„Urbane Mobilität vernünftiger gestalten“

Interview mit Thomas Grübel, Gründer und Vorstand der GOVECS AG

Wirtschaftsforum: Herr Grübel, was war Ihre Intention, als Sie GOVECS 2009 gegründet haben?

Thomas Grübel: Ich hatte schon zehn Jahre zuvor mein erstes Unternehmen, das ebenfalls Elektroroller herstellte, mit Sitz in Hongkong und Produktion in China gegründet. Es ist heute einer unserer stärksten Mitbewerber. 2008 habe ich die Entscheidung getroffen, nach Deutschland zu meiner Familie zurückzukehren. Ein Grund dafür war auch, dass ich näher am Zielmarkt Europa sein wollte. Mein Wunsch war es, Produkte in Europa für Europa herzustellen. Dahinter steckte auch der Nachhaltigkeitsgedanke. Ich wollte es vermeiden, Produkte um den halben Erdball zu transportieren.

Wirtschaftsforum: Haben Sie mit GOVECS gleich den europäischen Markt erobert?

Thomas Grübel: Die ersten Jahre verliefen nicht so wie geplant. Ich musste feststellen, dass die Elektromobilität in Europa noch lange nicht so weit war wie in Asien. 2008/2009 gab es hier zwar schon mal einen E-Mobilitäts-Hype, aber die Umsetzung begann erst etwa fünf Jahre später. Ich war also in Europa etwas zu früh dran. Da der Privatkundenmarkt noch nicht existent war, haben wir uns auf den B2B-Markt, das heißt auf Verleihfirmen, konzentriert. 2015 haben wir erkannt, dass der Sharingmarkt großes Potenzial hat, und unsere Fahrzeuge darauf abgestimmt. Und tatsächlich war der Sharingbereich in den letzten fünf Jahren unser größter Absatzkanal. Wir haben heute 15.000 Fahrzeuge in fast allen größeren Ländern in Sharingprojekten laufen, allein über 5.000 in Paris.

Wirtschaftsforum: Sie sind inzwischen aber auch auf dem Privatkundenmarkt erfolgreich...

Thomas Grübel: Richtig, ab etwa 2016 konnten wir in diesem Bereich die ersten Wachstumsraten verzeichnen. Wesentlich für unsere Entwicklung war, dass wir das ikonische deutsche Produkt, die Schwalbe, nach 20 Jahren als E-Version reanimiert haben. Sie ist heute unser stärkstes Produkt in Deutschland. Es folgten Zukäufe der Firma Elmoto mit ihrer jugendlicheren Produktlinie und im April diesen Jahres des Service-Unternehmens LiveCycle, durch das wir nun sechs Service-Standorte mit mobilen Werkstätten in Deutschland haben.

Wirtschaftsforum: Da stellt sich natürlich die Frage: Welcher Coup folgt als nächstes?

Thomas Grübel: In den nächsten Jahren wollen wir mit digitalen Produkten wieder Vorreiter sein. Als vermutlich erstes Unternehmen werden wir ein komplettes End-to-end-Produkt auf den Markt bringen. Wir kombinieren dazu die von uns produzierten Roller mit einer Inhouse-Anbindung an die Cloud und bieten verschiedene Back- und Front-end-Lösungen für alle Kundengruppen an. Ein Roller, der nur von A nach B fährt, ist heute schon etwas Old-School. Unser Ziel ist, den Kunden im Hinblick auf IoT ein interessantes Angebot zu unterbreiten.

Wirtschaftsforum: Gibt es noch weitere neue Angebote?

Thomas Grübel: Mit ZOOM SHARING haben wir in diesem Jahr neben den Sharingprojekten mit Verleihfirmen auch ein eigenes Sharing-Angebot für kleinere und mittelgroße Städte gestartet. Ganz neu ist unser einzigartiges Firmenroller-Leasing-Modell, ein für große und kleine Firmen sehr attraktives Mitarbeiterprogramm: Der Arbeitgeber least den Roller und überlässt ihn dem Mitarbeiter in Form einer Gehaltsumwandlung.

Wirtschaftsforum: Welche Gründe sind Ihrer Meinung nach für den Erfolg des Unternehmens verantwortlich?

Thomas Grübel: Eine wichtige Rolle spielt unsere Firmenkultur. Jeder ist, auch in schwierigeren Zeiten wie in diesem Jahr, bereit, seine Leistung abzurufen und hat Spaß an der Arbeit. Mit Spaß läuft es immer besser. Wir versuchen auch zu verstehen, was unser Kunde möchte, denn erfolgreiche Produkte müssen kunden- und nicht ingenieurgetrieben sein. Wichtig ist, immer wieder in den Markt hineinzuhorchen und sich zu fragen, was man noch besser machen kann.

Wirtschaftsforum: Welche Vision haben Sie für das Unternehmen?

Thomas Grübel: Wir möchten als globaler Player wahrgenommen werden und in Europa flächendeckend verfügbar sein. Hinter all dem steckt der Wunsch dazu beizutragen, dass die urbane Mobilität in Zukunft etwas vernünftiger gestaltet wird als es in den letzten 100 Jahren der Fall war.

Wirtschaftsforum: Was treibt Sie als erfolgreichen Unternehmer noch immer bei Ihrer Arbeit an?

Thomas Grübel: Als Unternehmer schaut man nicht auf monetäre Dinge, sondern ist von der Sache angetrieben. Wenn ich in München im Café sitze und Menschen, am besten noch mit einem Lächeln im Gesicht, auf unseren Rollern an mir vorbeifahren sehe, dann ist das für mich der schönste Moment.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema Mobilität

Versorgung der Zukunft: nachhaltig, digital, sicher

Interview mit Dino Höll, Geschäftsführer der Dessauer Versorgungs- und Verkehrsgesellschaft mbH – DVV – Stadtwerke

Versorgung der Zukunft: nachhaltig, digital, sicher

Energie, Mobilität, Wasser und Telekommunikation – die Stadtwerke Dessau sind weit mehr als ein klassischer Versorger. Als einer der größten Arbeitgeber der Region treiben sie nicht nur die Daseinsvorsorge voran,…

Wie Digitalisierung den Gleisbau verändert

Interview mit DI Dr. Bernhard Lichtberger, Geschäftsführer und Dr. Hans-Jörg Holleis, Geschäftsführer der system7 rail holding GmbH

Wie Digitalisierung den Gleisbau verändert

Die Bahn gilt als Rückgrat der Mobilitätswende – und die System 7 Railtechnology GmbH liefert die Technologie, um Gleise effizient und nachhaltig zu warten. Das österreichische Unternehmen hat sich auf…

Fahrzeugaußenflächen in Energiequellen umwandeln

Interview mit Dr. Bonna Newman, Chief Executive Officer der Lightyear Technologies B.V.

Fahrzeugaußenflächen in Energiequellen umwandeln

Die Bedeutung nachhaltiger Mobilität ist in der heutigen Zeit nicht zu unterschätzen. Der Erfolg dieser Transformation ist entscheidend, nicht nur als Maßnahme gegen den Klimawandel, sondern auch für die Wettbewerbsfähigkeit…

Spannendes aus der Region Landkreis München

Ein halbes Jahrhundert Kompetenz in der Vermögensverwaltung

Interview mit Christian Janas, Leiter Vermögensverwaltung, Mitglied der Geschäftsführung der DJE Kapital AG

Ein halbes Jahrhundert Kompetenz in der Vermögensverwaltung

Wer über ein Vermögen verfügt, möchte dieses gerne sicher und gewinnbringend anlegen. Mit der Erfahrung von mehr als einem halben Jahrhundert bietet sich die DJE Kapital AG als kompetenter Vermögensverwalter…

„Als Sprachdienstleister sind wir keine Blackbox“

Interview mit Heike Leinhäuser, Geschäftsführerin der Leinhäuser Language Services GmbH

„Als Sprachdienstleister sind wir keine Blackbox“

Zu den Kunden von Heike Leinhäuser und ihrem 50 Mitarbeiter starken Team aus erfahrenen Linguisten zählen zahlreiche multinationale Großunternehmen mit strengsten Qualitätsanforderungen an die korrekte und zielgruppengerechte Ausarbeitung ihrer Texte…

MedTech mit Verantwortung – Lösungen, die verbinden

Interview mit Laura Garcia Baglietto, Executive Vice President Medical Devices & Environment International der GBA Group und Dr. Timo Lebold, Geschäftsführer der GBA MDS GmbH

MedTech mit Verantwortung – Lösungen, die verbinden

Die GBA Group zählt zu den führenden Labor- und Beratungsdienstleistern im europäischen Life Sciences-Sektor. In Gilching bei München bietet die GBA Medical Device Services GmbH regulatorische Beratung und umfassende Analytik…

Das könnte Sie auch interessieren

Serielle Baukonzepte für einen veränderten Markt

Interview mit Mario Haubner, Geschäftsleiter und Stefanie Haubner, Geschäftsleiterin der Haubner Holding GmbH

Serielle Baukonzepte für einen veränderten Markt

Modulares Bauen gewinnt angesichts steigender Kosten und hoher Zinsen zunehmend an Bedeutung. Die Haubner Holding GmbH setzt dabei auf industrielle Vorfertigung, klare Prozesse und eine strategisch breit angelegte Ausrichtung. Mario…

„Es muss nicht immer gleich ein Roboter sein“

Interview mit Jörg Herre, Leiter Vertrieb und Marketing der Friedemann Wagner GmbH

„Es muss nicht immer gleich ein Roboter sein“

Die deutsche Industrie steht unter Druck. Investitionen werden verschoben, Projekte gestoppt. Und doch gibt es Unternehmen, die Kurs halten – mit Bodenhaftung, technischer Klarheit und einem langen Atem. Jörg Herre…

Der Wow-Effekt unter dem Helm

Interview mit Dirk Rosenbauer, Business Development ­Manager DACH, KASK Safety

Der Wow-Effekt unter dem Helm

Wenn es um Arbeitsschutz geht, entscheidet heute nicht mehr allein die Erfüllung von Normen über den Erfolg eines Produkts. In vielen Branchen zählt vor allem, ob Schutzausrüstung im Alltag akzeptiert…

TOP