„Es muss nicht immer gleich ein Roboter sein“

Interview mit Jörg Herre, Leiter Vertrieb und Marketing der Friedemann Wagner GmbH

Wirtschaftsforum: Herr Herre, stellen Sie sich bitte kurz vor. Wie sind Sie zur Friedemann Wagner GmbH gekommen?

Jörg Herre: Ich bin 57 Jahre alt, Wirtschaftsingenieur und seit zehn Jahren im Unternehmen. Ich habe bewusst den Schritt in einen kleineren Betrieb gemacht, weil mich der Aufbau gereizt hat. Als ich kam, gab es keinen eigenen Vertrieb – null. Das war viel Arbeit, aber genau das wollte ich: gestalten. Ich komme noch aus einer Generation, in der man auch in schwierigeren Zeiten bleibt und sich durchbeißt. Das gilt für die Ehe, für die Familie – und auch für ein Unternehmen.

Wirtschaftsforum: Wofür steht die Friedemann Wagner GmbH?

Jörg Herre: Wir sind ein schwäbisch geprägtes, eigenkapitalfinanziertes Unternehmen im Bereich Automatisierung. Unsere Produkte – Rundschalttische, Schwenkeinheiten, Pick-and-Place-Systeme – sind Module für kundenspezifische Lösungen. Technisch solide, langlebig, eher Nische als Massenmarkt. Früher waren wir stark im Distributionsgeschäft unterwegs, heute bauen wir Schritt für Schritt unsere eigene Marke auf.

Wirtschaftsforum: Wie erleben Sie die aktuelle Marktsituation?

Jörg Herre: Ganz offen: Wir partizipieren am Abwärtstrend der deutschen Industrie. Wenn unsere Kunden keine neuen Anlagen bauen, brauchen sie auch keine Automatisierungsmodule. Viele Projekte werden verschoben oder ganz gestrichen. Das liegt nicht an unseren Produkten, sondern am Investitionsklima. In der Automatisierung wirkt sich das zeitversetzt aus. Wenn heute kein Projekt geplant wird, fehlt uns im Herbst der Auftrag.

Wirtschaftsforum: Und trotzdem stehen Sie noch stabil da. Warum?

Jörg Herre: Weil wir bodenständig sind. Eigenkapital, Augenmaß, keine überzogenen Risiken. Wir haben erstmals Kurzarbeit eingeführt – moderat –, um unsere Mannschaft zu halten. Fachkräfte verlieren wir nicht leichtfertig. Und wir liefern schnell: Viele Produkte sind in zwei bis drei Wochen verfügbar. Das schätzen unsere Kunden, gerade wenn eine Anlage stillsteht.

Wirtschaftsforum: Wo sehen Sie Chancen?

Jörg Herre: Es muss nicht immer gleich ein Roboter sein. Wir haben einen manuell angetriebenen Rundschalttisch entwickelt – eine hybride Lösung für einfache Anwendungen. Außerdem überarbeiten wir unseren Pick-and-Place-Baukasten, um kostengünstige, weniger komplexe Alternativen anzubieten. In Zeiten knapper Budgets rücken Retrofit und einfache Lösungen stärker in den Fokus.

Wirtschaftsforum: Nachhaltigkeit ist ein großes Thema. Wie gehen Sie damit um?

Jörg Herre: Wir leben das seit Jahren. Unsere Produkte werden aufgearbeitet – selbst Stoßdämpfer für rund 100 EUR können zweimal überholt werden. Rundschalttische, die 20 Jahre im Einsatz waren, kommen zurück, bekommen neue Dichtungen – und laufen weiter. Das ist echte Nachhaltigkeit. Für den Vertrieb ist das manchmal ein zweischneidiges Schwert, weil wir weniger Neuprodukte verkaufen. Aber es stärkt Vertrauen.

Wirtschaftsforum: Welche Rolle spielt die Digitalisierung?

Jörg Herre: Unsere Produkte selbst sind keine KI-Systeme – sie arbeiten pneumatisch. Aber wir haben unsere Website komplett neu aufgestellt. Konstrukteure können 3D-Daten, technische Informationen und Ersatzteillisten direkt herunterladen. Rund 80% der Neukontakte entstehen inzwischen online. Wir setzen auf technische Klarheit statt Hochglanzmarketing.

Wirtschaftsforum: Was erwarten Sie von der Politik?

Jörg Herre: Mehr Handlungsfähigkeit und mehr Augenmaß. Europa sitzt zu oft neben dem Tisch statt am Tisch. Wir haben enormes Know-how. Aber wir brauchen verlässliche Rahmenbedingungen. Unternehmer können mit schwierigen Situationen umgehen – was wir nicht können, ist Dauerunsicherheit.

Wirtschaftsforum: Ihr Ausblick für das laufende Jahr?

Jörg Herre: Realistisch betrachtet sehe ich eine leichte Verbesserung, aber noch kein Lichtlein am Tunnelende. Unser Ziel ist, die Talsohle zu durchschreiten. Wir arbeiten an Sichtbarkeit, an Messen wie der All About Automation und an unserer digitalen Präsenz. Die Produkte sind gut – das wissen unsere Kunden. Jetzt braucht es Geduld und Durchhaltevermögen.

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