Wiegen im Millisekundentakt
Interview mit Dr. Thomas Hartmann, Geschäftsführer der Mettler-Toledo Garvens GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Hartmann, die Mettler-Toledo Garvens GmbH blickt auf eine lange Geschichte zurück. Welche Meilensteine haben den Standort geprägt?
Dr. Thomas Hartmann: Wir sind hier seit 1900, als die Firma Garvens Waagen gegründet wurde. Ein entscheidender Meilenstein war die Entwicklung einer der ersten dynamischen Waagen, also einer Waage mit Förderband, die während der Bewegung wiegt. 1987 wurden wir von Mettler übernommen, 1989 schlossen sich Mettler und Toledo zusammen. Seitdem sind wir ein Zentrum für dynamisches Kontrollwägen, haben ein zweites Werk aufgebaut und produzieren die Kontrollwaagen für den gesamten europäischen Raum.
Wirtschaftsforum: Wie ist der Standort heute aufgestellt?
Dr. Thomas Hartmann: Wir haben rund 360 Beschäftigte. Etwa 60 bis 65 davon arbeiten im Vertriebs- und Serviceteam, die übrigen in
Produktion, Engineering und Produktmanagement. Neben Kontrollwaagen gehören Metalldetektoren, Röntgeninspektionsgeräte und optische Systeme zu unserem Portfolio. Wir produzieren hier die Kontrollwaagen und vermarkten die komplette Produktpalette für den deutschen Markt, die bei Mettler-Toledo unter dem Begriff Produktinspektion zusammengefasst wird.
Wirtschaftsforum: Auf welche Branchen fokussieren Sie sich?
Dr. Thomas Hartmann: Im Wesentlichen auf die Lebensmittelproduktion und die Pharmazie. In der Lebensmittelproduktion geht es um Robustheit: Die Waagen müssen verschiedenen Reinigungsprozessen standhalten, ob in der Fleischindustrie oder bei der Butterherstellung. Gleichzeitig sind es hochpräzise Instrumente, die bei sehr hoher Geschwindigkeit innerhalb von Millisekunden ein Wägeergebnis liefern. In der Pharmazie kommen höhere Anforderungen an Nachweisbarkeit und Reporting hinzu. Unsere Kunden reichen von Großkonzernen über Mittelständler bis zu Familienunternehmen mit ein bis zwei Produktionslinien.
Wirtschaftsforum: Was unterscheidet Sie von Wettbewerbern?
Dr. Thomas Hartmann: Im Hochgeschwindigkeitsbereich sind wir Marktführer, etwa bei kleinen Produkten wie Riegeln oder Snacks, einem stark wachsenden Segment. Ein weiterer Punkt ist die Software: Wir haben Kunden, die die letzten 2% der Funktionalität ausreizen, und Kunden, die nur Ein- und Ausgabe benötigen. Das in einer Architektur abzubilden, ist ein großer Spagat, der uns gut gelingt. Und am Ende steht und fällt alles mit dem Service. In der Lebensmittelproduktion können sich unsere Kunden bei Ausfällen kaum Stillstand leisten. Wir bieten einen 24/7-Service und sind am nächsten Tag vor Ort.
Wirtschaftsforum: Die vergangenen Jahre haben die Industrie vor etliche Herausforderungen gestellt. Wie hat Ihr Unternehmen das gemeistert?
Dr. Thomas Hartmann: Während der Pandemie waren wir eine der ganz wenigen Firmen, die voll verfügbar geblieben sind. Unsere Techniker sind weiterhin zu den Kunden gefahren, auch für die vorgeschriebenen Eichungen. Das haben die Kunden geschätzt, und es hat uns bei Neuverkäufen über einige Jahre geholfen. Als dann die Lieferkettenprobleme kamen, hat uns die weltweite Supply Chain von Mettler-Toledo aufgefangen: Durch die Zusammenarbeit verschiedener Units konnten wir Komponenten trotzdem zügig beschaffen. Das ist ein Vorteil, wenn man als mittelständischer Standort in eine Konzernstruktur eingebettet ist.
Wirtschaftsforum: Gerade kleinere und mittelständische Unternehmen achten stark auf die Kosten. Wie stellen Sie sich darauf ein?
Dr. Thomas Hartmann: Wir haben in den vergangenen vier bis fünf Jahren ein Einstiegsportfolio auf den Markt gebracht, bei dem die Kunden gute Qualität zu einem bezahlbaren Preis bekommen. Das gibt es in allen drei Bereichen: Kontrollwaagen, Metalldetektion und Röntgeninspektion. Mittelständische Kunden stehen vor eigenen Herausforderungen, und die Inspektionsgeräte müssen bezahlbar sein, damit sie die hohen Qualitätsansprüche ihrer Kunden erfüllen können.
Wirtschaftsforum: KI ist derzeit in aller Munde. Wie setzen Sie die Technologie ein?
Dr. Thomas Hartmann: Intern investiert Mettler sehr stark in KI-Tools für die tägliche Arbeit. Ein wichtiges Thema ist das Wissensmanagement: Erfahrene Mitarbeitende gehen irgendwann in Rente, und deren Know-how wollen wir mithilfe KI-gestützter Knowledge Hubs erhalten. Auf Kundenseite haben wir seit der Interpack in Düsseldorf KI-Algorithmen in unserer Metalldetektion und Röntgeninspektion im Einsatz. Die Ergebnisse bei der Fremdkörpererkennung verbessern sich dadurch deutlich. Manche Kunden haben mit ihrer Bestellung extra gewartet, um das KI-Feature zu bekommen. Wir sind optimistisch, dass wir es in naher Zukunft serienmäßig anbieten können.
Wirtschaftsforum: Welche Themen stehen für die Zukunft auf der Agenda?
Dr. Thomas Hartmann: Ein klarer Fokus liegt auf der Cybersicherheit unserer Anlagen. Die Systeme sind zunehmend vernetzt und in Kundennetzwerke eingebettet und müssen vor Angriffen von außen geschützt werden. Gleichzeitig wollen die Kunden immer stärker mit den produzierten Daten arbeiten – etwa mit Auswertungen zu Füllmengen oder automatisierten Testroutinen für Metalldetektoren und Röntgengeräte, um den manuellen Aufwand bei Audits zu reduzieren. Das sind Themen, bei denen sich in den nächsten Jahren viel um Software drehen wird. Unsere Kunden haben kaum noch Spielraum für Stillstandszeiten. Die Anforderung an uns lautet: Helft mir, dass die Anlage möglichst reibungslos läuft. Und da sind wir mit unseren Produkten ganz nah dran. Unsere zentrale Kernbotschaft bringt es auf den Punkt: „Inspect, Protect, Comply.“








