Regulatorische Sicherheit für die Chemieindustrie
Interview mit Dr. Michael Cleuvers, Geschäftsführer der knoell Germany GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Dr. Cleuvers, knoell hat sich von einem spezialisierten Beratungshaus zu einem international tätigen Unternehmen entwickelt. Wie ist diese Entwicklung verlaufen und wie ist das Unternehmen heute aufgestellt?
Dr. Michael Cleuvers: knoell wurde 1996 von Hans Emil Knoell gegründet und begleitete von Beginn an die chemische Industrie bei regulatorischen Fragestellungen. Mit der zunehmenden Internationalisierung der Kunden – verstärkt durch die Einführung der europäischen REACH-Verordnung – wuchs der Bedarf an spezialisierter Expertise deutlich. Da Unternehmen global agieren, Regulierung jedoch regional organisiert ist, haben wir unsere Beratung konsequent international ausgerichtet und eigene Standorte in Europa, Nordamerika und Asien aufgebaut.
Heute beschäftigen wir weltweit rund 600 Mitarbeitende bei einem Jahresumsatz von etwa 60 Millionen EUR. Entscheidend ist für uns dabei weniger die Größe als unsere fachliche Ausrichtung als naturwissenschaftlich geprägtes Beratungsunternehmen.
Wirtschaftsforum: Worin liegt die Kernleistung von knoell?
Dr. Michael Cleuvers: Wir bewerten vorhandene Daten, erstellen Registrierungs- und Zulassungsdossiers und führen Risikoabschätzungen durch – für Industriechemikalien ebenso wie für Pflanzenschutzmittel, Biozide, Kosmetika, Food-Contact-Materialien oder Medizinprodukte. Wichtig ist: Wir betreiben keine eigenen Labore und führen selbst keine Studien durch. Diese Unabhängigkeit erlaubt es uns, für unsere Kunden den wissenschaftlich sinnvollsten und wirtschaftlich effizientesten Weg zu wählen.
Wirtschaftsforum: Regulierung wird oft als Innovationshemmnis wahrgenommen. Welchen Ansatz verfolgt knoell im Umgang mit regulatorischen Vorgaben?
Dr. Michael Cleuvers: Regulierung setzt Rahmenbedingungen, kann Innovation aber auch lenken. Unser Ansatz ist es, sie als Gestaltungsraum zu verstehen. Es geht nicht darum, möglichst viele Daten zu erzeugen, sondern die richtigen. Die Regularien eröffnen Spielräume, wenn Abweichungen wissenschaftlich fundiert sind – etwa durch Read-across-Ansätze. Unser Anspruch ist es, regulatorisch belastbare Test- und Registrierungsstrategien zu entwickeln, die aufwändige Studien nach Möglichkeit vermeiden. Das ist eine unserer zentralen Kompetenzen.
Wirtschaftsforum: Sie sind seit vielen Jahren Teil von knoell und heute Mitglied der Geschäftsführung. Wie hat sich Ihr Aufgabenfeld im Unternehmen entwickelt?
Dr. Michael Cleuvers: Ich bin 2004 als Biologe mit Schwerpunkt Ökotoxikologie zu knoell gekommen und habe zunächst operativ Risikobewertungen erstellt. Mit der Einführung von REACH entstand ein neues Themenfeld, das ich von Beginn an mit aufbauen durfte. Daraus entwickelte sich schrittweise eine Managementrolle über Gruppen- und Abteilungsleitung hinweg. Seit 2013 bin ich Mitglied der Geschäftsführung der knoell Germany GmbH. Heute beobachte ich regulatorische Entwicklungen weltweit und leite daraus ab, wo sich neue Märkte, Services oder Standorte ergeben – etwa in Korea, wo wir frühzeitig eine eigene Tochtergesellschaft gegründet haben, um langfristigen Beratungsbedarf abzudecken und nah an unseren Kunden zu sein.
Wirtschaftsforum: Leistungsfähigkeit entsteht heute sowohl durch technologische Unterstützung als auch durch qualifizierte Mitarbeitende. Wie bringt knoell diese beiden Faktoren zusammen?
Dr. Michael Cleuvers: Digitalisierung und künstliche Intelligenz spielen für uns eine große Rolle, insbesondere beim Umgang mit umfangreichen Datenmengen. Wir investieren seit Jahren in Knowledge Management und eigene IT-Lösungen. KI setzen wir dort ein, wo Informationen strukturiert und voranalysiert werden müssen, etwa bei umfangreichen Studien. Die fachliche Bewertung und Verantwortung bleibt jedoch immer beim Menschen – KI ist für uns ein Werkzeug, kein Ersatz für regulatorische Expertise. Gleichzeitig sind unsere Mitarbeitenden unser zentrales Asset. Wir sind ein familiengeführtes Unternehmen und setzen bewusst auf flexible Arbeitsmodelle, eine hohe Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Homeoffice und eine offene Unternehmenskultur. Die Identifikation mit dem Unternehmen ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor.
Wirtschaftsforum: Ausgehend von Ihrem naturwissenschaftlichen Verständnis von Vorsorge: Welche Rolle übernimmt knoell im Zusammenspiel zwischen Industrie und Behörden?
Dr. Michael Cleuvers: Ich habe mich als Naturwissenschaftler immer dafür interessiert, wie Umwelt und Industrie zusammenwirken. In einer hoch industrialisierten Welt ist es aus meiner Sicht entscheidend, Risiken frühzeitig zu erkennen und zu begrenzen. Fälle wie PFAS zeigen, was passiert, wenn Stoffe eingesetzt werden, ohne ihre langfristigen Wirkungen zu Ende zu denken. Genau hier sehen wir unseren Beitrag: Dinge zu bewerten, bevor sie zum Problem werden. Im Zusammenspiel zwischen Industrie und Behörden verstehen wir uns als fachlicher Ansprechpartner und Vermittler auf Augenhöhe. Unsere Kunden wollen sichere, regelkonforme Produkte auf den Markt bringen. Wir helfen dabei, Entscheidungen fundiert vorzubereiten und diese gegenüber Behörden belastbar zu vertreten. Man gewinnt nicht jede Diskussion, aber man gewinnt Vertrauen – und das ist langfristig entscheidend.
Wirtschaftsforum: Wenn Sie auf die Entwicklung von knoell blicken: Was soll das Unternehmen künftig vor allem auszeichnen?
Dr. Michael Cleuvers: Verlässlichkeit und Qualität. Wir werden weiter international wachsen, aber sehr gezielt. Wachstum ist für uns kein Selbstzweck, sondern das Ergebnis guter Arbeit. Entscheidend ist, dort präsent zu sein, wo Regulierung relevant wird und wo unsere Expertise echten Mehrwert schafft.










