Vom Nebenprodukt zum Wertstoff

Interview mit Beatrice Buzzella, Vorsitzende und Geschäftsführerin der Green Oleo S.p.A.

Wirtschaftsforum: Frau Buzzella, Green Oleo blickt auf eine bemerkenswerte Geschichte zurück. Wie hat sich das Unternehmen entwickelt?

Beatrice Buzzella: Unsere Wurzeln reichen zurück bis ins Jahr 1923. Damals wurde das Unternehmen unter dem Namen Stabilimenti Chimici Mazzini gegründet – der Gründer war übrigens der Vater der berühmten Sängerin Mina, worauf man hier in Cremona sehr stolz ist. Ursprünglich wurden Schlachtabfälle zur Herstellung von chemischen Produkten genutzt – ein frühes Beispiel für Kreislaufwirtschaft, lange bevor der Begriff populär wurde.Später wurde das Unternehmen von verschiedenen Konzernen wie Unilever oder Croda geführt. 2012 hat meine Familie Green Oleo übernommen. Wir kommen selbst aus der Chemiebranche und wollten ein Unternehmen aufbauen, das natürliche Rohstoffe in den Mittelpunkt stellt. Heute leite ich den Familienbetrieb zusammen mit meinem Bruder Francesco.

Wirtschaftsforum: Was war Ihre Vision bei der Übernahme?

Beatrice Buzzella: Wir wollten eine grüne Chemie Wirklichkeit werden lassen – also nachhaltige Produkte aus pflanzlichen und tierischen Fetten, ohne auf petrochemische Rohstoffe zurückzugreifen. Gleichzeitig wollten wir ein europäisches Modell schaffen, das unabhängig von den großen, vor allem palmölbasierten Strukturen in Südostasien ist. Unsere Kompetenz liegt heute in der Verarbeitung von Nebenprodukten wie etwa Fettsäuren aus der Olivenölproduktion. Das ist nicht nur ökologisch sinnvoll, sondern auch technisch anspruchsvoll.

Wirtschaftsforum: Welche Produkte entstehen daraus?

Beatrice Buzzella: Unser Portfolio umfasst rund 100 Produkte, darunter Glycerine, Seifen, Fettsäuren und Ester. Die Anwendungen sind vielfältig – von Personal Care und Kosmetik über Schmierstoffe bis hin zu Kerzen oder Reinigungsmitteln. Besonders stark wachsen wir im Bereich Kosmetik, da hier natürliche Inhaltsstoffe stark gefragt sind. Unsere Produkte auf Olivenölbasis sind nicht nur nachhaltig, sondern auch technisch hochwertig – etwa als Grundlage für biobasierte Schmierstoffe mit hoher Leistungsfähigkeit.

Wirtschaftsforum: Was zeichnet Ihre Rohstoffstrategie aus?

Beatrice Buzzella: Wir setzen zu 100% auf biologisch abbaubare Rohstoffe, sowohl pflanzlich als auch tierisch. Dabei kaufen wir keine Abfälle, sondern hochwertige Nebenprodukte aus der Lebensmittelindustrie, die nicht mehr für den Verzehr zugelassen sind, wie etwa säurehaltige Fraktionen aus der Olivenölverarbeitung. Solche Stoffe führen wir in einen industriellen Wertstoffkreislauf zurück. Palmöl macht weniger als 5% unseres Rohstoff­einsatzes aus – und das ganz bewusst.

Wirtschaftsforum: Was hat es mit diesem bewusst geringen Einsatz von Palmöl auf sich?

Beatrice Buzzella: Für bestimmte Anwendungen ist es technologisch kaum ersetzbar. Wenn wir Palmöl einsetzen, dann nur aus zertifizierten, rückverfolgbaren Quellen. Wir diskutieren dieses Thema sehr offen mit unseren Kunden. Unser Ziel ist es, auch diesen Anteil perspektivisch weiter zu reduzieren. Aber wir wollen ehrlich bleiben: Komplett palmölfrei zu produzieren ist in einigen Bereichen derzeit technisch noch nicht möglich – zumindest nicht, ohne an Performance und Nachhaltigkeit an anderer Stelle einzubüßen.

Wirtschaftsforum: Was sind aktuell Ihre größten Herausforderungen?

Beatrice Buzzella: Zwei Themen beschäftigen uns besonders: die hohen Energiepreise, da wir ein energieintensiver Produktionsbetrieb sind – und der internationale Wettbewerb, insbesondere aus Asien. Dort sind Rohstoffe oft günstiger, aber meist nicht nachhaltig. Unser Anspruch ist es, mit Qualität, Transparenz und Zertifizierungen zu punkten. Seit Jahren erhalten wir die Platinum-Bewertung von EcoVadis – das gelingt nur etwa 1% der Unternehmen weltweit.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielen Innovationen in Ihrem Unternehmen?

Beatrice Buzzella: Eine große. In den letzten Jahren haben wir rund 40 Millionen EUR investiert – in neue Technologien, moderne Produktionslinien und vor allem in die kontinuierliche Weiterentwicklung unserer Prozesse. Wir arbeiten rund um die Uhr im Schichtbetrieb – ähnlich wie eine biobasierte Raffinerie. Unser Ziel: Die Produktion weiter hochfahren und neue Märkte erschließen. Besonders in der Kosmetik sehen wir großes Potenzial. Dort arbeiten wir bereits mit einem spezialisierten Partnerunternehmen an innovativen Lösungen, um gezielt neue Kundengruppen anzusprechen.

Wirtschaftsforum: Und wie steht es um die Zukunftspläne?

Beatrice Buzzella: Wir wollen unsere Position als führender europäischer Anbieter von Oleochemikalien weiter stärken – aber auf unsere eigene Art. Uns geht es nicht um kurzfristiges Wachstum, sondern um solides, nachhaltiges Unternehmertum. Wir sind unabhängig, tief in der Region verwurzelt und klar auf grüne Chemie ausgerichtet. Unsere Werte als Familienunternehmen geben uns dabei Orientierung. Für uns gehört wirtschaftlicher Erfolg untrennbar mit Verantwortung zusammen – das eine funktioniert ohne das andere nicht. Genau nach diesem Prinzip treffen wir auch unsere Entscheidungen.

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