Vom Artefakt zum Datenpunkt

Interview mit Kristina Leipold, CEO der Picturae Holding B.V.

Große Fragen unserer Zeit – Klimawandel, Artenverlust, historische Forschung oder Erinnerungskultur – lassen sich nicht beantworten, ohne auf die Archive der Welt zuzugreifen. Millionen Sammlungsobjekte lagern in Depots, wissenschaftlichen Sammlungen und Museen. Sie dokumentieren wissenschaftliche Erkenntnisse, kulturelle Entwicklungen und ökologische Zusammenhänge über Jahrhunderte hinweg. Trotz ihres hohen Wertes sind viele dieser Bestände nur wenigen Fachpersonen zugänglich – konservatorisch geschützt, aber digital kaum verfügbar. Dadurch entsteht eine Wissenslücke, die in einer zunehmend datenbasierten Welt schwer zu überbrücken ist. Digitalisierung verändert diese Situation: Sie verbindet Bewahrung und Nutzung, schützt fragile Originale und macht sie gleichzeitig weltweit sichtbar. So werden isolierte Archive zu vernetzten Wissensräumen, die Forschung beschleunigen und kulturelle Teilhabe ermöglichen. Genau darin sieht CEO Kristina Leipold den Auftrag des international agierenden Unternehmens: „Wir machen Wissen zugänglich, das die Welt braucht – und das sonst verborgen bliebe.“ 

Spezialisierte Expertise

Die Digitalisierung natur- und kulturhistorischer Sammlungen folgt eigenen Regeln. Herbariumblätter, Glasplattennegative, historische Karten, fragile Insektenpräparate oder geröntgte archäologische Objekte – jedes Material erfordert individuelle Behandlung. Hinzu kommen konservatorische Anforderungen, die oft strenger sind als technische Spezifikationen. Standardhardware funktioniert hier kaum, denn Sammlungen sind selten homogen und fast nie normiert. Picturae hat einen Ansatz entwickelt, bei dem Technologie und Objektverständnis zusammengeführt werden. Das Unternehmen entwickelt seine Scan- und Fördersysteme selbst und passt Software, Robotik und Workflows an die Anforderungen der jeweiligen Sammlung an. Kristina Leipold beschreibt diese Haltung so: „Wir entwickeln Lösungen, weil die Objekte sie erfordern, nicht, weil wir sie im Regal liegen haben.“ Damit wird Digitalisierung zu einer dialogischen Disziplin – zwischen Technik, Restaurierung, Forschung und institutionellen Zielen.
 

Neue Sichtbarkeit

Was Digitalisierung bewirken kann, zeigt sich in internationalen Projekten, die Modellcharakter haben. Ob Digitalisierung im Studio in Jersey City, Vor-Ort-Lösungen in Europa oder Projekte in Asien: Sobald Bestände digital vorliegen, treten sie in einen globalen Austausch. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse entstehen oft genau dort, wo zuvor unverbundene Daten plötzlich verglichen werden können. Für viele Institutionen verändert dies ihr Selbstbild – aus regionalen Archiven werden globale Wissensressourcen. „Wenn eine Sammlung digital wird, tritt sie aus der Vitrine heraus in einen weltweiten wissenschaftlichen Dialog“, so die CEO. So digitalisierte etwa das Museum für Naturkunde Berlin mithilfe eines Förderbandsystems von Picturae 500.000 Exemplare seiner Insektensammlung. Digitale Bestände ermöglichen nicht nur Forschung, sondern auch neue Zielgruppen: Schulen, Citizen-Science-Communities, Kunstschaffende oder interessierte Laien erhalten erstmals Zugang zu Material, das zuvor nur in Handschuhen, klimatisierten Räumen und mit Voranmeldung geöffnet wurde. 

Verbindendes Element

Trotz wachsender Dynamik ist der Anteil unerschlossener Sammlungen weltweit erheblich. In Deutschland sind etwa 87% naturkundlicher Sammlungen noch nicht digitalisiert, international ist das ähnlich. Hinzu kommt: Jede Institution arbeitet historisch mit eigenen Systemen, unterschiedlichen Beschriftungen, Metadatenstrukturen und Archivlogiken. Digitalisierung bedeutet deshalb nicht nur ‘Abbilden’, sondern auch ‘Übersetzen’ und ‘Vereinheitlichen’. Hier wird Picturae zum verbindenden Element zwischen lokalen Konventionen und globalen Forschungsstandards. „Digitalisierung heißt nicht nur sichtbar, sondern auch anschlussfähig zu machen“, erklärt Kristina Leipold. Erst durch interoperable Formate entstehen internationale Wissensnetzwerke, in denen Biodiversitätsdaten, Herkunftsnachweise, Provenienzfragen oder kulturhistorische Zusammenhänge zusammengeführt werden können. Das schafft Transparenz, Vergleichbarkeit – und wissenschaftliche Beschleunigung.

Technologien im Wandel

Die Anforderungen steigen: Forschung wird datenintensiver, politische Fördersysteme verlangen Effizienz und Transparenz, und kleinere Einrichtungen benötigen skalierbare Lösungen. Picturae investiert deshalb in KI-basierte Texterkennung, automatisierte Qualitätskontrolle, kollaborative Robotik und modulare System­architekturen. Ziel ist nicht Automatisierung um ihrer selbst willen, sondern die Beschleunigung komplexer Prozesse bei gleichbleibender oder höherer Qualität. Gleichzeitig wird die Zukunft hybrider: Digitalisierte Objekte werden mit Analyse-Tools verknüpft, Metadaten wachsen und werden Teil intelligenter Such- und Forschungslogiken. Kristina Leipold formuliert es so: „Künftig wird nicht gefragt, ob Digitalisierung möglich ist, sondern wie schnell sie Nutzen stiftet und wie viele Menschen Zugang erhalten.“ Digitalisierung wird damit zum strategischen Werkzeug, 

Relevanz statt Datei

Sammlungen sind keine statischen Wissensspeicher, sie leben mit ihrer Nutzung. Jede Digitalisierung schafft neue Forschungsansätze, Vergleichsmöglichkeiten und gesellschaftliche Relevanz. Digitale Sichtbarkeit verleiht Objekten, die jahrzehntelang geschützt, aber isoliert waren, ein zweites Leben. Für viele Häuser bedeutet das einen grundlegenden Perspektivwechsel weg vom rein bewahrenden Auftrag hin zu aktiver Wissensvermittlung und globaler Forschungspartnerschaft. Damit wird Digitalisierung zu einem kulturellen Auftrag, der Verantwortung und Zukunftsdenken verbindet. Für Picturae steht dabei nicht die Technik im Mittelpunkt, sondern die Wirkung. „Wir digitalisieren nicht für Dateien, sondern für Bedeutung“, sagt CEO Kristina Leipold. „Erst im digitalen Raum beginnt die zweite Lebensphase eines Objekts – sichtbar, erforschbar und relevant. Und das weltweit.“

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