Unsichtbar, aber unverzichtbar: Infrastruktur für eine vernetzte Zukunft

Interview mit Oliver Weicker, Chief Commercial Officer Telecom Solutions CEE der Prysmian Kabel und Systeme GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Weicker, wie ist Prysmian global aufgestellt und welche Rolle spielt die deutsche Organisation?

Oliver Weicker: Prysmian ist ein weltweit tätiger Konzern mit italienischem Ursprung und Hauptsitz in Mailand. Historisch sind wir aus dem Pirelli-Konzern hervorgegangen und haben uns seitdem konsequent und strategisch weiterentwickelt. Heute sind wir der größte Kabelhersteller der Welt und decken ein außergewöhnlich breites Technologiespektrum ab. Unsere Organisation ist in vier Business Units gegliedert: Transmission, Power Grid, Electrification und Digital Solutions. Deutschland nimmt innerhalb dieser Struktur eine bedeutende Rolle ein. Mit mehreren Produktionsstandorten, Projektbüros und Vertriebsorganisationen sowie über 1.000 Mitarbeitern ist die deutsche Organisation ein zentraler und leistungsstarker Bestandteil der europäischen Wertschöpfung.

Wirtschaftsforum: Können Sie die vier Geschäftsbereiche etwas genauer einordnen?

Oliver Weicker: Sehr gern. Transmission umfasst Großprojekte wie Hochspannungs- und Unterseekabel, etwa für Offshore-Windparks oder den Transport erneuerbarer Energie über weite Distanzen. Power Grid deckt den Weg von der Hochspannung bis in die lokale Energieverteilung ab. Electrification betrifft klassische Anwendungen wie Gebäudeverkabelung, industrielle Installationen oder Geräteanschlüsse. Der vierte Bereich, Digital Solutions, bündelt alle Lösungen rund um Datenübertragung. Hier bin ich für den Bereich Telekom Solutions in Zentral- und Osteuropa verantwortlich – mit Fokus auf Glasfaserkabel, Breitbandausbau, Rechenzentren und digitale Netzinfrastrukturen.

Wirtschaftsforum: Was unterscheidet Prysmian von anderen Anbietern im Markt?

Oliver Weicker: Ein entscheidender Unterschied liegt in unserer Tiefe der Wertschöpfung. Wir stellen nicht nur Kabel her, sondern produzieren auch die Glasfaser selbst – vom Rohmaterial über die Preform bis hin zur fertigen Faser. Diese umfassende technologische Kontrolle erlaubt es uns, höchste Qualitätsstandards sicherzustellen, Innovationszyklen zu verkürzen und eine hohe Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Gleichzeitig profitieren unsere Kunden von integrierten Lösungen aus einer Hand, die nicht nur technisch überzeugen, sondern exakt auf die jeweiligen Anforderungen und Einsatzbereiche zugeschnitten sind. Wir sind auch der einzige Kabelhersteller weltweit, der alles abdeckt – Energie- wie Glasfaserkabellösungen. Aber wir installieren auch Kabel für Großprojekte. Wir verfügen zudem über Technologien zur Überwachung der Leistung unserer Kabel. Wir entwickeln uns zu einem Lösungsanbieter.

Wirtschaftsforum: Wer sind Ihre typischen Kunden und Zielgruppen?

Oliver Weicker: Wir sind klar im B2B-Geschäft positioniert. Zu unseren Kunden zählen unter anderem große Energieinfrastrukturbetreiber, Netzgesellschaften sowie Telekommunikationsunternehmen im Mobilfunk- und Festnetzbereich und Betreiber von Rechenzentren. Darüber hinaus beliefern wir Industrieunternehmen, Medien- und Broadcast-Anbieter sowie eine Vielzahl spezialisierter Anwendungen. Die Bandbreite unserer Kundensegmente ist entsprechend groß. Auch wenn man unsere Produkte im Alltag kaum wahrnimmt, sind sie nahezu überall ein integraler Bestandteil moderner Infrastruktur und bilden die technische Grundlage für Energie- und Datenversorgung.

Wirtschaftsforum: Wie hat sich Prysmian in den vergangenen Krisenjahren positioniert?

Oliver Weicker: Es gab noch nie eine geschäftigere Zeit für uns – auch wenn es Herausforderungen gibt: Pandemie, geopolitische Spannungen, Energieprobleme und Unterbrechungen der Lieferketten. Wenn man sich Prysmian im Jahr 2020 ansieht und vergleicht mit dem, wo wir heute stehen, dann zeigt sich ein klares Bild von robustem Wachstum und Rentabilität. Dies wird von Europa und den Vereinigten Staaten vorangetrieben, und wir haben in dieser Zeit eine Reihe von Akquisitionen getätigt – Encore Wire in den USA, das im Zentrum von Rechenzentren steht, für 4 Milliarden USD, Channell in den USA für das digitale Geschäft mit Konnektivitätslösungen für 1 Milliarde im letzten Jahr und davor Warren & Brown in Australien. In Europa haben wir gerade die Übernahme von Xtera bekannt gegeben, wodurch wir zu einem globalen Akteur im Bereich der Unterwasser-Telekommunikation werden – und in Deutschland verfügen wir in Nordenham über eine sehr wichtige globale Kompetenz im Bereich Unterwasser-Telekommunikationskabel. Als weltweit führender Anbieter von See-Energiekabeln ergänzen wir dies mit ACSM, das den Meeresboden überwacht und für die Verlegung von Kabeln vorbereitet. Dies ist eine Wachstumsgeschichte, in der unsere Ergebnisse noch nie besser waren. Deutschland hat dabei ebenfalls eine zentrale Rolle gespielt – mit Großprojekten und hohen Investitionen. Wir sind zuversichtlich, dass wir heute mehr denn je für unsere Kunden tun können.

Wirtschaftsforum: Innovation gilt als einer Ihrer wichtigsten Wachstumstreiber. Welche Themen stehen aktuell im Mittelpunkt?

Oliver Weicker: Ein zentrales Zukunftsthema ist die sogenannte Hohlfaser-Technologie. Sie ermöglicht deutlich höhere Übertragungsgeschwindigkeiten bei gleichzeitig geringerem Energieverbrauch – ein entscheidender Faktor für Rechenzentren, Cloud-Anwendungen und künstliche Intelligenz. Gerade vor dem Hintergrund rasant wachsender Datenmengen gewinnt diese Effizienz enorm an Bedeutung. Gemeinsam mit unserem Partner Relativity Networks treiben wir diese Technologie konsequent voran, von der Entwicklung bis hin zur Produktion in Europa. Darüber hinaus investieren wir kontinuierlich in neue Materialien, moderne Fertigungsprozesse und digitale Services, um unsere Lösungen weiter zu verbessern und unseren technologischen Vorsprung nachhaltig auszubauen.

Wirtschaftsforum: Welche Bedeutung hat Nachhaltigkeit in diesem Kontext?

Oliver Weicker: Nachhaltigkeit ist kein Nebenthema, sondern fest in unserer Unternehmensstrategie verankert. Wir verstehen Infrastruktur immer als langfristige Investition in die Zukunft kommender Generationen. Deshalb setzen wir konsequent auf energieeffiziente Produkte, langlebige Materialien und verantwortungsvoll gestaltete Lieferketten. Gleichzeitig betrachten wir Nachhaltigkeit auch als wirtschaftlichen Erfolgsfaktor. Prysmian investiert bewusst stark in Europa und Nordamerika, um technologische Souveränität, Versorgungssicherheit und nachhaltiges Wachstum dauerhaft miteinander zu verbinden.

Wirtschaftsforum: Wie gestalten Sie die Kommunikation mit Ihren Zielgruppen in einem technisch anspruchsvollen B2B-Umfeld?

Oliver Weicker: Der persönliche Austausch bleibt gerade im B2B-Umfeld unverzichtbar. Viele Themen lassen sich am besten im direkten Dialog erklären und einordnen. Deshalb sind wir regelmäßig auf Fachmessen wie der Anga Com in Köln oder der Data Center World in London präsent. Gleichzeitig bauen wir unsere digitalen Kanäle konsequent aus – von Online-Plattformen über Webshops bis hin zu Social Media. Beides gehört für uns zusammen: Digitale Kommunikation ergänzt den persönlichen Kontakt, ersetzt ihn aber nicht.

Wirtschaftsforum: Prysmian gilt als ‘Hidden Champion’. Woran liegt das aus Ihrer Sicht?

Oliver Weicker: Das trifft es sehr gut. Wir sind mit über 30.000 Beschäftigten weltweit ein sehr großes Unternehmen, bewegen uns aber häufig außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Das liegt vor allem daran, dass unsere Produkte im Hintergrund im Einsatz sind. Kabel- und Glasfaserlösungen sind essenziell für Energieversorgung und digitale Kommunikation, stehen jedoch selten im Rampenlicht. Man sieht uns nicht, man hört uns nicht – aber ohne unsere Lösungen würden viele Lichter nicht brennen, Netze nicht stabil laufen und Datenverbindungen schlicht nicht funktionieren. Genau diese Rolle als verlässlicher Enabler im Hintergrund prägt unseren Hidden-Champion-Status.

Wirtschaftsforum: Wofür steht Prysmian als Arbeitgeber und Unternehmen? 

Oliver Weicker: Unsere Unternehmenskultur basiert auf drei klaren Kernwerten: Leidenschaft, Innovation und Teamplay. Leidenschaft verbindet unsere Mitarbeiter weltweit und ist der Motor für unser tägliches Engagement – insbesondere auch für nachhaltige Lösungen. Innovation bildet die Grundlage unseres Erfolgs. Stillstand ist für uns keine Option, vielmehr hinterfragen wir kontinuierlich bestehende Ansätze und entwickeln neue Technologien weiter. Und Teamplay ist gerade in einem global aufgestellten Konzern essenziell. Nur durch enge, vertrauensvolle Zusammenarbeit mit Kolleginnen und Kollegen, Kunden, Partnern und Lieferanten entstehen langfristig tragfähige und zukunftsfähige Lösungen.

Wirtschaftsforum: Wenn in die Zukunft blicken: Welche Rolle soll Prysmian künftig für die europäische Infrastruktur spielen?
 
Oliver Weicker: Wir möchten aktiv dazu beitragen, Europa technologisch stark, resilient und unabhängig aufzustellen. Energiewende und Digitalisierung sind zentrale Zukunftsaufgaben, die nur mit verlässlicher, leistungsfähiger Infrastruktur gelingen können. Wir verstehen uns dabei klar als Enabler dieser Entwicklung und als langfristiger Partner für unsere Kunden. Unser Ziel ist es, mit stabilen Netzen, innovativen Technologien und einem nachhaltigen, verantwortungsvollen Ansatz die Grundlage für wirtschaftliches Wachstum zu schaffen – in Deutschland, in Europa und darüber hinaus auch weltweit.

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