Küstenwinde in Klimavorteile verwandeln
Interview mit Jean Huby, CEO der Ocean Breeze Energy GmbH & Co. KG

Wirtschaftsforum: Herr Huby, Ocean Breeze Energy ist eng mit einem der Pionierprojekte der deutschen Offshore-Windenergie verbunden. Wie hat sich das Unternehmen entwickelt?
Jean Huby: Unsere Geschichte beginnt nach dem Bau eines der ersten großen Offshore-Windparks Deutschlands, rund 100 km vor der Nordseeküste. Das Projekt war damals in mehrfacher Hinsicht ein Pionierprojekt – sowohl aufgrund der großen Entfernung zur Küste als auch wegen der Größe der Offshore-Windenergieanlagen. Der Windpark auf See ging 2013 vollständig in Betrieb, doch der ursprüngliche Entwickler geriet in finanzielle Schwierigkeiten und stellte den Geschäftsbetrieb ein. Damit standen wir vor einer außergewöhnlichen Herausforderung: Wir verfügten über hochmoderne Multimegawatt-Anlagen, hatten jedoch keinen Hersteller mehr, der sie unterstützte. Anstatt die Technik zu ersetzen, stellten wir ein eigenes Expertenteam zusammen: Viele Mitarbeiter kamen von Windenergieanlagenherstellern oder vom ursprünglichen Entwickler und übernahmen damit faktisch selbst die Rolle eines Herstellers zusammen mit dem Betrieb gleich mit.
Wirtschaftsforum: Was unterscheidet Ihren Ansatz von dem klassischer Windparkbetreiber?
Jean Huby: Üblicherweise verlassen sich Betreiber bei den komplexesten Technologiefragen rund um ihre Windparks stark auf die Hersteller der Windturbinen. Wir hatten diese Unterstützung nicht und mussten deshalb eigenes Know-how für sämtliche Komponenten für diesen Turbinen-Typ entwickeln und direkt mit Zulieferern zusammenarbeiten. So entstand eine hochintegrierte und agile Organisation. Heute können wir intern alles abdecken – von technischen Analysen bis hin zur Softwareentwicklung. Diese Unabhängigkeit ermöglicht es uns, die Leistungsfähigkeit des Offshore Windkraftwerks kontinuierlich zu verbessern.
Wirtschaftsforum: Wie ist Ihnen das im Laufe der Zeit gelungen?
Jean Huby: Ein Beispiel ist die Leistungssteigerung der Anlagen. Ursprünglich war jede Turbine für 5 MW ausgelegt. Durch Neuzertifizierung und technische Optimierungen erreichen wir bei Volllast inzwischen 5,5 MW. Die Gesamtkapazität der Netzeinspeisung bleibt zwar unverändert, doch diese Flexibilität ermöglicht es anderen Turbinen, die Leistung auszugleichen, wenn eine Anlage vorübergehend in Störung ist. Das ist besonders während der windreichen Wintermonate sehr vorteilhaft. Darüber hinaus entwickeln wir unsere Wartungsstrategien kontinuierlich weiter. Durch die Analyse von Betriebsdaten passen wir Inspektionsintervalle an und konzentrieren uns gezielt auf die Komponenten, die tatsächlich Aufmerksamkeit benötigen. Das senkt die Kosten, erhöht die Sicherheit und verbessert die Verfügbarkeit der Anlagen.
Wirtschaftsforum: Offshore-Betrieb gilt als besonders anspruchsvoll. Was sind Ihre größten operativen Herausforderungen?
Jean Huby: Die Erreichbarkeit ist ein entscheidender Faktor. Der Windpark befindet sich in einer abgelegenen und rauen Umgebung, sodass der Zugang zu den Anlagen insbesondere im Winter schwierig sein kann. Deshalb versuchen wir, Offshore-Einsätze auf ein Minimum zu reduzieren. Je seltener wir Personal auf See schicken müssen, desto sicherer und effizienter wird der Betrieb. Gleichzeitig stellt die alternde Infrastruktur eine Herausforderung dar. Komponenten werden nicht mehr produziert und Lieferanten nehmen Produkte aus ihrem Sortiment. Deshalb müssen wir solche Entwicklungen frühzeitig erkennen und rechtzeitig Lösungen entwickeln, damit die Turbinen weiterhin zuverlässig arbeiten.
Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielen Digitalisierung und Software heute in Ihrem Betrieb?
Jean Huby: Digitalisierung ist ein zentraler Bestandteil unseres Geschäfts. Windenergieanlagen werden im Wesentlichen durch Software gesteuert, weshalb wir ein eigenes Team haben, das Systeme entwickelt und kontinuierlich aktualisiert. Häufig programmieren wir zusätzliche Softwareebenen, um moderne Funktionen mit bestehenden Altsystemen zu verbinden. Auch künstliche Intelligenz hilft uns dabei, produktiver zu arbeiten, insbesondere in der Programmierung und Datenanalyse. Gleichzeitig achten wir sehr auf Datensicherheit und den Schutz geistigen Eigentums und bei der KI-Nutzung wird letztendlich immer ein Mensch involviert, nach dem „human in the loop“ Prinzip. Cybersicherheit hat höchste Priorität, schließlich gehört Offshore-Windenergie zur kritischen Infrastruktur.
Wirtschaftsforum: Wie entwickelt sich Ihr Geschäftsmodell angesichts auslaufender Förderprogramme?
Jean Huby: Die anfänglichen Einspeisevergütungen waren entscheidend für die Finanzierung der ersten Offshore-Projekte. Diese Förderung läuft inzwischen aus. Wir haben den Übergang zu marktbasierten Modellen vollzogen, unter anderem durch die Stromversorgung industrieller Anwendungen wie der Wasserstoffproduktion. Auch ohne Subventionen arbeitet das Projekt profitabel, solange die Fundamente unseres Windparks halten- nach unseren Berechnungen, bis Ende der 2030-er Jahre
Wirtschaftsforum: Wie beurteilen Sie die Zukunft der Offshore-Windenergie in Deutschland?
Jean Huby: Offshore-Windenergie ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Energiewende, insbesondere weil sie im Winter hohe Stromerträge liefert, wenn die Solarstromproduktion geringer ausfällt und die Wärmepumpen laufen müssen. Die Branche braucht jedoch weniger neue Subventionen als vielmehr verlässliche Rahmenbedingungen: stabile Netzanschlüsse, weniger Bürokratie und eine leistungsfähigere Infrastruktur.
Wirtschaftsforum: Was motiviert Sie persönlich?
Jean Huby: Der Nutzen unserer Arbeit ist unmittelbar sichtbar. Seit wir den Windpark übernommen haben, konnten nach unserer Schätzung rund 6 Millionen t CO₂-Emissionen vermieden werden. Das ist ein bedeutender Beitrag für die Gesellschaft.









