haltung prägt uns bis heute.

Wirtschaftsforum: Sie selbst sind 2016 eingestiegen – in einer herausfordernden Phase. Wie sind Sie diesen Schritt gegangen?

Eva-Marie Torhorst: Für mich war immer klar, dass ich irgendwann im Unternehmen arbeiten möchte. Ich bin praktisch im Netzwerk meines Vaters groß geworden. 2016 war der richtige Moment einzusteigen – das denke ich noch heute, auch wenn die Situation zu diesem Zeitpunkt eine schwierige war. Das Unternehmen befand sich damals in einer Schieflage. Ich habe auf ein offenes Sanierungsverfahren gesetzt und ab Tag 1 die Verhandlungen geführt. Mein Sohn war zu der Zeit gerade anderthalb Jahre alt – es war eine enorme Belastung, aber notwendig.

Wirtschaftsforum: Was musste sich strukturell ändern?

Eva-Marie Torhorst: Wir hatten 19 Einzeleinrichtungen, die eher nebeneinander als miteinander arbeiteten. Ich wollte eine Organisation schaffen, die gemeinschaftlich handelt. Wir haben eine Holdingstruktur aufgebaut, Leitungskräfte etabliert, die wirklich handlungsfähig sind, und ein klares Managementsystem eingeführt. Meine Aufgabe ist, im Hintergrund dafür zu sorgen, dass die Dinge laufen.

Wirtschaftsforum: Ein zentrales Element bei ReAL ist die Unternehmenskultur. Wie beschreiben Sie diese?

Eva-Marie Torhorst: Wir arbeiten mit einem Wertedreieck: Versorgungsqualität, Arbeitgebermarke und Wirtschaftlichkeit. Alles, was keinem dieser drei Ziele dient, lassen wir beiseite. Besonders wichtig ist die Klientenzentrierung. Wir implementieren moderne Standards sofort, bieten Team- und Fallsupervisionen an und sorgen für klare Strukturen, damit unsere Mitarbeitenden sich sicher fühlen. In unserem Arbeitsfeld begegnen wir häufig traumatischen Lebensgeschichten – das muss man gemeinsam auffangen.

Wirtschaftsforum: Wie unterstützen Sie Ihr Team dabei?

Eva-Marie Torhorst: 2019 habe ich eine interne Weiterbildungsakademie gegründet. Wir laden externe Referenten ein, fördern Peer-Learning und schaffen Räume, in denen Mitarbeitende Belastendes ablegen können. Manche betreuen Jugendliche, die sonst geschlossen untergebracht wären – bei uns arbeiten wir ausschließlich offen. Das ist herausfordernd, aber wir muten uns diesen Dialog bewusst zu.

Wirtschaftsforum: Wie sieht Ihre Arbeit mit den verschiedenen Leistungssegmenten aus?

Eva-Marie Torhorst: Wir haben etwa 350 Mitarbeitende und begleiten Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen: von der Rehabilitation psychisch Kranker, wo wir Menschen auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereiten, bis zur Eingliederungshilfe nach SGB XII, in der es oft um Teilhabe, Tagesstruktur und kleine Schritte geht. Die Pandemie hat Vereinsamung verstärkt, viele Ängste geschürt – aber unser Ansatz bleibt: Geduld, Struktur, Nähe.

Wirtschaftsforum: Sie erwähnten auch wirtschaftliche Aspekte. Wie bleibt ReAL in einem schwierigen Markt stabil?

Eva-Marie Torhorst: Wir arbeiten regional, eng vernetzt mit Landkreisen, Behörden und Verbänden. Qualität ist dabei der entscheidende wirtschaftliche Faktor. Wenn man gut arbeitet und das nachweisen kann, verschwinden viele Probleme. Ich halte wenig davon, permanent zu klagen. Das schafft nur eine Atmosphäre, die Klienten und Teams runterzieht. Unser Glas ist immer halbvoll – und wir finden Wege, mit kleinen Mitteln Schönes zu schaffen.

Wirtschaftsforum: Haben Sie dafür ein Beispiel?

Eva-Marie Torhorst: Wir haben interne Handwerksbetriebe, die früher extern gearbeitet haben. Heute produzieren sie etwa unsere eigene Möbellinie. Ein Tisch, der im Laden 4.500 EUR kosten würde, entsteht bei uns für einen Bruchteil dieser Summe – und hält Jahrzehnte.

Wirtschaftsforum: Was sind Ihre Pläne für die Zukunft?

Eva-Marie Torhorst: Wir wachsen verantwortungsvoll und ausschließlich dort, wo ein tatsächlicher Bedarf besteht. Aktuell planen wir auf eigenem Grund ein Neubauprojekt zur Schaffung bezahlbaren, sozial orientierten Wohnraums, um nachhaltige Perspektiven zu ermöglichen. Unser Handeln orientiert sich konsequent an den Bedürfnissen der Region und der Menschen, die Unterstützung benötigen. Unser Anspruch bleibt dabei unverändert: regionale Versorgung auf höchstem fachlichem Niveau – verlässlich, qualitätsorientiert und nah am Menschen.

Wirtschaftsforum: Sie haben zum Schluss noch einen Appell formuliert. Worum geht es Ihnen dabei?

Eva-Marie Torhorst: In Deutschland wird viel über Fachkräftemangel gesprochen – dabei gibt es zahlreiche Menschen mit psychischen Erkrankungen, die arbeiten können und wollen, wenn man ihnen eine echte Chance gibt. Wir begleiten diesen Prozess eng und schaffen die notwendigen Rahmenbedingungen für eine gelingende Integration ins Arbeitsleben. Ich wünsche mir mehr Mut von Arbeitgebern, sich darauf einzulassen. Denn wo das Umfeld stimmt, entstehen Fokus, Verlässlichkeit und Leistungsfähigkeit.

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