„Nachhaltigkeit ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit“

Interview mit Hartmut Schoon, CEO der Enneatech AG

Die Wurzeln der Enneatech AG reichen bis in die 1960er-Jahre zurück, als Hartmut Schoons Schwiegervater ein Entsorgungsunternehmen in Ostfriesland gründete. In den 1970er-Jahren begann er mit der Rückführung von Wertstoffen wie Metall, Glas und Papier. Später kam die Kompostierung von Biomüll hinzu – eine der ersten Anlagen dieser Art in Deutschland. Doch das Problem mit Kunststoffabfällen, die durch den Wind flogen, führte schließlich zum Kunststoffrecycling. „Damals hat man sich Gedanken gemacht, wie man die Folien waschen und wiederverwerten kann“, erinnert sich Hartmut Schoon. Diese Pionierarbeit legte den Grundstein für die heutige Enneatech AG. Seit 2009 hat sich das Unternehmen von einem kleinen Recyclingbetrieb zu einem führenden Anbieter nachhaltiger Kunststofflösungen entwickelt.

Nachhaltigkeit als Philosophie

„Klimaschutz ist eine der vordringlichsten Aufgaben unserer Zeit“, betont Hartmut Schoon. Seit der Gründung 2009 verfolgt das Unternehmen das Ziel, klimaneutrale Kunststoffe herzustellen. Durch den Einsatz von Recyclingmaterialien können Kunden ihren CO2-Fußabdruck deutlich senken. „Denn Recycling macht einen enormen Unterschied in der CO2-Bilanz“, erklärt Hartmut Schoon. „Die mit dem Einsatz von einer Tonne ENTRON eco eingesparte Menge CO2 entspricht zum Beispiel nahezu einer Weltumrundung.“ Diese Philosophie ist tief in der Unternehmensstruktur verankert. Schon früh hat Enneatech AG mit der Erstellung von Produkt-Karbon-Fußabdrücken (PCF) und Umweltproduktdeklarationen (EPD) begonnen – eine Pionierleistung, die heute als Standard gilt.

Hochwertige taxonomiefähige Recyclate und Compounds

Ein zentraler Aspekt der Enneatech AG ist die Entwicklung innovativer Technologien, die es ermöglichen, Recyclate mit Neuware zu vergleichen. „Wir haben Technologien entwickelt, mit denen wir auf Augenhöhe mit Neuware sind“, sagt Hartmut Schoon. Durch spezielle Compoundierungsverfahren erreichen die Recyclate mechanische Eigenschaften, die denen von Neuware entsprechen. „Das ist ein Novum in der Branche“, betont er. Diese Innovationen sind das Ergebnis jahrelanger Forschung und Entwicklung, bei der das Unternehmen stets auf Qualität und Nachhaltigkeit setzt. Besonders stolz ist Hartmut Schoon auf die Entwicklung eines Compounds mit einer Schlagzähigkeit von 120 kJ/m2 – ein Wert, der selbst die Anforderungen anspruchsvoller Kunden übertrifft.

Herausforderungen meistern

Doch das Kunststoffrecycling birgt auch Herausforderungen. „Die größte Herausforderung ist die gleichbleibende Qualität“, erklärt Hartmut Schoon. Da die Eingangsstoffe variieren, muss das Labor täglich neue Rezepturen entwickeln. „Das ist die höchste Kunst in der Kunststoffverarbeitung“, so der Geschäftsführer. Zudem sind Dokumentationspflichten und Genehmigungen komplex. „Wir sind ein zertifizierter Entsorgungsfachbetrieb“, betont Hartmut Schoon. „Das bedeutet, dass wir strenge Auflagen erfüllen müssen, um Abfälle behandeln zu dürfen.“ Ein weiteres Hindernis ist der Wettbewerb mit günstiger Neuware aus Asien. „Als energieintensiver Betrieb können wir nicht einfach mit den Preisen mithalten“, gibt Hartmut Schoon zu. „Doch langfristig werden sich die Rahmenbedingungen ändern, und dann sind wir bestens aufgestellt.“

Globale Rohstoffsicherung

Die Enneatech AG bezieht ihre Rohstoffe weltweit – von Nordamerika bis Vorderasien. „Wir kaufen Garnreste aus der Teppichproduktion und andere postindustrielle Abfälle“, erklärt Hartmut Schoon. „In letzter Zeit haben wir auch neue Quellen für Post-Consumer-Abfälle erschlossen.“ Besonders wichtig ist dem Unternehmen die gleichbleibende Qualität der Eingangsstoffe. „Wir können nicht einfach alles verarbeiten, was reinkommt“, betont Hartmut Schoon. „Unser Labor arbeitet täglich daran, die richtigen Mischungen zu finden.“ Mit einer Verarbeitungskapazität von bis zu 20.000 t Polyamid pro Jahr gehört Enneatech AG zu den führenden Recyclingunternehmen in Europa.

Zukunftsaussichten

Die Enneatech AG blickt zuversichtlich in die Zukunft. „Wir haben noch Kapazitäten für Expansion“, sagt Hartmut Schoon. Der Compoundbereich könnte auf 18.000 t erweitert werden. Zudem arbeitet das Unternehmen an digitalen Lösungen, um Prozesse effizienter zu gestalten. „Der Zug der Nachhaltigkeit fährt bereits, und wer jetzt einsteigt, hat die besten Chancen, die zukünftigen Anforderungen zu erfüllen“, betont er. Besonders vielversprechend sind aktuelle Projekte mit Automobilherstellern. „Wir sind in verschiedenen Projekten drin, die erst 2027 starten werden“, verrät Hartmut Schoon. „Das zeigt, dass die Branche langsam umdenkt.“

Nachhaltigkeit als Erfolgsfaktor

Die Enneatech AG zeigt, dass Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit Hand in Hand gehen können. Im September 2025 wurde die Enneatech mit der EcoVadis Platinium-Medaille ausgezeichnet. Somit gehört Enneatech offiziell zu den TOP 1% der nachhaltigsten Unternehmen weltweit. Bewertet werden 150.000 Unternehmen aus 220 Branchen und 180 Ländern der Welt – anhand internationaler Standards und ESG-Kriterien in den vier zentralen Bereichen Umwelt & Klimaschutz, Arbeits- & Menschenrechte, Ethik & Compliance und Nachhaltige Beschaffung. „Unser Ziel ist es, dass alle kunststoffverarbeitenden Unternehmen weltweit nachhaltige Kunststoffgranulate einsetzen“, sagt Hartmut Schoon. Ein ambitioniertes Ziel – aber mit der richtigen Strategie ist es erreichbar. „Nachhaltigkeit ist kein Luxus, sondern eine Notwendigkeit“, schließt er.

Tags
Nach themenverwandten Beiträgen filtern

Mehr zum Thema

„Keep it simple“ - Einfachheit als Geschäftsmodell

Interview mit Stephan Riese, CEO der reputatio systems GmbH & Co. KG

„Keep it simple“ - Einfachheit als Geschäftsmodell

Was braucht ein Unternehmen wirklich, um zu funktionieren? Für Stephan Riese ist die Antwort klarer, als viele denken. Mit reputatio systems entwickelt er Lösungen, die Komplexität reduzieren. Ein Gespräch über…

Café-Kultur trifft Backstube

Interview mit Gürol Gür, Geschäftsführer der Schanzenbäckerei GmbH

Café-Kultur trifft Backstube

Das Bäckerhandwerk steht unter hohem Veränderungsdruck: Hohe Energie- und Rohstoffkosten, steigende Löhne, Ansprüche an Sortiment und Service sowie der Fachkräftemangel zwingen Betriebe dazu, ihre Strukturen kontinuierlich weiterzuentwickeln. Gleichzeitig bleibt der…

Sitzmöbel mit Liebe zum Detail

Interview mit Ramon Werner, Verwaltungsratspräsident der de Sede AG

Sitzmöbel mit Liebe zum Detail

Manche Möbel füllen einen Raum, andere prägen ihn. Genau für diesen Anspruch steht die de Sede AG aus Klingnau in der Schweiz. Das Unternehmen fertigt exklusive Ledermöbel, die weit über…

Spannendes aus der Region Landkreis Aurich

Die deutsche Antwort auf US Tech

Interview mit Sebastian Schwarz, Geschäftsführer der //CRASH Unternehmensgruppe

Die deutsche Antwort auf US Tech

Was 1999 mit Endanwender Software begann, ist heute eine diversifizierte IT-Unternehmensgruppe mit 160 Mitarbeitenden und drei starken Geschäftsfeldern. Sebastian Schwarz, einer der drei Geschäftsführer der //CRASH Unternehmensgruppe in Rastede, spricht…

Verpackungen, die es in sich haben

Interview mit Florian Münch-Glatzer, Geschäftsführer der Oldenburger Kartonagen-fabrik U. Burmeister GmbH

Verpackungen, die es in sich haben

Seit über fünf Jahrzehnten ist die Oldenburger Kartonagenfabrik U. Burmeister GmbH mit Sitz in Bad Zwischenahn ein zuverlässiger Partner für individuelle Verpackungslösungen aus Wellpappe. Was als klassische Kartonagenproduktion begann, hat…

Hohes Ansehen mit tiefen Bohrungen

Interview mit Rimt Wortberg, Geschäftsführer der Thade Gerdes GmbH

Hohes Ansehen mit tiefen Bohrungen

Aufschlussreich und tiefgründig – zwei Adjektive, die ein Unternehmen aus dem hohen Norden Deutschlands nicht treffender beschreiben könnten. Die Thade Gerdes GmbH ist ein gefragter Partner, der nicht nur in…

Das könnte Sie auch interessieren

Großbau auf sicherer Basis

Interview mit Thomas Meyer, Gründer und Geschäftsführer der Meyer Erdbau GmbH

Großbau auf sicherer Basis

Bevor Bauwerke entstehen, müssen komplexe Aufgaben im Untergrund gelöst werden – präzise, terminsicher und in großen Dimensionen. Genau hier liegt die Stärke der Meyer Erdbau GmbH mit Sitz in Schönwalde-Glien…

Wie ein Familienunternehmen die Kreislaufwirtschaft revolutioniert

Interview mit Lars Jennissen, Chief Technology & Innovation Officer der N+P Group B.V.

Wie ein Familienunternehmen die Kreislaufwirtschaft revolutioniert

Seit 1992 verwandelt die niederländische N+P Group B.V. ʻAbfallʼ in wertvolle Rohstoffe und klimaneutrale Energieträger. Mit technologischem Pioniergeist, einer gelebten Familienkultur und europaweiter Präsenz beweist das Unternehmen aus Nieuw-Bergen, dass…

Die Kunst, Verbindungen dauerhaft dicht zu halten

Interview mit Dr. Matthias Orth, Geschäftsführer der SEALABLE Solutions GmbH

Die Kunst, Verbindungen dauerhaft dicht zu halten

Wenn neue Tunnel gebohrt werden, Metrolinien wachsen oder Straßenbahnen leiser und sicherer durch Innenstädte fahren sollen, spielt ein Detail eine Schlüsselrolle, das kaum jemand sieht: die richtige Abdichtung – und…

TOP