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Noch viel zu oft werden Frauen und Wirtschaft als Gegensatz wahrgenommen

Interview mit Jasmin Arbabian-Vogel, Präsidentin des Verbandes deutscher Unternehmerinnen (VdU)

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Wirtschaftsforum: Frau Arbabian-Vogel, im August veröffentlichte KfW Research eine Studie, nach welcher der Anteil von Frauen in den Chefetagen des deutschen Mittelstands sowie bei Gründungen in den letzten Jahren gesunken ist. Inwiefern können Sie beim VdU diese Entwicklung bestätigen?

Jasmin Arbabian-Vogel: Die KfW-Studie ist uns natürlich bekannt und wir beobachten diesen „Negativ-Trend“ mit großer Sorge. Lediglich der Anteil von Frauen in den Kontrollgremien ist – nicht zuletzt als direkte Folge des Quoten-Gesetzes“— gestiegen und hat sich bei knapp unter 30% eingependelt.

Der Anteil an Frauen in den Vorstands-Gremien jedoch ist nahezu unverändert und liegt bei derzeit 6%. Hier geht tatsächlich ein hohes Maß an wertvoller Expertise und guten Eigenschaften, die Frauen mitbringen, verloren und dies zu einem Zeitpunkt, in dem noch nie so sehr um Fachkräfte gerungen und konkurriert wurde wie heute.

Auch der Rückgang an Frauen als Gründerinnen bereitet uns Sorge. Jedoch müssen wir auch feststellen, dass die Zahl der Gründungen in Deutschland insgesamt rückläufig ist, da der Arbeitsmarkt derzeit für gut qualifizierte Menschen viele Möglichkeiten bietet.

Verbandsintern verzeichnen wir seit einiger Zeit jedoch einen sehr deutlichen Mitgliederzuwachs. Die deutschen Unternehmerinnen setzen sich sehr intensiv dafür ein, mehr Frauen für die Übernahme unternehmerischer Verantwortung zu begeistern. Dabei geht es vor allem darum, erfolgreiche Unternehmerinnen als Role Models stärker in den Fokus der öffentlichen Wahrnehmung zu bringen.

Hierzu haben wir im vergangenen Jahr mit dem Next Generation Award einen Preis aus der Taufe gehoben, der hervorragende Nachfolgerinnen auszeichnet. Sicher nicht von ungefähr hat Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier die Schirmherrschaft für diese besondere Auszeichnung übernommen – zeigt es, dass wir in der deutschen Wirtschaft mehr unternehmerisch aktive Frauen brauchen.

„Auch der Rückgang an Frauen als Gründerinnen bereitet uns Sorge. Jedoch müssen wir auch feststellen, dass die Zahl der Gründungen in Deutschland insgesamt rückläufig ist, da der Arbeitsmarkt derzeit für gut qualifizierte Menschen viele Möglichkeiten bietet.“ Jasmin Arbabian-Vogel

Wirtschaftsforum: Ihre Vorgängerin Stephanie Bschorr sprach im zurückliegenden Interview über die nicht vorhandene gleichberechtigte Teilhabe an der Führungsverantwortung von Frauen hierzulande. Ist so eine gleichberechtigte Teilhabe ohne gesetzliche Maßnahmen überhaupt zu erreichen?

Jasmin Arbabian-Vogel: Natürlich braucht es die richtigen rechtlichen Rahmenbedingungen: Allen voran die gesetzlich garantierte volle Geschäftsfähigkeit, also das Recht jeder Frau, frei über Art und Umfang ihrer wirtschaftlichen Betätigung zu entscheiden. Wir vergessen gern, dass dieses Recht auch in Deutschland noch bis in die siebziger Jahre eingeschränkt war: Bis dahin entschied der Ehemann, ob eine Frau ein Bankkonto eröffnen oder eine Arbeitsstelle annehmen konnte.

Gefragt ist der Gesetzgeber auch bei den strukturellen Rahmenbedingungen: Erst eine gute und verlässliche Betreuungsinfrastruktur entlastet Eltern und insbesondere Frauen von Erziehungs- und Pflegeaufgaben für Kinder oder ältere Menschen. Hier ist schon viel geschehen, aber es besteht weiterer Verbesserungsbedarf. Nötig wären auch bessere steuerliche Erwerbsanreize für Frauen: der Gesetzgeber sollte sich endlich an eine Reform des Ehegattensplittings heranwagen!

Aber neben solchen aus unserer Sicht falschen Anreiz-Systemen gibt es auch positive Rahmensetzungen, die Frauen zum Beispiel das Vordringen in Führungspositionen erleichtern. Wichtigstes Beispiel ist – wie bereits erwähnt – die gesetzliche Aufsichtsratsquote für börsennotierte und mitbestimmungspflichtige Unternehmen. Die deutschen Unternehmerinnen waren übrigens als einziger Wirtschaftsverband dafür und die Zahlen der letzten Jahre in Bezug auf die Entwicklung des Frauenanteils in den Aufsichtsgremien geben uns recht.

Allerdings haben wir als Verband auch stets die Position vertreten, eine Quote für Vorstände abzulehnen, da dies zu stark in die operative Entscheidungsebene eingreifen würde und zudem die unternehmerische Selbstbestimmung stark untergraben würde.

Wirtschaftsforum: Zuletzt äußerten Sie sich kritisch zum geplanten Rentenpaket der Bundesregierung. Welche Reaktionen erhielten Sie darauf aus Politik und Wirtschaft?

Jasmin Arbabian-Vogel: Mit den Kolleginnen und Kollegen aus den anderen Wirtschaftsverbänden sind wir uns einig in der Bewertung dieses rentenpolitischen Aktionismus, der ungedeckte Wechsel auf die Zukunft ausstellt und stark zulasten von Beitrags- und Steuerzahlern geht. Und in der Politik sind ja immer dicke Bretter zu bohren – da bleiben wir dran.

Wirtschaftsforum: Sie selbst sind seit Juni des Jahres Präsidentin des Verbandes deutscher Unternehmerinnen. Welche Vorhaben des VdU möchten Sie in Ihrem Amt besonders nach vorne bringen?

Jasmin Arbabian-Vogel: Vor allem drei Punkte: Erreichtes festigen und Erfolge fortschreiben – als Stichworte seien hier die Aufsichtsratsquote und das VdU-Engagement für international tätige Unternehmerinnen genannt. Die Quote wirkt, und das ist gut so. Und nach dem Erfolg der Women20 im vergangenen Jahr werden die deutschen Unternehmerinnen ihren internationalen Einsatz für Frauen in der Wirtschaft fortführen, sowohl auf der G20-Ebene als auch im Dachverband der weltweiten Unternehmerinnenverbände, dem FCEM.

Zweitens gilt es, unser Netzwerk weiter auszubauen – es liegt mir besonders am Herzen, den Austausch miteinander, auch den geschäftlichen, durch moderne Plattformen zu stärken, persönlich in unseren über 300 VdU-Events jährlich ebenso wie digital zum Beispiel mit unserer neuen Members App.

Als Drittes ist mir besonders wichtig, die Zukunft unserer Sozialen Marktwirtschaft in den Blick zu nehmen: Wie sichern wir Wettbewerbsfähigkeit und Wohlstand in unserem Land? Wie gestalten wir eine sinnvolle Flexibilisierung in der Arbeitswelt von morgen angesichts der digitalen Herausforderungen? Welche Regulierung brauchen wir in der deutschen Wirtschaft noch, welche schnüren unternehmerische Entwicklungsmöglichkeiten und Wünsche der Beschäftigten eher ein?

„Gerade im Vergleich zu meiner Teil-Heimat Iran habe ich es hoch geschätzt, hier gleichberechtigt alle Bildungschancen auszuschöpfen und auch mein erstes Unternehmen gründen zu können.“ Jasmin Arbabian-Vogel

Wirtschaftsforum: Zum Schluss noch eine persönliche Frage: Gibt es für Sie ein Land, in dem Unternehmertum von Frauen beispielhaft vorgelebt wird? Wenn ja, welche Gründe würden Sie dafür anführen?

Jasmin Arbabian-Vogel: Wenn Sie mich so persönlich fragen: In meiner Biografie war und ist Deutschland das Land der wunderbaren freiheitlichen Möglichkeiten. Gerade im Vergleich zu meiner Teil-Heimat Iran habe ich es hoch geschätzt, hier gleichberechtigt alle Bildungschancen auszuschöpfen und auch mein erstes Unternehmen gründen zu können.

Trotzdem würde ich Deutschland nicht als ausschließlich vorbildlich in Sachen Unternehmertum und Frauen beschreiben. Das liegt vor allem am gesellschaftlichen Klima: Wertschätzung für unternehmerischen Geist ist bei uns nicht wirklich präsent, obwohl Wohlstand und Wirtschaft doch immer zusammengedacht werden müssen.

Dazu kommt, dass leider noch viel zu oft Frauen und Wirtschaft als Gegensatz wahrgenommen werden. Das bildet unsere Wirklichkeit doch längst nicht mehr ab – der Unternehmerinnenverband ist seit fast fünfundsechzig Jahren der lebendige Beweis dafür!

Ich wünsche mir also mehr Offenheit für Unternehmertum, mehr bewusste Wahrnehmung für den Beitrag von Frauen zur Wirtschaftskraft unseres Landes – und nicht zu vergessen, dass wir auf dem Weg in eine gleichberechtigte Zukunft endlich dieses altbackene Familienbild hinter uns lassen, das Rollenbilder von vorgestern kultiviert.

Interview: Markus Büssecker / Fotos: VdU

Lesen Sie auch unser Interview von 2017 mit der damaligen Präsidentin des VdU, Stephanie Bschorr: „Frauen und ihr Beitrag zur Wirtschaftsleistung in Deutschland wurden jahrzehntelang unterschätzt“

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