100% Bio ohne Wenn und Aber
Interview mit René Belker, Geschäftsführer der GGBE GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Belker, die Gemüsegärtner gibt es seit 40 Jahren. Wie ist das Unternehmen entstanden, und wie sind Sie selbst dazugekommen?
René Belker: Fünf Gartenbau-Studenten haben sich Anfang der 1980er-Jahre in Osnabrück zusammengefunden und beschlossen: Wir machen ökologischen Landbau, komplett pestizidfrei. Sie haben ganz klein angefangen und anfangs zusammen in einer Dorfkneipe gewohnt. Ab 1983 wurde dann nach Bioland-Richtlinien angebaut und das Gemüse auf dem Wochenmarkt verkauft, mit einem selbst gezimmerten Palettenstand. 1986 haben sie sich voll dem Gemüseanbau gewidmet. Das ist für uns das eigentliche Gründungsjahr. Anfang der 1990er-Jahre kam der Lieferservice dazu, anfangs als reine Gemüsekiste.
2014 haben die beiden verbliebenen Gründer einen Nachfolger gesucht, weil die Kinder nicht übernehmen wollten. Ich hatte meine Lehre im Bio-Großhandel gemacht, sie haben mich abgeworben und gesagt: Du kannst hier eine Perspektive aufbauen, du brauchst kein Eigenkapital. 2017 habe ich den Betrieb gekauft; damals hatte er 30 Mitarbeitende und 200 Produkte. Heute sind wir über 130 Leute und haben mehr als 4.000 Artikel im Sortiment. Die beiden Altgesellschafter, beide über 70, sind heute noch zur Stelle, wenn ein Fahrer ausfällt oder auf dem Wochenmarkt Unterstützung gebraucht wird.
Wirtschaftsforum: Vom Gemüsekisten-Abo zum Vollsortimenter, das ist ein großer Schritt. Was war die Überlegung dahinter?
René Belker: Die entscheidende Frage war: Was braucht der Kunde wirklich? Wenn er ohnehin in den Bioladen fährt, um dort sein Haselnussmus oder seine Käseprodukte zu kaufen, dann können wir ihm das ebenso gut liefern. Also haben wir das Sortiment Schritt für Schritt erweitert: Obst, Gemüse, Fleisch, Käse, Trockenprodukte, Getränke, bis hin zu Duschgel und Wein. Heute bekommt man bei uns alles, was ein normaler Supermarkt führt, nur eben in 100% Bio-Qualität. Und das Besondere an unserem Modell: Wir bestellen bei unseren Händlern erst, wenn die Kundenbestellung vorliegt. Der Kunde erhält also immer das frischeste Produkt. Ein Supermarkt, der auf Vorrat bestellt, kann das nicht leisten.
Wirtschaftsforum: Sie beliefern wöchentlich 4.000 Haushalte. Wie funktioniert die Logistik?
René Belker: Wir liefern mit 17 eigenen Fahrzeugen aus, komplett in Eigenregie, ohne externen Lieferdienst. Dienstag bis Samstag bedienen wir Privatkunden, montags liefern wir Firmenobst: Über 200 Unternehmen in unserem Liefergebiet bestellen bei uns regelmäßig Äpfel, Bananen und anderes Obst. Allein am Montag gehen 2 t Bananen an Firmenkunden.
2024 haben wir unseren neuen Logistikstandort in Bramsche bezogen, direkt an der A1, mit 18.500 m2 Grundstück und 3.000 m2 Lagerfläche. Die Halle wurde in Holzbauweise errichtet, das war mir persönlich wichtig. Wir haben jeden Arbeitsplatz im Lager einzeln betrachtet und uns gefragt: Wie kann er in 10 oder 15 Jahren noch zeitgemäß sein? Selbst in die Kühlräume haben wir Fenster eingebaut, damit niemand im Dunkeln arbeiten muss.
Wirtschaftsforum: Woher kommen die Produkte, die nicht aus Ihrem eigenen Anbau stammen?
René Belker: Alles, was wir regional beschaffen können, beschaffen wir regional, in einem Radius von etwa 70 km. Wir haben Lieferanten, die nur Superschmelz-Kohlrabi oder nur Honig für uns produzieren, und größere Betriebe, die palettenweise anliefern. Auf unserer eigenen Gärtnerei in Kalkriese bauen wir auf 12,5 ha über 50 Kulturen an, von Zwiebeln über Porree bis Chicorée. Alle Salate im Sommer kommen von dort. Und im Onlineshop ist bei jedem Produkt transparent ausgewiesen, von welchem Erzeuger es stammt. Der Klimawandel macht uns dabei durchaus zu schaffen, wir müssen im Anbau umdenken. Seit fünf Jahren bauen wir Süßkartoffeln an, das wäre vor zehn Jahren in Deutschland nicht möglich gewesen.
Wirtschaftsforum: Wie digital ist ein Bio-Lieferservice im Jahr 2026?
René Belker: Die Kunden bestellen über unsere eigene App, die wir vor einigen Jahren selbst entwickelt haben. Darüber läuft auch die Kommunikation: Wenn einmal ein Produkt nicht in Ordnung war, meldet der Kunde das über die App und erhält umgehend eine Gutschrift. Gleichzeitig haben wir vier Mitarbeiter in der Kundenbetreuung, die telefonisch erreichbar sind, gerade für ältere Kunden, die anrufen und fragen, welcher Apfel diese Woche besonders gut ist. Kein automatisiertes Sprachmenü, sondern Menschen, die unser Sortiment kennen. Was mich darüber hinaus besonders beschäftigt: Wir testen derzeit einen KI-gestützten Chatbot, dem man Anweisungen geben kann wie ‚Ich möchte nächste Woche fünf regionale Gerichte kochen, bitte Rezepte vorschlagen und alle Zutaten in den Warenkorb legen.‘ Das funktioniert im Test bereits, und ich gehe davon aus, dass wir das im kommenden Jahr auch für die Kunden freischalten.
Wirtschaftsforum: Was treibt Sie für die nächsten Jahre an?
René Belker: Wir wollen weiter wachsen, dabei aber unseren Werten treu bleiben. 100% Bio, keine Kompromisse. Ich beobachte, dass viele Betriebe gerade ihre Grundsätze aufgeben, weil die allgemeine Stimmung sie dazu verleitet. Das werden wir nicht tun. Wir haben am neuen Standort noch ausreichend Fläche für die kommenden Jahre. Und ich sage offen: Ich bin gespannt, ob wir in fünf bis zehn Jahren überhaupt noch über Websites verkaufen oder ob das alles über KI-Plattformen laufen wird. Aber unabhängig davon, wie sich die Technik entwickelt: Bei uns weiß jeder Kunde, woher sein Essen kommt. Daran wird sich nichts ändern.












