Das einfache (und doch nicht triviale) Produktivitätstool
Interview mit PD Dr. Peter Kuhlang, Geschäftsführer der MTM SOLUTIONS GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Kuhlang, die Grundidee von MTM (Methods-Time Measurement) ist einfach und seit Langem in verschiedensten Branchen etabliert. Wie genau unterstützen Sie dort mit Ihrem Verein und Ihrem Unternehmen?
PD Dr. Peter Kuhlang: Die gemeinnützige MTM ASSOCIATION e. V. und ihre Tochtergesellschaft, die MTM SOLUTIONS GmbH, sind weltweit tätig, um die Implementierung der MTM-Methode weiter voranzutreiben. Unser Unternehmen leistet dabei eine umfassende Unterstützung im Feld samt der Ausgestaltung von verschiedenen technologischen Plattformen und der Entwicklung der dazu benötigten Software.
Wirtschaftsforum: Im Kern soll mit MTM die Basis für eine faire Leistungsbewertung geschaffen werden – wo liegen dabei die zentralen Problemstellungen?
PD Dr. Peter Kuhlang: Im Grunde funktioniert das System wie der Bau eines Hauses – nur eben mit einzelnen Prozessbausteinen anstatt mit Ziegeln. Aus diesen Elementen bauen wir den jeweiligen Arbeitsablauf zusammen, beschreiben ihn im Detail und ermitteln dann die Dauer, die zu seiner ordnungsgemäßen Ausführung mit allen damit vielleicht verbundenen Schwierigkeiten erforderlich ist. Daraus ergibt sich die sogenannte Grundzeit, zu der dann noch verschiedene Zuschläge addiert werden müssen. Am Ende stehen somit eine faire, nachvollziehbare Leistungsbewertung sowie eine seriöse Basis für die Kalkulation von Prozesskosten und Angeboten.
Wirtschaftsforum: Nicht zuletzt aufgrund der fortschreitenden Digitalisierung und Automatisierung verändern sich die Prozesse in der Industrie derzeit durchgreifend – muss sich damit auch MTM verändern?
PD Dr. Peter Kuhlang: Nein, denn der Mensch an sich verändert sich ja nicht, sondern eben nur die Technologie. MTM als Methode ermittelt weiterhin die Benchmark für die Arbeitsleistung, aus der sich dann idealerweise strukturell die weitere Kalkulation ergibt. Die grundsätzliche Herangehensweise bleibt dieselbe – genauso wie uns der Urmeter seit der industriellen Revolution erhalten geblieben ist. Natürlich unterstützen wir aber die Unternehmen bei der Anpassung an die vielfältigen neuen technologischen Anforderungen, die die Automatisierung und Digitalisierung mit sich bringen – von KI und Videoaufnahmen bis VR.
Wirtschaftsforum: Wo liegen die beliebtesten Fehlerquellen beim MTM-Verfahren?
PD Dr. Peter Kuhlang: Manche glauben, es nicht lernen zu müssen, weil sie irgendwann einmal im Studium etwas davon gehört haben. Doch MTM ist schon ein Expertentool, das im Detail durchaus diffizil sein kann, auch wenn die Digitalisierung hier eine völlig neue Breitenwirkung schafft. Gleichzeitig wird die Bezugsleistung von MTM als Grundlage für Industrieprozesse bisweilen missverstanden. MTM ermöglicht Produktivitätssteigerungen, aber genauso eben auch eine Verbesserung des Arbeitsschutzes. Denn es gibt durchaus Branchen, in denen heute wohl keine fairen Leistungserwartungen an die Belegschaft herrschen; man denke beispielsweise an Paketzusteller. MTM kann somit für alle Beteiligten – die Unternehmensführung wie die Beschäftigten – eine neutrale und seriöse Grundlage für die Ausgestaltung ihrer Arbeitsprozesse schaffen. Gerade angesichts des rasanten technologischen Wandels sind Vergangenheitswerte dafür sicherlich nicht die ideale Ausgangsbasis, schlicht weil dabei überhaupt nicht bedacht wird, welche Leistung eigentlich möglich wäre.
Wirtschaftsforum: Die deutsche Industrie steckt nun schon seit etlichen Jahren in der Krise. Sehen Sie einen Ausweg?
PD Dr. Peter Kuhlang: Ich finde, es gibt zu wenig Zuversicht. In Deutschland wird gerne alles zerredet, die Entscheidungsprozesse dauern ewig und am Schluss steht nur selten der große Wurf. Natürlich sind die politischen Rahmenbedingungen derzeit nicht die besten. Doch gerade im Mittelstand herrscht eine enorme Kompetenz. Die Qualität der deutschen Produkte und die Ingenieurskunst dieses Landes sind enorm – wir haben aber unseren bekannten Produktivitätsfokus verloren, dessen Kern eben Leistung lautet. Die Automobilindustrie hat vorgemacht, wie man eine planbare Massenproduktion bei hohen Qualitätsansprüchen zielgerichtet umsetzen kann. Dieser Erkenntnisse könnten sich nun auch viele andere Branchen bedienen, allen voran vielleicht die Rüstungsindustrie, in die derzeit sehr viel Steuergeld fließt: denn dadurch wird eine höchstmögliche Produktivität nur umso wichtiger.









