„Bis 2030 wollen wir unseren Umsatz noch einmal verdoppeln!“
Interview mit Lucian Cira, Site General Manager von Recipharm Wasserburg

Wirtschaftsforum: Herr Cira, der Standort Wasserburg ist 50 Jahre alt und gehört seit 2010 zu Recipharm. Recipharm als Konzern ist 30 Jahre alt. Worauf liegt der Schwerpunkt Ihrer Tätigkeit am oberbayerischen Standort?
Lucian Cira: Grundsätzlich engagiert sich Recipharm in einem sehr breiten Spektrum – von festen Arzneimitteln in Tabletten-, Kapsel- und Pulverform über flüssige Darreichungsformen bis hin zu sterilen Präparaten für Injektionen. Dazu gehören Steckampullen, wie sie etwa für Impfstoffe verwendet werden, aber auch Fertigspritzen, die unter anderem in der Thromboseprävention oder bei der Verabreichung von Semaglutid zur Anwendung kommen. Als Fill-and-Finish-Standort kümmern wir uns in Wasserburg um die gesamte Abfüllung samt der Sichtung jeder produzierten Einheit. Die eigentlichen Wirkstoffe werden uns dabei entweder von unseren Kunden oder anderen Lohnherstellern
zugeliefert; bisweilen produzieren wir sie mit unserer eigenen Biotechnologiesparte aber auch selbst. Dabei verfügen wir über die erforderlichen Zulassungen für nahezu jedes Land der Welt. Stark sanktionierte Märkte beliefern wir nicht direkt, aber da einige unserer Produkte zu den essenziellen Arzneimitteln zählen, können unsere Kunden diese Märkte beliefern.
Wirtschaftsforum: In den letzten Jahren ist Ihr Standort in Wasserburg stark gewachsen – worauf führen Sie diese Dynamik zurück?
Lucian Cira: 2021 wurde Recipharm von EQT, einem der größten Fondmanager der Welt, aufgekauft, der uns systematisch beim Aufbau globaler Strukturen und der Optimierung unserer Lieferketten unterstützt. Ein weiterer wichtiger Wachstumstreiber waren zudem die umfangreichen Aufträge zur Herstellung von Corona-Impfstoffen – und auch wenn diese Verträge langsam auslaufen, liegt unser Umsatz immer noch doppelt so hoch wie vor der Pandemie, während wir unseren Personalbestand von circa 250 Mitarbeitenden auf derzeit etwa 550 Menschen aufgestockt haben.
Wirtschaftsforum: Auch in den nächsten Jahren möchten Sie weiter wachsen.
Lucian Cira: Unser Ziel ist es, unseren Jahresumsatz bis zum Jahr 2030 noch einmal zu verdoppeln. Gleichzeitig müssen wir realistisch bleiben, denn die Arbeitslosenquote liegt in unserem Ort aufgrund der Ansässigkeit vieler starker Industrieunternehmen nahezu bei null. Deshalb müssen wir nicht nur weitere kompetente und motivierte Arbeitskräfte aus einem größeren geografischen Radius für uns gewinnen, sondern zugleich unsere Prozesse straffen, insbesondere durch weitere Digitalisierungs- und Automatisierungsimpulse.
Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie dabei das größte Potenzial?
Lucian Cira: Für eine einzige produzierte Charge fallen circa 200 Seiten Dokumentation an und diese muss nicht nur erstellt, sondern auch geprüft werden. Diese Plausibilitätsprüfungen lassen sich durch automatisierte Systeme auf papierlosem Wege natürlich wesentlich effizienter umsetzen. Gleichzeitig haben wir viel in nachhaltige Produktionsmöglichkeiten investiert – neben einem hochmodernen Anlagenpark etwa auch in Hochleistungswärmepumpen in Kombination mit Solaranlagen; noch dazu beziehen wir ausschließlich grünen Strom. So können wir nicht nur den Erwartungen unserer Kunden an eine nachhaltige Produktion gerecht werden, sondern gleichzeitig dem zunehmend härteren Preisdruck standhalten. Denn die Zeiten der hohen Margen neigen sich auch in der Pharmaindustrie dem Ende zu.
Wirtschaftsforum: Gleichzeitig investieren Sie umfassend in die Aus- und Weiterbildung Ihrer Mitarbeitenden.
Lucian Cira: Wir haben inzwischen ein Modell unserer Produktionsanlagen als Mockup aufgebaut, wo neue Mitarbeitende ihre Tätigkeiten in einem sicheren Kontext unter Aufsicht einüben können und eben nicht unter tatsächlich sterilen Bedingungen, wo jeder Fehler sofort kritisch ist. Durch diese Maßnahme konnten wir die Zeit bis zum Erreichen der geforderten aseptischen Kompetenz von 1 bis 1,5 Jahren auf 4 bis 6 Monate verkürzen – bei unverändertem Qualifizierungsumfang. Als ebenso wirkmächtig stellte sich die Implementierung von VR-Lösungen im Schulungskontext heraus, denn so können neue Mitarbeiter schnell ein Gefühl dafür bekommen, wie langsam sie sich in Reinräumen bewegen müssen, um keinen Partikelflug auszulösen. Nicht wenige haben dann sehr frühzeitig erkannt, dass diese Tätigkeit nicht das Richtige für sie ist und das Unternehmen bald verlassen. Das ist für beide Seiten viel besser, als wenn man das erst nach Monaten feststellt.
Wirtschaftsforum: Welche weiteren Wachstumsziele verfolgen Sie für die nächsten Jahre?
Lucian Cira: Natürlich sind die Produktionskosten in Oberbayern besonders hoch, aber gleichzeitig ist hier das spezifische Know-how vorhanden, ohne das es in unserem Segment einfach nicht geht! Viele unserer Kunden kommen explizit zu uns, eben weil wir in Deutschland produzieren und nicht anderswo auf der Welt oder auch nur anderswo in Europa. Das bestärkt uns, diesen Standort in Wasserburg in den nächsten Jahren beherzt weiterzuentwickeln und ihn auch ein Stück weit zur Marke zu machen, genauso wie Ravensburg untrennbar mit Vetter Pharma oder Ulm mit Ratiopharm verbunden ist.















