Sieben Prinzipien, ein ganzes Bündel Erfahrungen

Interview mit Johannes Spatz, Geschäftsführer der Panasonic Industry Europe GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Spatz, was können Sie uns über Ihren Werdegang und Ihre Rolle bei Panasonic erzählen?

Johannes Spatz: Ich bin nun schon seit 21 Jahren für das Unternehmen tätig. Ich habe an der TU München studiert. Als Elektrotechnik-Ingenieur war ich zunächst bei Daimler-Benz als Softwareentwickler in der Qualitätssicherung der Motorenproduktion beschäftigt. Danach verantwortete ich die Entwicklung für kundenspezifische Lösungen bei der damaligen BMW-Tochter Kontron. Panasonic ist nun meine dritte Firma, die ebenfalls die Bereiche Industrie und Automotive kombiniert. Seit 2004 bin ich im Vorstand der Panasonic Electric Works, seit 2011 als Vorsitzender. 2017 wurde ich Geschäftsführer der neu gegründeten Muttergesellschaft Panasonic Industry Europe. Hier bündeln sich verschiedene Bereiche, die sich in der Vergangenheit unterschiedlich aufgestellt hatten.

Wirtschaftsforum: Und Ihre Aufgabe ist, diese Bereiche zu verbinden?

Johannes Spatz: Ja, wir haben über die Jahre hinweg die verschiedenen Panasonic-Firmen zusammengeführt mit dem Ziel, bis 2022 alles final zu bündeln. Wir sind gerade auf dem Weg der Transformation. Der Panasonic Industry gibt das einen wichtigen Schub, weil wir seit vielen Jahren in unterschiedlichen Bereichen weitreichende Erfahrungen haben, die historisch sehr diversifiziert aufgestellt sind und bis dato etwas im Schatten der Panasonic Consumer geblieben sind.

Wirtschaftsforum: Wie weit reicht diese Historie denn zurück?

Johannes Spatz: Der Konzern hat letztes Jahr sein 100-jähriges Bestehen gefeiert, das auf die Gründung im Jahr 1918 zurückgeht. In Europa ging es in den 1970er-Jahren los, wobei viele der Firmen bereits in den 1960ern gegründet und später akquiriert wurden. Zum Beispiel die SDS mit Dr. Sauer als Gründer und namhafter Erfinder im Relais-Bereich. Heute erreicht der Konzern mit 250.000 Mitarbeitern einen 60-Milliarden-EUR-Umsatz. Hier in Europa generieren wir mit rund 1.000 Mitarbeitern circa eine Milliarde EUR.

Wirtschaftsforum: Wie sieht die Beziehung zum japanischen Mutterkonzern aus?

Johannes Spatz: Japanische Konzernkultur ist komplett anders als deutsche Konzernkultur. Das hat Vor- und Nachteile. Ähnlichkeiten haben wir im Verständnis von Präzision und Qualität. Herausfordernd sind manchmal die Entscheidungsprozesse. Der Vorteil ist, dass wir auf ein unheimlich großes Produktportfolio und eine unheimlich hohe Entwicklungskompetenz zurückgreifen können, fast vier Milliarden EUR werden in R&D investiert. All das hat einen sehr großen Einfluss auf die Firmen in Europa. Und in meinem Rahmen habe ich relativ viele Freiheiten in Bezug auf die strategische Ausrichtung, die Rahmenbedingungen und die Investitionen.

Wirtschaftsforum: Und wie sieht es mit dem Einfluss auf die Firmenkultur aus?

Johannes Spatz: Wir haben die spezielle Situation, dass unser Gründer Kōnosuke Matsushita die Firma aus ärmlichsten Verhältnissen gegründet hat und deshalb sehr früh die grundsätzliche Firmenphilosophie aufgesetzt und die soziale Verantwortung in den Fokus gestellt hat. Es ist erstaunlich, was dieser Mann in den 1920er- und 1930er-Jahren ohne Schulbildung aufgebaut hat. Seine Geschichte ist unglaublich. Seine sieben Prinzipien, wie Fairness und Aufrichtigkeit, Kooperation und Teamfähigkeit, Dankbarkeit, Flexibilität usw. hängen in jedem Meetingraum an der Wand, gemeinsam mit einem Foto unseres Firmengründers. Ein Prinzip ist der Beitrag zur Gesellschaft. Deshalb ist Nachhaltigkeit ein Thema, das ebenfalls auf der Agenda steht. Wir wollen CO2-neutral produzieren, und auch durch unsere Produkte Energieeinsparungen generieren. Das Dach hier in Ottobrunn wird jetzt mit Solarzellen ausgestattet, die wir ja selbst bei Panasonic in Malaysia produzieren.

Wirtschaftsforum: Wie ist das Unternehmen in Europa strukturiert?

Johannes Spatz: Wir haben Standorte in mehreren Ländern und in drei verschiedenen Marktsegmenten, die jeweils ein Drittel unserer Aktivitäten ausmachen. Im Bereich Living Space decken wir vor allem elektronische Komponenten, Batterien und Systemeinheiten für Konsumgüter wie Pflege- und Küchengeräte ab. Das Segment Mobility bedient derzeit noch vorrangig den klassischen Automotivebereich. Als führender Tier-2-Lieferant zählen alle namhaften Tier 1 zu unseren Kunden. Gerade in der Elektrifizierung sind wir Marktführer in gewissen Produktbereichen. In diesem Segment wird sich noch sehr viel bewegen. Wir sind bereits in den Bereichen E-Bikes und E-Scooter aktiv, ein Thema für die Zukunft ist elektrisches Fliegen. Und schließlich gibt es noch das Marktsegment Professional oder Industrial Business. Dabei geht es in den Bereichen der Telekom- oder Lade-Infrastruktur um elektronische Komponenten oder Batterie-Speicher-Systeme. Unsere Schwerpunkte dort sind aber eindeutig Produktions- und Automatisierungslösungen von der Sensorik bis zur kompletten SMT-Produktionslinie.

Wirtschaftsforum: Was wären denn typische Panasonic-Produkte für die Industrie?

Johannes Spatz: Insgesamt sind wir extrem breit aufgestellt. Wir bieten unter anderem ganz klassisch die Palette elektronischer und elektromechanischer Komponenten wie Widerstände, Kondensatoren, Schalter oder Relais, sozusagen alles auf der Leiterplatte. Hier ist Panasonic stark und in vielen Bereichen auch Marktführer. Wir bieten auch Systeme, Steuerungen und Software für industrielle Produktionsanlagen, zum Beispiel integrierte Schweißrobotersysteme und komplette Leiterplatten-Bestückungslinien, womit wir zu den Top 3-Anbietern der Welt zählen.

Wirtschaftsforum: Was hebt Ihre Produkte von denen der Konkurrenz ab?

Johannes Spatz: Klar haben wir Produkte mit USPs in einzelnen Bereichen, aber der entscheidende Punkt ist, dass es nur wenige Firmen gibt, die eine solche Breite aufweisen. Falls es überhaupt jemand anderen gibt, der über Jahrzehnte hinweg solche Kompetenzen aufgebaut hat und über die Möglichkeit verfügt, diese zu kombinieren. Es gibt Relaishersteller, es gibt Kondensatorenhersteller, es gibt Steuerungen- und Motorenhersteller, aber diese Kombination, die wir hier haben, die ist einzigartig. Das Applikations-Know-how und dass wir in Europa vor Ort beim Kunden sind, das ist ein Vorteil, den wir noch viel stärker ausspielen wollen.

Wirtschaftsforum: Wie wollen Sie das machen?

Johannes Spatz: Das Zusammenspiel einzelner Komponenten, die Elektrifizierung von Anwendungen, das sind alles spannende Themen, wo wir den Kunden viele Vorteile bieten können, da wir die entsprechende Plattform schon haben. Wichtig ist aber vor allem der Vertrieb. Historisch gesehen ist der Konzern Consumer-getrieben, wir hier sind auf B2B ausgerichtet. Das macht einen großen Unterschied im Verkauf. Ich muss beim Marketing bidirektional arbeiten, also auch herausfinden, welche Technologien und Produkte notwendig sind. Deshalb ist das A und O der Vertriebsmann vor Ort, der die Notwendigkeit vom Kunden direkt erfahren kann, damit wir das entsprechend anbieten können. Deshalb ist unser Vertrieb breit aufgestellt mit klassischen Key Accounts, sogar globalen Key Accounts, aber durchaus auch regionalen Kunden, die wir typischerweise direkt vor Ort betreuen. Ganz wichtig ist für uns außerdem die Distribution als klassischer Vertriebskanal, der in die Breite gehen kann.

Wirtschaftsforum: Das Tagesgeschäft ist doch sicherlich von Corona etwas aus der Bahn geworfen worden, oder?

Johannes Spatz: Der Großteil von uns arbeitet noch im Homeoffice. Wir wollen nun peu à peu versuchen, wieder zur Normalität zurückzukehren. Wir werden zunächst im Schichtbetrieb auf 30 bis 50% gehen und dann auf Sicht fahren. Im Homeoffice kann man ja viel machen, aber vieles geht auch verloren, weil viele Dinge in Gesprächen mit Kollegen nebenbei geklärt werden. Zehn Jahre lang sind wir gewachsen, aber die Krise hat uns schwer erwischt. Alle großen Autohersteller hatten ihre Fahrzeuge für 2020 angekündigt, aber durch Corona verzögert sich das alles. Wir sind bei all diesen Projekten in der Elektrifizierung mit drin, mit speziellen Kondensatoren und speziellen Relais. Wenn die Projekte kommen, werden wir unseren Umsatz im Automotivebereich verdoppeln, fast verdreifachen. Investitionsgüter werden aber sicher noch etwas länger brauchen, um wieder in Fahrt zu kommen, da die Kunden jetzt etwas verhalten investieren.

Wirtschaftsforum: Und wie sieht es mit den eigenen Plänen aus?

Johannes Spatz: Primär dreht sich gerade alles darum, unser Unternehmen zu transformieren von einem Zustand, der historisch gewachsen ist, zu einem Zustand den wir in unserer Vision abgebildet haben. Wir werden unsere Kompetenzen bündeln und diese näher an den Kunden bringen. Auch bezüglich der Digitalisierung wird gerade umstrukturiert und vereinfacht, unsere ERP-Systeme werden auf ein neues SAP-System umgewandelt. Ein begleitendes Thema ist der Panasonic Campus Munich, wo wir alle technischen Einrichtungen, also Labore, Servicecenter, technisches Center für die Kundenberatung, bündeln. Wir werden dort ein Experience Center aufbauen, wo wir Innovationen und gewisse Themenfelder wie Retail und Mobility darstellen und unsere Kompetenz in bestimmten Anwendungsfeldern demonstrieren können. Im Oktober soll der erste Teil fertig werden, im Mai 2021 wollen wir die zweite Ausbaustufe erreichen. Dann können wir dort Veranstaltungen ausrichten, Kunden einladen, Training bieten und vielleicht Messen zu gezielten Themen durchführen. Das wird in dieser Form im Panasonic-Konzern einzigartig sein.

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