Manager sind es gewohnt, als einsame Cowboys durch die Prärie zu reiten

Interview mit Martin Wehrle, Karriereberater, Autor und Journalist

Wirtschaftsforum: Herr Wehrle, in Zeiten in denen Extrovertierte die Welt zu beherrschen scheinen, betonen Sie in Ihrem neuen Buch „Der Klügere denkt nach“ die Vorzüge der stillen Typen. Sind Sie als Karrierecoach im Rampenlicht denn nicht selbst eher extrovertiert?

Martin Wehrle: Es stimmt, dass ich als Redner auf großen Bühnen stehe und zu Gast bin in TV-Talks wie Maischberger und Lanz. Aber bin ich deshalb extrovertiert? Nein, introvertiert. Das bedeutet eben nicht, dass sich einer im Schneckenhaus verkriecht. Das bedeutet vielmehr: Ein Mensch sammelt Energie, wenn er für sich allein oder in einer kleinen Gruppe ist. Dagegen werden Extrovertierte umso lebendiger, je mehr um sie herum passiert, z.B. auf Partys oder Gruppenreisen. Nach meinen großen Auftritten bin ich gern allein, um Energie zu schöpfen. Und übrigens: Das Vier-Augen-Gespräch, wie beim Coaching üblich, ist eine große Stärke der Introvertierten.

Martin Wehrle, Karriereberater, Autor und Journalist
„Nach meinen großen Auftritten bin ich gern allein, um Energie zu schöpfen.“ Martin WehrleKarriereberater, Autor und Journalist

Wirtschaftsforum: Sie waren in Ihrem Berufsleben bereits Manager, Abteilungsleiter und Journalist. Gab es einen bestimmten Schlüsselmoment, der Sie dazu bewegte Karrierecoach zu werden?

Martin Wehrle: Als Führungskraft habe ich eines Tages bemerkt: Ich kann nicht zwei Göttern gleichzeitig dienen, dem Unternehmen und den Mitarbeitern. Ich konnte Top-Mitarbeitern ja nur schwerlich empfehlen: „Wechseln Sie in eine andere Firma, hier ist das Spielfeld für Ihr Potenzial zu klein!“ Das wäre illoyal gegenüber der Firma gewesen. Als Karrierecoach und als Leiter des ersten Ausbildungsgangs für diesen Berufsstand bin ich nur mir selbst und meinen Klienten verpflichtet. Ich muss mich nicht verstellen, ich kann mit offenem Herzen arbeiten: Das fühlt sich gut an.

Wirtschaftsforum: Als einer der bekanntesten Karrierecoachs Deutschlands treffen Sie auf die unterschiedlichsten Persönlichkeiten. Wer ist Ihrer Meinung schwieriger zu beraten, Manager oder Angestellte?

Martin Wehrle: Natürlich Manager! Sie sind es gewohnt, als einsame Cowboys durch die Prärie zu reiten, alles selbst zu wissen und zu können. Viele sehen es sogar als Schwäche, dass sie sich überhaupt beraten lassen. Und es fällt ihnen schwer, mal nicht über die Zahlen zu reden, sondern über ihre Gefühle. Ich sage ihnen dann oft: Führung ist eine Humanwissenschaft. Die beste Führungskraft braucht soziale Kompetenz und muss Menschen lieben. Wer dagegen Mitarbeiter „unter sich“ hat, hat im Zweifel gar keine Mitarbeiter – sondern Gegenarbeiter.

Martin Wehrle, Karriereberater, Autor und Journalist
„Die beste Führungskraft braucht soziale Kompetenz und muss Menschen lieben.“ Martin WehrleKarriereberater, Autor und Journalist

Wirtschaftsforum: In einem Ihrer Seminare reden Sie darüber, dass dem Mittelstand die Zukunft gehört. Wie begründen Sie dies und was sollten mittelständische Unternehmen beachten, um wettbewerbsfähig zu bleiben?

Martin Wehrle: Diese Rede halte ich gern in mittelständischen Unternehmen, um aufzuzeigen: Größe ist nicht alles. Der Mittelstand ist deutlich beweglicher als die Konzerne, erdverbundener und näher an den Kunden dran: mehr Effizienz und weniger Bürokratie. Bis ein Konzern seinen Kurs wechselt oder auf eine Entwicklung reagiert, vergeht eine halbe Ewigkeit – dagegen kann ein kleines Unternehmen das Ruder schnell wenden. Eine Idee, die ein Mitarbeiter beim Frühstück hat, kann noch vor der Mittagspause umgesetzt sein. Der Einzelne hat viel mehr Verantwortung – aber man muss sie ihm auch geben. Das fällt einigen Inhabern schwer.

Wirtschaftsforum: Zum Abschluss eine persönliche Frage: Sie sind passionierter Angler. Gibt es einen großen Fisch auf Ihrer Liste, den Sie noch an Land ziehen wollen?

Martin Wehrle: Einen Hecht von über 1.30 m. Ich habe schon viele große gefangen, aber einen so großen noch nie.

Interview: Sarah Urquhart
Fotos: André Heeger

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

In der Kälte liegt die Kraft – Ein Macher zwischen Tradition und Moderne

Interview mit Holger Putze, Geschäftsführer über die Kälte- und Klimatechnik Holger Putze GmbH

In der Kälte liegt die Kraft – Ein Macher zwischen Tradition und Moderne

Man muss sich das mal vorstellen: 1995 fangen die in einem ehemaligen Kinderzimmer an. Vier Leute, eine Garage, der pure Wille. Heute, 30 Jahre später, stehen sie da mit 20…

Eine globale Vision für Lebensmittelverpackungen

Interview mit Alex Noake, Managing Director der Sabert Corporation Europe SA

Eine globale Vision für Lebensmittelverpackungen

Der Food-and-Beverages-Markt steht vielfach im Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn Verpackungsmaterialien im Hinblick auf ihre Nachhaltigkeitsbilanz weiter optimiert werden sollen. Der multinationale Sabert-Konzern hält hierfür spannende Lösungen bereit, die er gemeinsam…

Wenn Gerüche zum Standortfaktor werden

Interview mit Michael Luccisano, Geschäftsführer der Biothys GmbH

Wenn Gerüche zum Standortfaktor werden

Gerüche sind selten plakativ – aber immer präsent. In Industrieparks, Kläranlagen, auf Deponien oder Asphaltwerken entscheiden sie oft über Akzeptanz, Genehmigungen und Investitionsentscheidungen. Die Biothys GmbH aus Willstätt hat genau…

Spannendes aus der Region

Wenn Gerüche zum Standortfaktor werden

Interview mit Michael Luccisano, Geschäftsführer der Biothys GmbH

Wenn Gerüche zum Standortfaktor werden

Gerüche sind selten plakativ – aber immer präsent. In Industrieparks, Kläranlagen, auf Deponien oder Asphaltwerken entscheiden sie oft über Akzeptanz, Genehmigungen und Investitionsentscheidungen. Die Biothys GmbH aus Willstätt hat genau…

Eine globale Vision für Lebensmittelverpackungen

Interview mit Alex Noake, Managing Director der Sabert Corporation Europe SA

Eine globale Vision für Lebensmittelverpackungen

Der Food-and-Beverages-Markt steht vielfach im Zentrum der Aufmerksamkeit, wenn Verpackungsmaterialien im Hinblick auf ihre Nachhaltigkeitsbilanz weiter optimiert werden sollen. Der multinationale Sabert-Konzern hält hierfür spannende Lösungen bereit, die er gemeinsam…

E-Rechnungspflicht: Wie Unternehmen ihre Prozesse digitalisieren können

Interview mit Nicolas de Beco, CEO der Banqup Group

E-Rechnungspflicht: Wie Unternehmen ihre Prozesse digitalisieren können

Lang angekündigt, kommt sie doch schneller als gedacht – die E-Rechnungspflicht. Damit stehen viele Unternehmen vor der Herausforderung, schnellstmöglich ihre Prozesse zu digitalisieren und zu optimieren. Die Banqup Group bietet…

Das könnte Sie auch interessieren

Mit Haltung aufs Dach – und darüber hinaus

Interview mit Sebastian Engelskirchen, Geschäftsführer der Otto Lehmann GmbH

Mit Haltung aufs Dach – und darüber hinaus

Die Anforderungen an Bauprodukte steigen – sie sollen effizient, langlebig, nachhaltig und zugleich wirtschaftlich sein. Die Otto Lehmann GmbH mit Sitz in Neutraubling beweist seit Jahrzehnten, dass gerade spezialisierte mittelständische…

Kunden zu Fans machen

Interview mit Sebastian Lauer, Gesellschafter und Marius Ollinger, Gesellschafter der ZAHL Gebäudetechnik KG

Kunden zu Fans machen

„Wir wollen Kunden zu Fans machen“ – mit dieser Philosophie führt Marius Ollinger seit 2019 das saarländische Familienunternehmen ZAHL Gebäudetechnik durch unbeständige Zeiten. Vom politisch getriebenen Heizungsboom bis zur aktuellen…

Die Formel für nachhaltiges Wachstum

Interview mit Marcus Acker, Geschäftsführer der Imhoff & Stahl GmbH

Die Formel für nachhaltiges Wachstum

Die Chemiedistribution ist das verbindende Glied zwischen Herstellern und Industrie. Sie sorgt dafür, dass chemische Rohstoffe sicher, flexibel und termingerecht dorthin gelangen, wo sie gebraucht werden – in nahezu allen…

TOP