Ein Modell für moderne Medizin
Interview mit Dr. med. Keihan Ahmadi-Simab, geschäftsführender Gesellschafter und ärztlicher Direktor der Medizinicum GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Ahmadi-Simab, Sie waren Oberarzt und anschließend zehn Jahre Chefarzt, bevor Sie 2013 das Medizinicum gründeten. Was war der entscheidende Impuls?
Dr. med. Keihan Ahmadi-Simab: Ich war mit der Art der Patientenversorgung, wie ich sie bis dahin erlebt hatte, nicht vollständig zufrieden. Medizinisch wurde gute Arbeit geleistet, aber mir fehlten Service, Patientenorientierung und vor allem eine Struktur, die den Menschen umfassender betrachtet. Deshalb wollte ich fachärztliche Qualität mit einer besseren Organisation und einem hohen Anspruch an den Patientenservice verbinden. Daraus ist das Medizinicum entstanden.
Wirtschaftsforum: Im Mittelpunkt steht die interdisziplinäre Medizin. Was bedeutet das konkret?
Dr. med. Keihan Ahmadi-Simab: Interdisziplinär bedeutet für uns deutlich mehr als die Kooperation von zwei Fachrichtungen. Heute vereinen wir rund 30 Fachbereiche. Wenn ein Patient zu uns kommt, können unterschiedliche Spezialisten eng und unmittelbar zusammenarbeiten. Gerade bei komplexen Krankheitsbildern ist das entscheidend. Die behandelnden Ärzte kennen die Befunde, können auf gemeinsame Informationen zugreifen und ihre Therapie miteinander abstimmen. So entsteht eine Versorgung aus einer Hand.
Wirtschaftsforum: Ihre eigene Spezialisierung hat die Entwicklung des Konzepts maßgeblich beeinflusst.
Dr. med. Keihan Ahmadi-Simab: Ja. Ich bin Facharzt für Innere Medizin mit den Schwerpunkten Rheumatologie und klinische Immunologie sowie Gastroenterologie. Gerade Autoimmunerkrankungen können zahlreiche Organe betreffen. Ein Rheumatologe allein kann solche Patienten deshalb häufig nicht optimal versorgen. Aus dieser Erfahrung heraus habe ich zunächst Fachbereiche wie Neurologie, Radiologie, Labormedizin, Pneumologie und Kardiologie zusammengeführt. Nach und nach kamen weitere Disziplinen hinzu. So hat sich aus der ursprünglichen Idee ein umfassendes Zentrum für interdisziplinäre Medizin entwickelt.
Wirtschaftsforum: Begonnen haben Sie mit acht Ärzten und vier Fachbereichen. Wo steht das Medizinicum heute?
Dr. med. Keihan Ahmadi-Simab: Mittlerweile arbeiten mehr als 100 Fachärzte an acht Standorten in unserem Verbund. Im vergangenen Jahr haben wir über 150.000 Patienten behandelt. Dass sich das Konzept so entwickelt hat, zeigt uns, dass diese Form der Versorgung angenommen wird. Viele Patienten kommen aufgrund persönlicher Empfehlungen zu uns. Auch weitere Praxen sind im Laufe der Jahre auf uns zugekommen, weil sie Teil dieses interdisziplinären Verbunds werden wollten.
Wirtschaftsforum: Welche Vorteile bietet diese Struktur auch aus wirtschaftlicher Sicht?
Dr. med. Keihan Ahmadi-Simab: Sie kann unnötige Doppeluntersuchungen vermeiden und damit Kosten reduzieren. In einem stark fragmentierten System gehen Patienten teilweise von einer Praxis zur nächsten, ohne dass die beteiligten Ärzte ausreichend miteinander kommunizieren können. Bei uns können hinzugezogene Kollegen sehen, welche Untersuchungen bereits erfolgt sind und welche Medikamente verordnet wurden. Das verbessert nicht nur die Effizienz, sondern auch die Sicherheit, beispielsweise im Hinblick auf Wechselwirkungen von Arzneimitteln. Ich halte diese Struktur deshalb für ein sinnvolles Modell moderner Gesundheitsversorgung.
Wirtschaftsforum: Gleichzeitig stehen medizinische Einrichtungen unter erheblichem wirtschaftlichem Druck. Wie erleben Sie die aktuelle Situation?
Dr. med. Keihan Ahmadi-Simab: Wir sehen starke Kostensteigerungen – bei Mieten, Energie und insbesondere beim Personal. Gleichzeitig können medizinische Leistungen nicht wie in anderen Branchen einfach neu bepreist werden. Die Vergütung ist durch feste Strukturen und Kataloge geregelt, die mit der Kostenentwicklung aus meiner Sicht nicht ausreichend Schritt gehalten haben. Für medizinische Unternehmen wird es dadurch zunehmend schwieriger, hohe Versorgungsqualität und wirtschaftliche Stabilität miteinander zu verbinden.
Wirtschaftsforum: Hat dieser Druck Auswirkungen auf die Versorgung im Medizinicum?
Dr. med. Keihan Ahmadi-Simab: Unser wichtigster Maßstab bleibt die gute Patientenversorgung. Wir sind in erster Linie Ärzte und tragen Verantwortung für die Gesundheit der Menschen. Daran wollen wir trotz schwieriger Rahmenbedingungen festhalten. Natürlich müssen auch wir wirtschaftlich arbeiten. Aber unser Ziel ist es, die Strukturen so zu organisieren, dass die Patientenversorgung darunter möglichst nicht leidet.
Wirtschaftsforum: Was wünschen Sie sich von der Gesundheitspolitik?
Dr. med. Keihan Ahmadi-Simab: Ärzte sollten bei wesentlichen Entscheidungen zur Gesundheitsversorgung deutlich stärker einbezogen werden. Wir erleben täglich, wie Versorgung praktisch funktioniert, wo Ressourcen sinnvoll eingesetzt werden können und wo unnötige Kosten entstehen. Diese Expertise sollte bei Reformen stärker berücksichtigt werden. Medizinische Qualität und Wirtschaftlichkeit sind keine Gegensätze. Gut organisierte Versorgung kann beides miteinander verbinden.
Wirtschaftsforum: Der Leitsatz des Medizinicum lautet „Zeit für bessere Medizin“. Was steckt für Sie dahinter?
Dr. med. Keihan Ahmadi-Simab: Der Satz hat für mich zwei Bedeutungen: Es ist höchste Zeit, Medizin anders und stärker interdisziplinär zu organisieren. Gleichzeitig braucht gute Medizin ganz konkret Zeit für den einzelnen Menschen. Eine komplexe Krankengeschichte lässt sich nicht in wenigen Minuten wirklich verstehen. Wir wollen körperliche Beschwerden betrachten, aber auch die persönliche und psychische Situation eines Patienten berücksichtigen. Wenn ich am Abend nach Hause gehe und weiß, dass wir Menschen auf diese Weise umfassend helfen konnten, dann ist das für mich der wichtigste Erfolg.








