Nicola Beer: Die liberale Welthandelsordnung gegen Protektionismus und Populismus verteidigen

Interview mit Nicola Beer, MdB und FDP-Spitzenkandidatin zur Europawahl 2019

Wirtschaftsforum: Frau Beer, in den letzten Wochen vor der Europawahl sind Sie auf vielen regionalen Terminen und Veranstaltungen zugegen. Wie wichtig ist diese Präsenz tatsächlich für Ihr mögliches Wirken auf europäischer Ebene?  

Nicola Beer: Wir Freien Demokraten empfinden echte Begeisterung für Europa. Diese Begeisterung wollen wir auch bei den Bürgerinnen und Bürgern wieder voll entfachen und deshalb die EU umfassend und in deren Interesse reformieren. Damit sie nicht nur redet, sondern wieder liefert. Für die Menschen. Denn die EU ist kein Selbstzweck, sondern legitimiert sich durch das, was sie ihren Bürgerinnen und Bürgern bietet – Friede, Freiheit, Wohlstand und Teilhabe. Dafür wollen wir mit den Menschen im Gespräch sein. Sie wieder begeistern. Jetzt und auch nach der Wahl. Dazu sind wir vor Ort, hören zu, diskutieren. Klaus Kinkel hat es einmal so formuliert: „Europa wächst nicht aus seinen Verträgen. Europa wächst aus dem Herzen der Menschen. Oder gar nicht.“

Nicola Beer, MdB und FDP-Spitzenkandidatin zur Europawahl 2019
„Die EU ist kein Selbstzweck, sondern legitimiert sich durch das, was sie ihren Bürgerinnen und Bürgern bietet – Friede, Freiheit, Wohlstand und Teilhabe.“ Nicola Beer

Wirtschaftsforum: Die Politik der FDP hat immer auch wirtschaftliche Bereiche im Programm. Sie wollen sich im Freihandel besonders engagieren. Warum?  

Nicola Beer: Der Freihandel ist eine zentrale Säule und Motor des Wohlstands in Europa. Er schafft Grundlagen für Beschäftigung und Einkommen. Bei uns und in den Ländern, mit denen wir Handel treiben. Waren und Dienstleistungen aus aller Welt sind Normalität geworden. Sie bereichern unseren Alltag. Deshalb müssen wir unsere liberale Welthandelsordnung gegen die Stimmen des Protektionismus und des Populismus von rechts und links verteidigen. Das geht nur als EU gemeinsam. Allein ist jeder Mitgliedstaat zu schwach. Ferner streben wir langfristig eine weltweite Freihandelsordnung im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) an – diese Organisation wollen wir als zentralen Ort zur Schaffung eines fairen und regelbasierten globalen Welthandelssystems mit einem effektiven System der Streitbeilegung stärken und sie so fit für das 21. Jahrhundert machen.

„Wir müssen die Digitalunion vollenden: Glasfaser bis zur Haustür muss in der EU Standard werden.“ Nicola Beer
Nicola Beer, MdB und FDP-Spitzenkandidatin zur Europawahl 2019

Wirtschaftsforum: Stichwort Digitalisierung: Da zählt Deutschland unter Experten oft als Schlusslicht in der Entwicklung. Teilen Sie diese Ansicht?

Nicola Beer: Die Digitalisierung verändert die Welt grundlegend. Sie bietet für Bürgerinnen und Bürger sowie die Wirtschaft in Europa enorme Potenziale. Doch leider hinkt Deutschland hinterher: bei schnellem Internet und Mobilfunk der 5G-Generation, bei digitaler Bildung und E-Government. Hier müssen wir in Deutschland Tempo machen und zugleich das Thema europäisch denken – wir müssen die Digitalunion vollenden: Glasfaser bis zur Haustür muss in der EU Standard werden. Außerdem fordern wir einen digitalen Binnenmarkt mit gemeinsamen europäischen Standards. Wir brauchen Digitale Freiheitszonen als Experimentierräume für die Entwicklung neuer Ideen, neuer Technologien, bevor die komplette Regulierung zuschlägt. Ein Europa der Innovation kann so weltweit zum Vorreiter werden, zum Beispiel wenn wir die Stärken unserer Industrie mit der digitalen Welt verbinden. Oder auch für Datensicherheit und so Standards setzen.

Wirtschaftsforum: Die Diskussionen um Klimaschutz hat zuletzt die Schlagzeilen dominiert. Was konkret möchte die FDP mit Blick auf Europa erreichen?

Nicola Beer: Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist, dass Klimapolitik eine globale beziehungsweise europäische Aufgabe ist. Unser Ziel ist eine Politik, die nicht auf Technikvorgaben und Verbote setzt, sondern den Wettbewerb emissionsarmer Energieträger fördert und in die Kraft neuer Technologien und die Kreativität des Marktes vertraut. Wir wollen ambitionierte Ziele für den Klima- und Umweltschutz vorgeben, für den Weg dorthin aber die Innovationskraft von Wissenschaft und Wirtschaft in den Dienst der Umwelt stellen. Wir müssen den CO2-Emissionen daher durch einen weltweit vereinbarten Emissionshandel einen Preis geben und so Investitionen in deren Vermeidung rentabel machen. Dieser Preis muss alle Sektoren umfassen – also Strom, Wärme, Mobilität und Transport. Die Menge der immer weiter zu reduzierenden Zertifikate erfolgt aus den internationalen Klimazielen.

Nicola Beer, MdB und FDP-Spitzenkandidatin zur Europawahl 2019
„Wir schlagen daher vor, dass EU-Mitgliedstaaten im eigenen Land nicht erreichte CO2-Einsparungsziele gegen die Finanzierung von ebenso wirksamen, aber kostengünstigeren CO2-Einsparungen in Ländern außerhalb der EU verrechnen können.“ Nicola Beer

Damit lässt sich dort ansetzen, wo es für das Klima schnell am meisten bringt, also wo große Mengen CO2-Emissionen mit relativ geringem Aufwand schnell vermieden werden können und wo künftig das größte Wachstum an Energiebedarf eintreten wird. Statt in der EU, wird sich das eher in Asien, Afrika und Lateinamerika abspielen – und hier können europäische Technologien wesentlich mit dazu beitragen. Das muss durch europäische Forschungsprojekte gefördert werden. Wir schlagen daher vor, dass EU-Mitgliedstaaten im eigenen Land nicht erreichte CO2-Einsparungsziele gegen die Finanzierung von ebenso wirksamen, aber kostengünstigeren CO2-Einsparungen in Ländern außerhalb der EU verrechnen können. Technologieoffen, europäisch und weltweit. Markwirtschaftlich. Darum geht es.

Wirtschaftsforum: Abschließend eine persönliche Frage: Wahltermin ist der 26. Mai. Wie werden Sie selbst diesen Tag gestalten?

Nicola Beer: Am Wahltag werde ich vor allem eins tun – wählen gehen. Und ich möchte Sie alle dazu aufrufen, es ebenso zu tun. Denn wir dürfen Europa weder dem „Weiter-so“ der Großen Koalition in Brüssel noch den Populisten von links und rechts überlassen. Und dann hoffe ich natürlich auf ein gutes Ergebnis – für ein bürgernahes, liberales Europa, das seine Chancen nutzt. Kurz: für ein Europa, dass wieder leuchtet.

Mehr zu Nicola Beer

Interview: Redaktion | Foto: Laurence Chaperon

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema Digitalisierung

Digitale Dynamik für den Praxiserfolg

Interview mit Ralf Buchner, Geschäftsführer der Buchner & Partner GmbH

Digitale Dynamik für den Praxiserfolg

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen ist ein vielschichtiges Thema – insbesondere dort, wo moderne IT-Systeme auf stark regulierte Abläufe, sensible Patientendaten und ein breites Spektrum an Berufsgruppen treffen. Die Buchner &…

Arbeitssicherheit strategisch gedacht

Interview mit Marc Riegel, Geschäftsführer und Jennifer Stöckel, Chief of Staff der SAFETEE GmbH

Arbeitssicherheit strategisch gedacht

Globale Krisen, geopolitische Spannungen und wachsende Anforderungen an Großprojekte verändern die Rahmenbedingungen der Arbeitssicherheit spürbar. Wie Unternehmen auch unter unsicheren Vorzeichen handlungsfähig bleiben und Sicherheit strategisch verankern, zeigt die SAFETEE…

Wenn Kollaboration zum Wettbewerbsvorteil wird

Interview mit Christopher Neuwirth, Geschäftsführer der Meondi GmbH

Wenn Kollaboration zum Wettbewerbsvorteil wird

Der Mittelstand muss schneller innovieren und Digitalisierung konsequent nutzen. Die Meondi GmbH aus Stuttgart unterstützt vor allem Maschinenbauunternehmen dabei, Strategie zügig in messbare Umsetzung zu bringen – durch eine klare…

Spannendes aus der Region

Café-Kultur trifft Backstube

Interview mit Gürol Gür, Geschäftsführer der Schanzenbäckerei GmbH

Café-Kultur trifft Backstube

Das Bäckerhandwerk steht unter hohem Veränderungsdruck: Hohe Energie- und Rohstoffkosten, steigende Löhne, Ansprüche an Sortiment und Service sowie der Fachkräftemangel zwingen Betriebe dazu, ihre Strukturen kontinuierlich weiterzuentwickeln. Gleichzeitig bleibt der…

„Uns liegt der Mehrwert unserer Kunden am Herzen!“

Interview mit Christian Kreutzer, Vertriebsleiter der Gawronski GmbH

„Uns liegt der Mehrwert unserer Kunden am Herzen!“

Mit ihrer sogenannten Goodyear-Palette, die im Reifensegment inzwischen zum Branchenstandard avanciert ist, hat sich die Gawronski GmbH längst einen Namen gemacht. Inzwischen engagiert sich das Unternehmen auch mit Förderbändern und…

Im (Material-)Fluss bleiben

Interview mit Patrick Schlotter, Geschäftsführer der Flexco Europe GmbH

Im (Material-)Fluss bleiben

In Zeiten geopolitischer Unsicherheiten, volatiler Lieferketten und steigender Anforderungen an Effizienz und Anlagenverfügbarkeit rückt die Zuverlässigkeit industrieller Prozesse zunehmend in den Fokus. Gerade in automatisierten Materialflüssen sind stabile, wartungsarme Lösungen…

Das könnte Sie auch interessieren

DEHOGA-Präsident Guido Zöllick: „Die im Konjunkturpaket der Bundesregierung vorgesehenen Überbrückungshilfen greifen zu kurz!“

Interview mit Guido Zöllick, Präsident des DEHOGA Bundesverbandes

DEHOGA-Präsident Guido Zöllick: „Die im Konjunkturpaket der Bundesregierung vorgesehenen Überbrückungshilfen greifen zu kurz!“

Die Gastronomie und Hotellerie sind von den Folgen der COVID19-Pandemie mit am schwersten getroffen. Zwar durften Restaurants und Hotels inzwischen wieder ihre Türen öffnen, allerdings unter Einhaltung konsequenter Hygiene- und…

Wir senken die Lohnsteuer, damit den Menschen mehr zum Leben bleibt

Interview mit Dr. Margarete Schramböck, Bundesministerin für Digitalisierung und Wirtschaftsstandort Republik Österreich

Wir senken die Lohnsteuer, damit den Menschen mehr zum Leben bleibt

Bislang als eine der Top-Skiregionen weltweit bekannt, erlangte Ischgl im Frühjahr dieses Jahres auf ganz andere Art und Weise Bekanntheit: als einer der europäischen Corona-Hot-Spots. Die österreichische Regierung reagierte schnell…

Nachhaltig, kundenorientiert und vielfältig

Interview mit Erik Füssgen, Geschäftsführer der Stadtwerke Oberkirch GmbH

Nachhaltig, kundenorientiert und vielfältig

Die Herausforderungen durch Klimawandel und Energiewende machen vor regionalen Energieversorgern nicht halt. Neue Bereiche wie E-Mobilität, Klimaschutz beim Gas oder nachhaltiger Nahverkehr sind Aspekte, die auch die Stadtwerke Oberkirch GmbH…

TOP